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Hochschule: Jede fünfte Studentin wird an der Uni belästigt

Von Sexuelle Belästigung ist fast eine Alltagserfahrung vieler Frauen. Die Sensibilität für das Thema wächst. Nachdem jüngst ein Fall von Belästigung durch einen Dozenten bekannt wurde, planen Studentenvertreter für Mittwoch eine Demonstration.
Am Arbeitsplatz, an der Hochschule oder auch auf der Straße: Es gibt viele Orte, an denen Frauen mit sexueller Belästigung konfrontiert werden. Foto: Heiko Wolfraum (dpa) Am Arbeitsplatz, an der Hochschule oder auch auf der Straße: Es gibt viele Orte, an denen Frauen mit sexueller Belästigung konfrontiert werden.
Frankfurt. 

Es ist das jüngste Beispiel sexueller Belästigung: Ein Dozent nähert sich einer Studentin wiederholt, bedrängt sie, berührt sie unsittlich. Eine weitere Studentin hat ähnliche Erfahrungen mit dem Hochschullehrer gemacht. Die Universität reagiert: Dem Dozenten wird gekündigt. Am morgigen Mittwoch demonstriert der Allgemeine Studierenden Ausschuss (Asta) gegen sexuelle Belästigung an der Universität.

Wie häufig Frauen belästigt werden, ist unklar. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein. Nur wenige Fälle werden bekannt. Im September hatte diese Zeitung von einem an den Praunheimer Werkstätten berichtet. Dort war einem Pädagogen gekündigt worden, weil er mehrfach Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen bedrängt hat. Die Unternehmen und Hochschulen reagieren also durchaus. „Abmahnungen bis hin zu Kündigungen sind möglich“, sagt Dr. Anja Wolde, Gleichstellungsbeauftragte der Goethe-Universität. Wie viele solcher arbeitsrechtlicher Konsequenzen wegen sexueller Belästigung an der Universität jährlich erfolgen, kann Wolde nicht sagen.

Uni vermittelt Gespräche

„Ich weiß von vier bis fünf Fällen pro Jahr, in denen Sanktionen verhängt wurden“ – bei etwa 50 Beschwerden universitätsweit ist das also eher die Ausnahme. Die meisten Beschwerden richteten sich gegen Studenten – davon einige mit psychischen Erkrankungen –, gegen Stalker, gegen Personen, die von außen auf den Campus kommen und dort Frauen ansprechen.

Werden sie wirklich von Dozenten bedrängt, seien die Studentinnen meist gar nicht erpicht darauf, dass die Universität den Fall disziplinarrechtlich verfolgt. „Sie haben Angst vor Konsequenzen für ihr Studium, wollen kein Aufsehen, wollen oft nicht einmal, dass der Betroffene über die Vorwürfe informiert wird.“ Die Beschwerden hätten meist Hand und Fuß. „Oft haben sich die Betroffenen vorher mit anderen Studentinnen ausgetauscht“, sagt Wolde.

Die Universität vermittele auf Wunsch Gespräche mit dem Beschuldigten, schalte Vorgesetzte ein und gehe – wenn die Gespräche nichts nützen – auch mit härteren Bandagen gegen die Beschuldigten vor. „Aber“, so Wolde, „das Hauptinteresse der Universität ist es, die Opfer zu schützen.“

Einer europäischen Studie zufolge hat schon jede zweite Studentin Erfahrung mit Belästigung gemacht, nicht nur an der Hochschule, aber auch dort: Etwa jede fünfte Studentin wird laut der Studie an der Universität sexuell bedrängt. Bezogen auf Frankfurt entspräche dies rund 1500 Fällen pro Jahr. In zehn Prozent dieser Fälle wiederum ist der Studie zufolge ein Dozent der Täter. Doch das sind alles nur Hochrechnungen.

Erst seit 2016 sind Übergriffe am Arbeitsplatz strafbar, wenn sie noch unterhalb der Schwelle zur Nötigung liegen. Ob der einschlägige Paragraf auch auf Studentinnen anzuwenden ist, ist strittig, weil sie nicht als Arbeitnehmerinnen gelten.

Sowohl die Universität als auch die Frankfurt University of Applied Sciences (UAS) intensivieren ihre Beratungsangebote. Studentinnen können sich jetzt ebenso beschweren wie Beschäftigte.

Spitze des Eisbergs

Wie häufig dies jedoch geschieht, ist unklar. In der Kriminalstatistik der Polizei 2016 sind für Frankfurt 449 Sexualdelikte aufgeführt. 2015 waren es 436, im Jahr davor 515 Fälle. Zu den Sexualdelikten zählt die Polizei Vergewaltigung, Nötigung, Kindesmissbrauch und verbotene Prostitution.

Was bei der Polizei ankommt, ist ohnehin nur die Spitze des Eisbergs. Anja Wolde sieht schon im Gang zur Beratungsstelle eine hohe Hürde. Dies beklagt auch Asta-Vorsitzende Anna Yeliz Schentke: „Die Beratungsstruktur muss verbessert werden, damit niemand mehr Angst hat hinzugehen.“ Der Asta demonstriert deshalb morgen um 12 Uhr vor dem Präsidium.

Dr. Margit Göttert, Gleichstellungsbeauftragte der UAS, sieht die Hochschulen in der Pflicht: „Wir haben im Dezember eine Richtlinie erlassen. Demnach gibt es jetzt mehrere Ansprechpartner, bei denen Studentinnen sich beschweren können.“ Es gehe nicht darum, Flirts zu ahnden, es gehe auch nicht um Bespitzelung. „Aber wir müssen über Grenzverletzungen reden, und jeder hat das Recht, seine Grenze selbst zu definieren.“

Auch Ulrike Jakob vom Gleichstellungsbüro der Stadt Frankfurt, betont die Wichtigkeit des Themas: „Es geht um eine Kultur des Hinschauens“, sagt sie. Wie die UAS hat auch die Stadt eine Broschüre herausgegeben, in der Ansprechpartner genannt werden.

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