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Patrick Meurs im Gespräch: Interview zum Thema Integration: „Nicht allen Kindern tut das Sprachbad gut“

Den Kleinsten, so heißt es oft, fällt es am leichtesten, neue Sprachen zu lernen und sich in verschiedenen Kulturen einzuleben. Doch ganz so einfach ist es nicht, sagt Dr. Patrick Meurs, Leiter des Sigmund-Freud-Instituts. Er trifft sich regelmäßig mit Erziehern und vor allem Erzieherinnen aus Frankfurter Kindergärten, die ihm viel über die Schwierigkeiten erzählen, die auftauchen, wenn Kinder und Eltern andere Sprachen sprechen und jeder andere Erwartungen in die Kita trägt. Was er dann rät, erklärte der Psychologe FNP-Redakteurin Inga Janovic im Interview.
„Das Aufwachsen in verschiedenen Sprachsystemen ist nicht für alle Kleinkinder gleichermaßen einfach“, sagt Dr. Patrick Meurs, Leiter des Sigmund-Freud-Instituts. Etwa eines von sechs Kindern bereite das Aufwachsen in zwei (Sprach-)Kulturen Schwierigkeiten. Bilder > Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA „Das Aufwachsen in verschiedenen Sprachsystemen ist nicht für alle Kleinkinder gleichermaßen einfach“, sagt Dr. Patrick Meurs, Leiter des Sigmund-Freud-Instituts. Etwa eines von sechs Kindern bereite das Aufwachsen in zwei (Sprach-)Kulturen Schwierigkeiten.

Herr Meurs, das Sigmund-Freud-Institut arbeitet schon länger mit den städtischen Kindergärten zusammen, bietet regelmäßig Fortbildungen für Erzieherinnen an. Das letzte Thema war die Diversität, worum ging es da genau?

PATRICK MEURS: In den Kindergärten einer Stadt wie Frankfurt treffen viele unterschiedliche Erwartungen aufeinander, Eltern wie Erzieher sind gefordert, gemeinsame Wege zu finden. Wenn man sich die Sorge um ein Kind teilt, kommen auf beiden Seiten widersprüchliche Gefühle auf. Gerade, wenn Eltern einen anderen kulturellen Hintergrund haben, können unterschiedliche Erwartungen und Ambivalenzen noch mehr in den Vordergrund rücken. Dann gibt es Redebedarf.

Wobei das Reden in der Praxis nicht immer leicht fällt – Kindergärten kämpfen oft mit Sprachhürden.

MEURS: Aus unserem Projekt „Erste Schritte“, das wir im Jahr 2000 in Brüssel begonnen haben und das seit 2010 erstmals in Frankfurt, später dann auch in Berlin und Stuttgart, etabliert wurde, wissen wir, dass Kinder, die in Familien mit Migrationshintergrund aufwachsen, vor allem in den Bereichen Sprache und kognitive Entwicklung benachteiligt sein können. Das Aufwachsen in verschiedenen Sprachsystemen ist nicht für alle Kleinkinder gleichermaßen einfach.

Aber es heißt doch überall, dass es für Kinder das Beste überhaupt wäre, wenn sie mit verschiedenen Sprachen und Kulturen aufwachsen?

MEURS: Eine frühe Begegnung mit verschiedenen Sprachen und Verhaltensweisen ist durchaus ein Vorteil für die Entwicklung. Aber ein gewisser Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund hat Probleme damit, mit zwei Sprachsystemen konfrontiert zu sein. Warum das so ist, wissen wir allerdings nicht genau.

Wie groß ist diese Gruppe?

MEURS: Nach unseren Befunden ist es eins von sechs Kindern mit Migrationshintergrund, das beim ersten Spracherwerb eine langsamere Entwicklung als die anderen aufweist. Deshalb müssen wir die Kinder früh fördern und die Eltern dazu bringen, sich auf die Konflikte, die ein Aufwachsen in zwei Kulturen beinhaltet, vorzubereiten und sie für sich und das Kind zu lösen.

Mit Ihren Forschungen erarbeiten Sie Wege, wie das passieren kann?

MEURS: Wir bieten als Frühprävention Mutter-Kind-Gruppen an, um eine sichere Bindung zwischen Müttern und Kindern dafür zu nutzen, die Sprachentwicklung, die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis etc. schon früh zu fördern. Das hat große Effekte: Die früh geförderten Kinder schneiden im Vergleich mit einer Kontrollgruppe im Kindergarten und in der Grundschule besser ab. Das ist bis ins Teenager-Alter hinein zu beobachten.

Was heißt in diesem Fall früh? Wie alt sind die Kinder?

MEURS: Die Initiative richtet sich an Familien mit Kindern zwischen null und drei. Aber es gibt jetzt auch Folgeprogramme für Eltern und Kinder im Kindergarten, in der Grundschule und der Adoleszenz.

Gibt es bestimmte Sprachkombinationen, in denen Kindern das Leben in zwei oder mehr Sprachen leichter oder schwerer fällt?

MEURS: Das haben wir nicht beobachtet. Was wir wissen ist, dass es für die Kinder besser ist, wenn die Eltern hauptsächlich die Sprache mit ihnen sprechen, in der sie sich emotional am wohlsten fühlen. Das sind dann sehr häufig die Herkunftssprachen. Aber die Eltern müssen darauf vorbereitet sein, dass ab einem bestimmten Punkt – meist beim Eintritt in den Kindergarten – noch eine andere Sprache hinzukommt.

Das ist nicht selbstverständlich?

MEURS: In unseren Mutter-Kind-Gruppen wünschen sich alle Mütter, dass ihr Kind gut Deutsch lernt. Aber zugleich berichten sie von ihrer Angst, dass es durch diese neue Sprache ein Fremder in der eigenen Familie werden könnte.

Was also tun? Notfalls mit den Kindern doch das eigene holprige Deutsch sprechen?

MEURS: Das ist nicht eindeutig geklärt. Natürlich ist es hilfreich, wenn die Eltern den Umgang mit der zweiten Sprache vorleben, sie gut beherrschen. Kinder übernehmen aber nicht automatisch alle Fehler der Eltern. Sie werden ja nicht nur zu Hause sozialisiert. Es gibt viele Jugendliche, die Deutsch besser sprechen als ihre Eltern.

Das kann sich dann wirklich wie eine Entfremdung anfühlen.

MEURS: Bei manchen Eltern ist diese Ambivalenz spürbar. Sie möchten nichts mehr, als dass ihr Kind sich gut integriert, erfolgreich ist. Aber gleichzeitig gibt es die Sorge, ob man als Mutter oder Vater überhaupt noch Identifikationsfigur sein kann, dem Kind den Weg in die Gesellschaft zeigen kann. Kinder spüren diese Zweifel deutlich, als Teenager spielen sie natürlich auch damit.

Interessiert an allem Menschlichen

Ende 2016 übernahm der Psychologe Dr. Patrick Meurs, der auch Abschlüsse in Religionswissenschaften, Kulturanthropologie und der Kinder- und Jugendtherapie vorweisen kann, die Leitung des renommierten Sigmund-Freud-Instituts.

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Neben der Sprache sind es auch kulturelle Unterschiede, die im Kindergarten zum Thema werden. In Familien beispielsweise aus arabischen Ländern genießen die Söhne häufig so gut wie grenzenlose Freiheit. Diese kleinen Könige fordern Erzieherinnen stark.

MEURS: Darüber diskutieren wir mit den Eltern und Erzieherinnen sehr oft. Sie müssen lernen, zu erkennen, wann es zu Konflikten kommt, wann etwas schief geht. Dann könnten sie früher eingreifen und mit anderen Mitteln Grenzen setzen, als diese Kinder wieder und wieder zu ermahnen oder manchmal aus der Gruppe zu verweisen. Kinder brauchen Grenzen, besonders Jungs. Übrigens fragen mich auch Mütter mit Migrationshintergrund oft, wie sie ihre Söhne erziehen sollen, ob sie streng sein dürfen.

Und, dürfen Sie?

MEURS: Ich bin überzeugt, dass wir die väterliche Seite des Erziehens, das Strukturieren und Begrenzen, auf keinen Fall weglassen dürfen. In Familien nicht und in den Kitas auch nicht. Wir Erwachsene brauchen keine Angst zu haben, gesunde Autorität zu zeigen.

Sie sprechen von der väterlichen Seite. Tatsächlich sind Bildung und Erziehung bei uns nach wie vor stark weiblich dominiert.

MEURS: Es gibt viele Jungs, die bis zu zwölf Jahre alt werden, ohne einen männlichen Begleiter zu haben. Wenn der Vater in der Familie nicht sehr präsent ist, im Kindergarten und in der Grundschule nur Frauen arbeiten, dann treffen sie in ihrem Leben kaum auf Männer.

Was fehlt den Jungs dadurch?

MEURS: Vor allem jemand, der sagen kann: Jetzt ist Schluss. Erfahren sie etwa im Kindergartenalter keine Grenzen, können sie keine gute Lernhaltung für die Schule entwickeln.

Ich kann als Mutter auch streng sein.

MEURS: Natürlich. Aber es ist wichtig, dass ein Kind auch der väterlichen Art der Strukturierung begegnet und nicht nur der mütterlichen Weise, sich mit dem Kind abzustimmen.

Reagieren Kinder anders, wenn der Vater Stopp sagt?

MEURS: Ja, Väter gehen anders mit ihren Kindern um als Mütter. Mit Töchtern etwa sind sie vorsichtiger. Das beginnt schon sehr früh im Leben. Auch das war mal Thema eines Treffens mit den Erzieherinnen.

Streng sein ist in vielen Familien aus der Mode – so weit es geht, versuchen die Eltern nicht gegen, sondern im Einvernehmen mit ihren Kindern durch den Alltag zu kommen.

MEURS: Es ist ein Gewinn, dass man heutzutage viel mehr mit Kindern redet und verhandelt. Aber manchmal vergisst man dabei, dass Kinder auch eine Klarheit darüber brauchen, wer entscheidet, was gilt, wann Schluss ist.

Das wird Mütter und Väter, die auch mal ans Ende ihrer Geduld kommen, beruhigen. . .

MEURS: In der Psychoanalyse sprechen wir vom Realitätsprinzip. Kinder fühlen sich manchmal omnipotent, sie glauben oder phantasieren dann, dass sie alles können und entscheiden. Aber tatsächlich ist es ja nicht so, das müssen die Kinder auch erfahren und begreifen können.

Väter gehen neuerdings in Elternzeit. Die väterliche Seite der Erziehung ist doch im Kommen?

MEURS: Nicht unbedingt. Ich habe den Eindruck, dass diese junge Generation der Männer oft daran zweifelt, ob sie sich als Väter auch mal als solche darstellen dürfen. Die ältere Generation war oft zu streng, jetzt haben wir eine Art Gegenbewegung. Vielleicht müssen wir durch diese Phase, um zu klären, was Männlichkeit und Väterlichkeit sind. Aber leider reden Männer darüber viel seltener als Frauen.

Haben sich die Mütter auch verändert?

MEURS: Sie sind in den vergangenen 50 Jahren viel mündiger geworden.

Haben Sie grundsätzlich das Gefühl, dass die Kitas in Frankfurt so aufgestellt sind, dass sie mit den Herausforderungen der Diversität auch gut umgehen können?

MEURS: Ich sehe das sehr optimistisch, weil ich in den Kindertagesstätten bislang immer Mitarbeitern und Verantwortlichen begegnet bin, die das Thema sehr engagiert angegangen sind, die wollen, dass das Miteinander hier in Frankfurt gelingt.

Ich vermute, die Frauen und Männer, mit denen Sie zu tun haben, wünschen sich klare und praktische Antworten von Ihnen?

MEURS: Natürlich, aber es ist nicht ganz einfach. Reichtum und Konflikt der interkulturellen Begegnung liegen nah beieinander. In einem Kindergarten mit verschiedenen Nationalitäten gibt es beispielsweise sehr verschiedene Ansichten darüber, was eine Mutter tut, wenn ein Kind weint. Die Art, ein Kind zu trösten, ist in der deutschen Gesellschaft in bestimmter Hinsicht eine andere als etwa in einer westafrikanischen oder afghanischen. Sich darüber zu verständigen, ist eine bereichernde Seite der Diversität.

Und der Konflikt kommt auf, wenn die Erzieherin das Kind zu früh oder zu spät auf den Arm nimmt?

MEURS: Ja, zum Beispiel. Aber ich finde es sehr wichtig, dass die Einrichtungen das Vorhandensein verschiedener Verhaltensweisen auch erkennbar machen. So entsteht Dialog.

Nicht immer. Erzieherinnen beklagen häufig, dass sie keinen Kontakt zu den Eltern beziehungsweise Müttern aus Migrantenfamilien finden.

MEURS: Diese Klage höre ich auch häufig. Ich erzähle dann gern die Geschichte einer Mutter mit fünf Kindern, die erst mit ihrem jüngsten Kind in eine unserer Mutter-Kind-Gruppen in Belgien kam. Zuvor ist sie jeder Begegnung in Kita und Schule ausgewichen. Sie hatte Angst davor, mit den belgischen Erziehern und Lehrern über ihr Kind zu sprechen. Aber sie hatte wahrgenommen, dass es immer eine Einladung zum Gespräch gab. Erzieherinnen sollten nicht aufhören, die Eltern immer wieder einzuladen, auch wenn dies scheinbar zuerst einmal nicht mit Enthusiasmus aufgenommen wird.

Einen richtigen Königsweg haben Sie jetzt aber nicht aufgezeigt. Man kommt also nicht drum herum, für jede einzelne Situation Lösungen zu suchen?

MEURS: Richtig. Auch deshalb sind unsere Treffen mit den Erziehern und Erzieherinnen so wichtig: Es braucht einen Raum, in dem sie sich erzählen können, wie schwierig ihre Arbeit manchmal sein kann. Im Alltag in den Kitas gibt es dafür nur selten Zeit. Tut man das nicht, baut sich der Frust auf, das kann durchaus zu einem Burnout führen. Diesen Problemen wollen die Verantwortlichen von Kita Frankfurt vorbeugen, indem sie ihren Mitarbeiterinnen Gesprächsraum anbieten in Form von Treffen und Fortbildungen am Sigmund-Freud-Institut.

www.fnp.de

Hier finden Sie alle Folgen der
Montagsinterviews.

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