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Verwilderte Katzen im Stadtgebiet: Jede Katze kastrieren lassen

Von Aus einem Katzenpaar können innerhalb von vier Jahren bis zu 2000 Nachkommen werden. Das ist auch in Frankfurt ein Problem. Katzenschützer schlagen jetzt Alarm.
Lutz Freise (von links), Gunda O’Neal und Manuela Freise lassen in Rödelheim sechs frisch kastrierte Katze wieder frei. Foto: Leonhard Hamerski Lutz Freise (von links), Gunda O’Neal und Manuela Freise lassen in Rödelheim sechs frisch kastrierte Katze wieder frei.
Frankfurt. 

Manchmal erleben Katzenschützer schlimme Dinge, erzählt Gunda O’Neal vom Tierschutzverein (TSV) Felidae – und entsprechend drastisch ist ihre Sprache, wenn sie angewidert davon erzählt. „Den Katzen geht es dreckig. An einigen Stellen ist es besonders schlimm.“ Am Mühlberg in Sachsenhausen etwa fanden die Helfer eine Kolonie, bei der fast alle Tiere den Feline Immundefizienz Virus hatten, kurz FIV oder auch Katzen-Aids genannt. „Wir mussten alle Tiere einschläfern lassen.“

Bei einer anderen Population hatten alle Tiere, die sie fingen, verfaulte Mundhöhlen. „Die Katzen konnten nichts mehr essen und wären elendig krepiert“, erzählt O’Neal. Ein anderes Mal fanden sie in Bonames eine Mutter mit sechs Katzenbabys, die alle einen offenen Bauch hatten und starben. „Es ist hart, täglich zu erleben, wie einem die Tiere unter den Händen wegsterben.“

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Zwar gibt es in ganz Frankfurt zahlreiche Tierschützer, die sich wie O’Neal um die Katzen kümmern, sie füttern und sie vor allem kastrieren lassen. Doch das allein reicht nicht. „Unsere Arbeit hilft schon. Dadurch hält sich die Zahl der Katzen konstant“, sagt Michaela Topell vom Vorstand des Tierschutzvereins Schwalbach und Frankfurt-West, die in Nied ein Tierheim für Katzen betreibt. Mehr als 1500 verwilderte Katzen fingen und kastrierten die Tierschützer in den vergangenen drei Jahren. Allein 2014 waren es 468 (siehe Grafik). Die Kosten übernehmen meist Tierschutzvereine, oft aber auch die Tierfreunde selbst.

Stadt sträubt sich

„Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Würden wir nicht so viele verwilderte Tiere fangen und kastrieren, wäre es noch viel schlimmer“, sagt Topell. Um das Problem in den Griff zu bekommen, fordern fünf Frankfurter Tierschutzvereine nun eine Kastrationspflicht für alle Katzen. Auch für jene, die ein Zuhause haben und als sogenannte „Freigänger“ nach draußen dürfen. Doch die Stadt, kritisieren sie, sträube sich gegen dieses Ansinnen. „Die haben noch nicht verstanden, wie schlimm das Problem wirklich ist“, so O’Neal.

Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, wie viele verwilderte Hauskatzen es in Deutschland gebe, sagt Topell: Rund 2,1 Millionen. „Im Ausland sieht man die Katzen, denn sie schleichen um die Tische der Restaurants herum. In Deutschland hingegen sieht man sie nicht.“ Die meist wild geborenen Tiere seien sehr scheu und versteckten sich, sobald Menschen kommen. Werden sie nicht kastriert, vermehren sie sich rasant, wie die „Katzenpyramide“ des Deutschen Tierschutzbundes zeigt: Aus einem Katzenpaar werden nach einem Jahr zwölf Tiere, nach zwei Jahren 66, nach drei Jahren sind es bereits fast 400, nach vier Jahren über 2000.

Dass nicht nur verwilderte Katzen kastriert werden sollen, sondern auch Freigänger, als Katzen, die eigentlich ein Zuhause haben, aber raus dürfen, habe einen einfachen Grund, sagt O’Neal: „Bei ihnen fängt das Problem an. Wilde Katzen gibt es, weil Freigänger nicht mehr nach Hause gehen, weil sie – etwa vor dem Urlaub – ausgesetzt werden.“ Deshalb fordert sie: Bevor eine Katze zum ersten Mal das Haus verlässt, muss sie kastriert werden.

Diese Forderung unterstützt auch die Tierschutzbeauftragte der hessischen Landesregierung, Madeleine Martin. Sie weiß, dass andere Bundesländer schon weiter sind als Hessen. Vorreiter seien vor allem Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Paderborn etwa habe als erste Stadt bereits 2007 eine Kastrationspflicht eingeführt, 260 weitere Städte seien diesem Beispiel gefolgt. Grundlage sei Paragraf 13 b des Bundestierschutzgesetzes, der es den Bundesländern ermöglicht, entsprechende Verordnungen zu erlassen – und das Land Hessen überließ es den Kommunen, eigene Verordnungen zu erstellen. Darmstadt etwa hat das getan: Seit Juli 2015 drohen Haltern unkastrierter Freigänger bis zu 1000 Euro Bußgeld.

Ausreden gibt es nicht

„Das Tierschutzgesetz setzt einige Hürden, bevor eine Stadt eine Kastrationspflicht erlassen kann. Wir machen es den Städten einfach, indem wir ihnen Pakete mit Infomaterial, Antworten auf die wichtigsten Fragen und Musterverfügungen zur Verfügung stellen“, sagt Madeleine Martin. Ausreden wie immer wieder von Städten geäußerte rechtliche Bedenken will sie daher nicht gelten lassen.

Um auch in Frankfurt eine Katrationspflicht einzuführen, suchten der TSV Felidae und Katzennothilfe, der TSV Schwalbach und Frankfurt-West, TSV Frankfurt und Umgebung, der Katzenschutzverein Frankfurt und Straßenkatzen Frankfurt gemeinsam das Gespräch mit dem Veterinäramt. Doch aus Sicht von O’Neal, Topell und anderen Katzenschützern wimmelte die Stadt sie ab. „Sie hatten fadenscheinige Ausreden und meinten, in Frankfurt sei alles in Ordnung. Es gebe nur einzelne Stellen, aber das stimmt nicht. Verwilderte Hauskatzen gibt es in der ganzen Stadt, wie unsere Statistiken zeigen.“

Auf Nachfrage unserer Zeitung hält sich das Ordnungsamt, zu dem das Veterinäramt gehört, bei der Forderung nach einer Kastrationspflicht zurück. Erste Daten habe das Veterinäramt von den Tierschützern erhalten, sie würden nun ausgewertet. Grundsätzlich sei die Kastration und Registrierung aller freilaufenden Katzen aber „sinnvoll“. „Durch die Kastration wird die unkontrollierte Fortpflanzung verhindert.“ Es sei davon auszugehen, dass unkastrierte Freigänger die Zahl der freilebenden Katzen vergrößere.

Die Einführung einer Kastrationspflicht, aber auch anderer Maßnahmen, sei an gewisse Voraussetzungen gebunden, so das Ordnungsamt. „Hierfür müssen zunächst Daten gesammelt und im Vorfeld andere Maßnahmen ausreichend ausgeschöpft worden sein.“ Daten habe die Stadt mit Hilfe der Tierschutzvereine nun gesammelt. Und eine Pressemitteilung rät, freilaufende Katzen zu kastrieren. Nun werde geprüft, ob entsprechende gesetzliche Voraussetzungen für eine Umsetzung der in Paragraf 13b Tierschutzgesetz benannten Maßnahmen gegeben sind.“ Festlegen, ob und wie sie handeln wird, will sich die Stadt nicht.

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