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Regulierung des Wildbestandes: Jäger im Stadtwald: Blattschuss – die Sau ist tot

Der Frankfurter Stadtforst lädt zur Drückjagd in den Schwanheimer Stadtwald. FNP-Reporter Ben Kilb darf den Waidmännern dabei über die Schultern schauen.
Förster Michael Christ hat einen Frischling getroffen. Er kontrolliert, ob das Tier tot ist. „Es soll nicht leiden“, sagt er. Bilder > Förster Michael Christ hat einen Frischling getroffen. Er kontrolliert, ob das Tier tot ist. „Es soll nicht leiden“, sagt er.
Schwanheim. 

Förster Michael Christ liebt den Geruch von Wildschwein am Morgen. „Riecht nach Maggi“, findet er und zeigt Wühlspuren im Waldboden: „Weit entfernt können sie nicht sein.“

Christ hat seinen Pick-Up-Truck am westlichen Ende der Langschneise im Schwanheimer Wald geparkt, wo die Querspange Frankfurt und Kelsterbach trennt. Wir schleichen durchs Unterholz zu einem Hochstand, klettern hinauf und schützen uns vor der morgendlichen Eiseskälte mit einer Wolldecke. Während ich zittere, laden Christs ruhige Hände sein Repetiergewehr.

Die Morgensonne fällt schräg durchs karge Geäst und blendet Christs Augen, die in einer 180-Grad-Bewegung die Lichtung absuchen. Dann fällt in einigen hundert Metern Entfernung der erste Schuss.

Fast zwei Dutzend Jäger haben sich vorhin zur Drückjagd auf Wildschweine am Schwanheimer Schießstand getroffen und sich von Forstoberrätin Dr. Tina Baumann ihre Aufgaben zuweisen lassen. Die Jagdgesellschaft besteht größtenteils aus älteren Waidmännern, die sich dreieinhalb Wochen vor Heiligabend das weihnachtliche Festmahl schießen wollen. Einige der Jäger werden von Baumann auf Hochstände geschickt. Andere widmen sich dem sogenannten Drücken, bei dem sie mit Hunden das Wild aufscheuchen und anderen Jägern vor die Flinten treiben.

Verzweifeltes Quieken

Christ hat mir Ohrenschützer gegeben, falls er schießt. Über einen Knopf lässt sich regeln, wie laut man seine Umwelt wahrnimmt. Ich drehe den Regler hoch, fasziniert davon, dem fallenden Laub zu lauschen. Die Bache, die sich von links mit ihren vier Frischlingen nähert, höre ich nicht.

Als der Förster auf die Wildschweine zeigt, blickt er bereits durch das Zielfernrohr seiner Flinte. Im letzten Moment drehe ich den Regler wieder nach unten und vermeide, dass mein Trommelfell platzt. Christ schießt einmal und die Bache und ihr Nachwuchs machen in etwa 50 Metern Entfernung kehrt. Drei weitere Schüsse folgen, verzweifeltes Quieken.

„Wie viele Frischlinge hatte die Bache?“, frage ich Christ. „Vier. Jetzt aber nur noch drei“, antwortet er und steigt den Hochstand hinab, um zu schauen, was seine Kugeln getroffen haben. Ich bleibe auf dem Hochstand, weil die Bache zurückkehren könnte. Nach 50 Metern verschwindet der Förster aus meinen Sichtfeld. Schließlich fällt ein weiterer Schuss. Kurz darauf kommt Christ zurück und blickt zufrieden.

Zwei seiner vier Schüsse haben einen Frischling sofort getötet und einen weiteren verwundet. Sein Weg ins Unterholz diente einem Fangschuss, mit dem er den verletzten Frischling tötete. „Die Tiere sollen nicht leiden“, sagt Christ.

Der Stadtforst trifft vor jeder Jagd große Sicherheitsvorkehrungen: Absperrbänder mit Hinweisen auf die Jagd werden über Waldwege gespannt. An Straßen stehen Warnschilder, sollte das Wild wechseln. „Dennoch ignorieren manche Jogger oder Hundebesitzer die Schilder und Absperrbänder, werden laut, wenn man sie darauf hinweist“, seufzt Christ, der beim Schießen daher äußerst umsichtig sein muss.

Warnung für Wanderer

Wer die Warnungen ignoriert, riskiert es nicht nur, eine Kugel zu fangen. Nach etwa einer Stunde auf dem Hochstand nähern sich kurz hintereinander zwei größere Wildschweinrotten der Lichtung. Mindestens ein Schuss von Christ sitzt. Der Rest der Wildschwein-Familie düst davon. Bache oder Keiler wollte Christ nun nicht begegnen: „Ausgewachsene Wildschweine können einen mit ihren Zähnen schwer verletzen oder sogar den Arm abbeißen.“

Kurz darauf verlassen der Förster und ich den Hochstand. Wir begeben uns zu den erlegten Frischlingen. Einen davon hat Christ ins Herz getroffen. Er freut sich weniger über seine Schießkünste als darüber, dass das junge Wildschwein nicht leiden musste. Auch die übrigen Waidmänner im Schwanheimer Wald sind keine schießwütigen Waffennarren. Ihr Ziel ist es, die gesetzlich vorgeschriebene Quote an Schalenwild abzuschießen. Wildschweine bekommen zweimal im Jahr Nachwuchs und würden sich ohne die von September bis Januar einmal in der Woche steigenden Drückjagden rasant ausbreiten.

Im Vergleich zu einer Treibjagd werden bei einer Drückjagd weniger sogenannte Treiber eingesetzt. „Die scheuchen das Wild mit lauten Rufen auf. Hier im Stadtwald können wir das aber nicht machen, weil aufgescheuchtes Wild in Siedlungen oder auf Straßen flüchten könnte“, erklärt Christ. Die Drückjagd eignet sich zudem besser zum „Ansprechen“ des Wildes, was bedeutet, dass Jäger bei weniger Trubel im Wald besser erkennen können, was genau sie schießen.

Nach etwa drei Stunden ist die Jagd beendet. Hunde wurden zuvor auf den Blutgeruch angeschossener Wildschweine angesetzt, im Jagdjargon „Schweiß“ genannt. Zwei Rehe und zehn Wildschweine, darunter auch ein Keiler, wurden erlegt. Bachen galt es aufgrund der Paarungszeit zu schonen.

Trotz gelegentlicher Proteste von Tierfreunden kann auf die Jagden aber nicht verzichtet werden. „Wir müssen regulierend eingreifen und einen gesunden Bestand herstellen, sonst kann es zu Seuchen oder Nahrungsmangel kommen. Es gibt nun mal keine natürlichen Feinde der Wildschweine mehr wie Wölfe oder Bären“, sagt der Förster.

Michael Christ empfindet seinen Beruf als „Traumjob“. „Schon als Schulkind habe ich dem Förster geholfen. Ich fühle mich dem Wohle der Natur verpflichtet“, sagte er. Auch wenn das bedeutet, dass er hin und wieder zur Flinte greifen muss.

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