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Interview: Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Schröter über Erdogans Politik

Dass die Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bis nach Deutschland strahlt – die Debatte um die beiden deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan war zuletzt ein prominentes Beispiel dafür. Wie weit der Arm Erdogans reicht und wie sehr er unsere Gesellschaft beeinflusst, darüber hat sich Redakteur Andreas Haupt mit der Frankfurter Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Schröter unterhalten.
„Dass die Deutschen den Türken generell keine Chance geben, halte ich für eine Verschwörungstheorie“, sagt Islam-Expertin Susanne Schröter. Foto: Rainer Rüffer „Dass die Deutschen den Türken generell keine Chance geben, halte ich für eine Verschwörungstheorie“, sagt Islam-Expertin Susanne Schröter.

Sie greifen oft Themen auf, die im Umgang mit der Türkei Sprengstoff bergen. Etwa den Genozid an den Armeniern, die Rolle des regierungsnahen türkischen Moscheeverbands Ditib und inwiefern Präsident Recep Tayyib Erdogan ihn beeinflusst . . . Inwiefern haben diese Themen Einfluss auf das Zusammenleben hier in Frankfurt?

SUSANNE SCHRÖTER: Die politische Situation in der Türkei wirkt sich in vielfältiger Weise aus. Etwa bei der Etablierung einer Ditib-Jugendorganisation. Da werden Jugendliche immer wieder gefragt: Wie steht ihr eigentlich zu Erdogan? Dass sie sich dazu äußern sollen, empfinden viele als Zumutung. Besorgniserregend ist, dass 58,8 Prozent aller wahlberechtigten Türken in Hessen die AKP gewählt haben. Mehr als in der Türkei. In Deutschland leben 1,5 Millionen Kurden, so dass das Vorgehen der türkischen Regierung gegen die Kurden auch bei uns für Spannungen sorgt. Zum Beispiel in Schulen. Kurdische und nicht-türkischstämmige Jugendliche diskutieren mit ihren türkischen Klassenkameraden über Erdogan. Die meisten von ihnen haben wenig Verständnis für jene, die ihn verehren – und Jugendliche sind da noch offenherziger als Erwachsene, die heikle Themen oft nicht ansprechen.

Kann so etwas auch eskalieren?

SCHRÖTER: Ja. Das haben wir gesehen, als es nach der Kriegshetze gegen die syrischen Kurden in Ditib-Einrichtungen Angriffe auf Moscheen gab – auch in Frankfurt. Wenn die türkische Regierung die Menschenrechte von Minderheiten und der Opposition verletzt, wäre es eine Illusion, zu glauben, dass wir davon nicht betroffen sind.

Muss man das genauer beobachten?

SCHRÖTER: Das passiert bereits. Die wichtigere Frage ist: Was kann man dagegen unternehmen? Wichtig finde ich, Erdogan nahestehende Organisationen nicht zu fördern und sich nicht von der türkischen Regierung instrumentalisieren zu lassen. Etwa beim bekenntnisorientierten Islamunterricht an staatlichen Schulen. Hier hat Kultusminister Ralph Lorz der Ditib die Auflage gemacht, sich sichtbar von der türkischen Regierung zu lösen. Aber genau das Gegenteil passiert. Ich hoffe, er bleibt konsequent und greift notfalls auf Plan B zurück: den Islamunterricht an Schulen ohne religiösen Partner. Das ist möglich. In Frankfurt und in Gießen werden Lehrer ausgebildet und einen Lehrplan gibt es auch.

Redakteur Andreas Haupt im Gespräch mit Prof. Susanne Schröter. Bild-Zoom Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Redakteur Andreas Haupt im Gespräch mit Prof. Susanne Schröter.

Gibt es starke türkisch-islamistische Hetze in Frankfurt?

SCHRÖTER: Bislang gab es in Frankfurt keine dokumentierten Fälle von Kriegspropaganda, antisemitischen und antichristlichen Äußerungen wie anderswo. Der Ditib-Landeskoordinator für Hessen, Selcuk Dogruer, achtet sehr darauf, dass es nicht dazu kommt. Derartiges wird ja nur bekannt, wenn jemand das filmt und ins Internet stellt – und jemand es übersetzt. Dogruer selbst ist ein Befürworter der türkischen Regierung und verteidigt ihre Aktionen gegen die Opposition.

Merkt man, dass unter den Türken Misstrauen herrscht?

SCHRÖTER: Ja, bis in Familien hinein. Gülen-Anhänger werden seit dem Putsch, für den Erdogan ja Fethullah Gülen verantwortlich macht, extrem gemobbt. Man spricht nicht mehr mit ihnen, schließt sie aus und es gab sogar Boykottaufrufe, nicht mehr in Läden von Gülen-Anhängern zu kaufen. Ditib-Imame wurden außerdem verdächtigt, ihre Namen dem türkischen Geheimdienst gemeldet zu haben.

So weit geht das?

SCHRÖTER: Jeder, der auch nur ansatzweise mit der Gülen-Bewegung zu tun hatte, gilt nun als Terrorist und auch die Familien solcher Menschen sind von den kollektiven Verdächtigungen betroffen. Selbst wenn sie nicht der Bewegung angehören.

Erdogan und Gülen waren einst Weggefährten.

SCHRÖTER: Erdogan hätte seine AKP ohne Gülen nie so gut positionieren können. Erdogan rekrutierte seine Anhänger primär aus ländlichen Regionen und städtischen Armenvierteln, ihm fehlten gut ausgebildete Menschen. Gülen hatte sie. Seine Bewegung ist eine Bildungsbewegung. Wenn Erdogan Führungskräfte brauchte, etwa für Polizei, Armee und Justiz, musste er auf Gülen-Leute zurückgreifen. Gemeinsam wollten die beiden Männer Kemal Atatürks Projekt einer laizistischen, demokratischen, nicht-islamistischen Türkei rückgängig machen. Doch irgendwann kam es zum Machtkampf zwischen ihnen. Als Gülen begann, Korruptionsgeschäfte von Erdogans Familie aufzudecken, schlug Erdogan zurück.

Frau Professorin liest gern Krimis

Susanne Schröter (60) forscht und lehrt als Professorin für Ethnologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Sie ist dort Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam.

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Ist das denn so einfach: Du bist für uns oder gegen uns?

SCHRÖTER: Begründet wird es mit dem Terrorismusvorwurf, den Erdogan seit dem Putschversuch des Jahres 2016 als Instrument anwendet, um seine Gegner mundtot zu machen. Er hat damit Erfolge, denn viele sind bereit, ihm zu glauben. Viele lieben ihn, weil er den Türken jene Würde gibt, die sie so gerne hätten. Sein Rezept ist dabei recht schlicht. Er sagt: Ihr Türken seid die Besten, ihr seid zu Großem berufen – und zusammen bauen wir das neue Osmanische Reich auf! Das ist Wasser auf die Mühlen all jener, die sich hier unterprivilegiert fühlten.

Ich höre gelegentlich von türkischstämmigen Bekannten, türkische und andere Migranten hätten generell keine Chance.

SCHRÖTER: Ja, diese Ansicht gibt es. Ich habe selbst bei meiner Forschung häufig gehört, Muslime seien in Deutschland unterdrückt, weil die Deutschen islamfeindlich seien. Wenn ein Kind eine schlechte Note in Mathe hatte, hieß es meist, die rassistische Lehrerin sei Schuld. Natürlich haben es Kinder aus bildungsfernen Familien schwerer. Wir haben aber inzwischen auch eine in Deutschland aufgewachsene türkischstämmige Elite, die hier studiert und gute Jobs bekommen hat. Das zeigt, dass auch Türken Aufstiegschancen haben. Natürlich gibt es Rassismus. Aber genauso selbstverständlich gibt es Leute, die bewusst türkischstämmige Mitarbeiter einstellen, um Rassismus entgegenzuwirken. Dass die Deutschen den Türken generell keine Chance geben, halte ich für eine Verschwörungstheorie.

Ist der Konflikt zwischen laizistischen und islamistischen Türken inzwischen so schlimm, dass viele sich nicht zu sagen trauen, sie seien Laizisten?

SCHRÖTER: Nein, es gibt viele laizistische Türken in Frankfurt, die auch zum Teil organisiert sind. Diese Menschen haben keine Angst. Angst haben jene, die den Islam kritisieren, denn sie bekommen Morddrohungen. Seit einigen Jahren gibt es islamische Islamismus-Kritiker und Muslime, die sagen: Bestimmte Verse im Koran oder Erzählungen aus dem Leben des Propheten können wir so nicht mehr anwenden. Diese Personen werden bedroht, einige stehen unter Polizeischutz. Trotz dieser Drohungen wagen sich heute mehr Muslime, eine kritische Position zu bestimmten Positionen in ihrer Religion einzunehmen.

Umgekehrt sind türkisch-islamistische Gruppen stärker in der Öffentlichkeit präsent.

SCHRÖTER: Ja. Und Erdogan versucht, was früher unmöglich schien: Die Vereinigung unterschiedlicher türkischstämmiger Organisationen unter seiner Agenda. Die wichtigste Organisation, auf die er zugreifen kann, ist noch immer die Ditib, die unmittelbar von der türkischen Religionsbehörde abhängig ist. Die Ditib galt lange Zeit als moderat, als „die Guten“ – bis Erdogan den türkischen Staatsislam in eine islamistisch-nationalistische Organisation umwandelte. Die Ditib wird allerdings auch von anderen Organisationen wie beispielsweise der Milli Görüs unterstützt. Als etwa Ditib-Imamen in Deutschland vorgeworfen wurde, für Erdogan spioniert zu haben, stellte sich Milli Görüs hinter Ditib.

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