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Nachlassverwalter: Jens Petersen forscht in den Hinterlassenschaften von Verstorbenen

Jens Petersen hat einen Beruf, der trocken klingt – Nachlassverwalter. Doch er erlebt alles, nur keinen langweiligen Alltag. Unser Reporter Ben Kilb hat Petersen bei der Arbeit begleitet.
Alte Aktenordner durchwühlen, das gehört bei der Spurensuche zum Alltag für den Nachlassverwalter Jens Petersen. Alte Aktenordner durchwühlen, das gehört bei der Spurensuche zum Alltag für den Nachlassverwalter Jens Petersen.
Frankfurt. 

Es sieht wüst aus in der muffigen Wohnung im Obergeschoss eines alten Wohnhauses im Seckbacher Ortskern. Dass darin allerlei Krimskrams herumsteht, liegt an der Sammelleidenschaft, der dort vor einer Weile verstorbenen Frau, aber auch an Nachlassverwalter Jens Petersen, der das Hab und Gut der Toten in den Zimmern ausgebreitet hat, ihr Vermögen ermittelt und danach forscht, wem es zusteht.

Andere Branchenvertreter mögen nüchtern und pragmatisch mit ihren Fällen umgehen, doch Petersen lassen die Schicksale, mit denen er sich beschäftigt, nie kalt. Er betrachtet Wandbilder und Andenken aus dem Leben der Frau, die viel gereist ist. Auf einer vergilbten Schwarzweißaufnahme sind Männer mit Narrenkappen zu sehen: „Vielleicht war einer davon ihr Vater. Vielleicht war sie in der Fastnacht aktiv. Ich frage mich, was sie wohl so alles erlebt hat.“ Petersens Beobachtungen dienen jedoch nicht der eigenen Unterhaltung. Er versucht damit, Verwandte der Verstorbenen zu ermitteln. Aber noch tappt er im Dunklen.

Penibel abgeheftete Sammelmünzen – allerdings sind diese wertlos. Bild-Zoom
Penibel abgeheftete Sammelmünzen – allerdings sind diese wertlos.

Im Auftrag des Frankfurter Amtsgerichts ist Petersen von seinem Büro an der Eschenheimer Anlage nach Seckbach gefahren. Seit 20 Jahren kümmert er sich darum, was mit dem Vermögen geschieht, das Verstorbene ohne einen letzten Willen hinterlassen haben. Auch regelt er die letzten bürokratischen Angelegenheiten.

Dem Vater gefolgt

„Nachlassverwalter“ klingt trocken. Doch der Arbeitsalltag könnte kaum spannender sein. „Es hat etwas Detektivisches“, sagt Petersen. Ursprünglich wollte er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, der bereits Nachlässe abwickelte. Dass er es letztlich doch tat, hat er nie bereut.

Auch wenn die Luft bei der Arbeit steht wie heute. Schmutzig sei die Wohnung, findet Petersen, aber nicht verwahrlost. Er hat schlimmere Zustände gesehen in den zwei Jahrzehnten seiner Tätigkeit und dafür ein Verständnis entwickelt: „Manchen Menschen fällt es schwer, sich von Gegenständen zu trennen. Vielen fehlt aus gesundheitlichen Gründen die Kraft, um Ordnung zu schaffen.

Petersen holt das nun nach und verschafft sich eine Übersicht. Er muss sich einen Eindruck über den Zustand des Hauses der Verstorbenen verschaffen. Im Nachbarhaus, das ebenfalls der dahingeschiedenen Dame gehörte, wollen die Mieter wissen, an wen sie künftig ihre Miete überweisen sollen. Das Telefon muss abgemeldet, die Versicherungen der Dame über ihren Tod informiert werden.

Spurensuche

Dann widmet Petersen sich dem, was die Verstorbene noch auf der Naht hat, oder auch nicht. „Mein Ziel ist es, die persönlichen Verhältnisse so weit wie möglich zu ermitteln“, erklärt er. Im Fall der toten Seckbacherin fördert der Nachlassverwalter schnell einiges zutage: Neben den beiden Häusern im Ortskern gehörte ihr ein Schrebergarten am Rand des Stadtteils. Ein bis zwei Konten dürfte sie haben, schätzt Petersen, so sei das meistens. Mit einer Befugnis des Amtsgerichtes kann er Einblick in die Konten erhalten. In der Wohnung selbst findet er fast nichts, was sich zu Geld machen lässt. Petersen greift sich eine Mappe vom Boden, blättert darin herum und stößt auf penibel abgeheftete Sammelmünzen. „Die dürften jedoch kaum mehr wert sein als das Material, mit dem sie gefertigt wurden“, schätzt er und wundert sich mal wieder, was sich manche Menschen aufschwätzen lassen.

Etwas 20 Nachlassverwalter gibt es in Frankfurt, die herausfinden, wem die Hinterlassenschaften Verstorbener gehören. Sie bearbeiten in der Mainmetropole etwa 200 Fälle jährlich. Im digitalen Zeitalter kümmern sie sich längst nicht mehr nur um materielle und finanzielle Werte, sondern auch um digitale Nachlässe wie Internet-Profile und E-Mail-Konten, die es zu schließen gilt.

Jeder Internetnutzer muss sich darüber im Klaren sein, dass seine Erben auch den gesamten digitalen Nachlass bekommen.
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Wer heute stirbt, hinterlässt auch ein Leben im Netz. Für die Erben oft ein blinder Fleck – bis jetzt. Ein Urteil gegen Facebook könnte vieles verändern. Und einer Familie endlich Frieden bringen.

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Entfernte Verwandte

Der Frankfurter Anwalt weiß, wie gut es sich anfühlt, anderen das Leben leichter zu machen. Wenn Verstorbene Werte hinterlassen haben, überrascht Petersen oft nichtsahnende Verwandte, denen der Nachlass rechtlich zusteht. „Manchmal haben die erbenden Personen gar keine Kenntnis von ihren Verwandten. Umso größer ist die Überraschung. Einmal standen einem entfernten Verwandten eines Verstorbenen 100 000 Euro zu“, berichtet er.

Doch im Fall der Seckbacherin gestaltet sich die Suche nach Erben besonders schwer. Sie war ledig und hatte keine Kinder. Petersens Anfragen beim Standesamt und der Kirche nach weiteren Angehörigen waren bislang erfolglos. Er befürchtet, dass er die Familienverhältnisse bis hin zum Urgroßvater der Verstorbenen erforschen muss. Aber er hat einen Plan: „Ich werde die Absender der Postkarten und Briefe anschreiben, die die Frau erhalten hat.“ Zwischen 50 und 60 Stunden hat er bisher in den Fall investiert. Es dürften noch mehr werden. Aber weil Petersen nach Stunden bezahlt wird, hat er keine Problem damit, sich etwas länger in der muffigen Wohnung aufzuhalten.

Ein wenig Ablenkung von der Hitze und mit etwas Glück auch Rückschlüsse auf die Verwandtschaftsverhältnisse der Verstorbenen verschaffen ihm weitere Blicke auf Fotos der Dame, Postkarten und andere persönliche Andenken. Und wenn nicht, dann wird es zumindest wieder kein langweiliger Tag. „Jeder Fall ist spannend, denn keiner ist wie der andere“, sagt der Nachlassverwalter.

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