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Der rote Faden, Folge 139: Julia Kröhn - Die Romanfrau

Sie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen, die in der Literaturstadt Frankfurt leben und doch weiß kaum jemand davon: Julia Kröhns Romane haben sich schon hunderttausendfach verkauft. Sie kann gut damit leben, dass sie nur sehr selten den Ruhm dafür einheimst. Wir widmen ihr Folge 139 unserer Reihe „Der rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes in Frankfurt leisten.
Julia Kröhn zwischen ihren Werken - das 30. Buch wird auf der Messe in Leipzig präsentiert. Foto: Salome Roessler Julia Kröhn zwischen ihren Werken - das 30. Buch wird auf der Messe in Leipzig präsentiert.

Gerade in diesen Wochen wurde sie wieder verschlungen. Vor allem von Frauen, die an Stränden, vor Bergpanoramen oder auf Balkonen in Liegestühlen saßen und sich durch das tragische Schicksal der schönen Tizia di Vaira kämpften, auf ein Happy End für die feinsinnige Magdalene hofften, dem Mörder der Bischöfe nachspürten. Alle lasen sie in diesem Sommer Julia Kröhn – selbst dann, wenn auf dem Cover ihrer Ferienlektüre Autorinnen wie Carla Federico, Kristin Adler oder Sophia Cronberg, Leah Cohn oder Katharina Till standen. Im literarischen Betrieb hat Julia Kröhn viele Pseudonyme, unter sechs verschiedenen Namen gibt es Bücher von ihr. Fast alle gängigen Genres hat sie schon bedient: Liebes- und Mittelalterromane, Fantasy, Krimis, sogar Kinderbücher. Und alle finden ihre Leser – manche sogar hunderttausendfach und auch am anderen Ende der Welt.

29 Bücher in zehn Jahren. Ohne Pseudonyme, so sind Verlage und Autorin überzeugt, kämen die Leser da nicht mit. Oder würden nicht glauben, wovon sie sich doch längst überzeugt haben: Dass Julia Kröhn mitreißende Bücher schreibt; egal, ob ihre Geschichten in den schottischen Highlands im Mittelalter oder im Hier und Jetzt auf sonnigen Inseln im Comer See spielen. Im krassen Gegensatz zu dieser Vielfalt scheint da der Ort zu stehen, an dem die Autorin sie ersinnt: Ein unspektakuläres 60er-Jahre-Mehrfamilienhaus im wenig aufregenden Frankfurter Stadtteil Nied. Eine Wohnung, wie sie viele haben; Möbel von Ikea, Bücher, vor allem die eigenen und viele historische Sachbücher, Kinderkritzeleien, ein paar Deko-Reste vergangener Geburtstage. Alles überaus ordentlich. Und nirgendwo ein unter Bücherstapeln und Papieren verborgener Schreibtisch.

„Ich schreibe im Bett oder auf dem Sofa“, sagt Julia Kröhn. Schlank ist sie, groß, hat braunes lockiges Haar, blaue Augen; wenn sie lächelt, bilden sich Grübchen. Eine attraktive Frau. Sie spricht eloquent, hat ohne Stocken ihre Antworten parat. Man merkt ihr die Routine an, mit Wörtern und Sätzen umzugehen. Auf den ersten Blick sieht man sie eher in ihren romantischeren Büchern. Sie sagt: „Wenn ich die Wahl habe, schreibe ich lieber über den Krieg als die Liebe.“ Die bequeme Haltung ist so ziemlich die einzige Lässigkeit, die sich die Autorin beim Bücherschreiben gönnt. „Ich arbeite wie ein Beamter. Die Abenteurerin steckt im Kopf.“

Kröhn lebt mit ihrer vierjährigen Tochter zusammen. Wenn die Kleine im Kindergarten ist, verliert ihre Mutter keine Zeit, macht es sich gemütlich – geht an ihre Arbeit. Mehrere Seiten schafft sie jeden Tag, Wochenenden kennt sie nicht. Immer weiß sie, wo sie weitermachen muss; zu genau hat sie ihren Plot zuvor durchdacht, um irgendwo den Faden zu verlieren. „Ich gehe vor wie eine Architektin, mache einen ganz genauen Plan.“

Eigenleben gefragt

Was nicht verhindert, dass die Bücher ein Eigenleben entwickeln, die Charaktere darin sogar ihre Schöpferin überraschen. „Es gibt Protagonisten, denen nähere ich mich wie einem wilden Raubtier: Ich sehe es von Ferne, aber komme nicht nah genug ’ran. Erst nach 800 Seiten weiß ich, wie jemand wirklich tickt.“ Mit der Hauptfigur ihres 30. Buches, das im Frühjahr erscheinen soll, sei das wieder so. „Ich bin richtiggehend in ihn verliebt“.

Kröhns Arbeitsdisziplin ist eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Es ist eine enorme Leistung, alljährlich drei Bücher, zumal hunderte Seiten dicke Wälzer, zu veröffentlichen. Auch Nüchternheit gehört dazu: „Ich habe mich noch zu keinem Buch zwingen müssen, aber ich habe nicht alle gleich gern geschrieben.“ Ein paar der Titel aus dem Kröhn’schen Gesamtwerk, welches aufeinander gestapelt schon größer als die Autorin ist, sind „Brotbücher“. Geschrieben, weil der Verlag sie angefragt hat, ob sie eine gerade angesagte Lesemode bedienen könnte. Weil etwa Auswanderer-Geschichten beim Publikum beliebt sind, wurde aus dem ersten in Chile spielenden Roman von Carla Federico gleich eine ganze Reihe. Und weil Romane nach dem Schema „Love & Landscape“ von den Büchertischen gerade sehr gut weggehen, hat Sophia Cronberg als Autorin schöner Liebesromane in noch schöneren Landschaften gut zu tun. Ihr jüngstes Werk „Der Palazzo am See“ verkaufte sich in fünf Monaten bereits 15 000 Mal.

„Ich brauche das Geld – um Zeit zum Schreiben zu haben“, sagt Julia Kröhn, die zwar ihre Art des Schriftsteller-Daseins oft begründen muss, aber nichts Anrüchiges daran findet. Das Publikum mag ein ausgefallenes Bild von Poeten haben, sie hat Familie, eine Tochter, Verpflichtungen. Luxus braucht sie nicht, aber Reisen will sie sich leisten können. Und vor allem sich ihrem alles überlagernden Verlangen hingeben: „Es gibt nichts, das ich so gern tue wie Geschichten erzählen.“

Seit fünf Jahren macht Kröhn das hauptberuflich, schon als Teenager hat sie ihre ersten Bücher verfasst. Die Autorin ist im österreichischen Linz geboren, 1975. Vater und Mutter waren Lehrer, beide unterrichteten Deutsch. Da möchte man „Aha“ sagen, „aber das eigentliche Familienthema bei uns war Sport“. Der Vater läuft Marathon, die Mutter wandert, der Bruder ist Leistungssportler, absolviert Marathons und Radrennen. „In dieser Hinsicht war ich das schwarze Schaf, das musisch-künstlerisch interessierte Kind, das Klavier lernen wollte und mit seinen Freunden oder Puppen Theater spielte.“ Oft hat die Mutter in jenen Jahren die Tochter mit ein wenig Druck an die frische Luft bewegt. Längst weiß diese das zu schätzen, und wohnt unter anderem deshalb in Nied, weil sie dort so schnell an der Nidda, in der Natur ist.

Als Schule und Studium – katholische Theologie, Philosophie und Geschichte – fertig sind, verschlägt es die Österreicherin nach Frankfurt. 2001 kommt sie für ein Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit an den Main, wird dort nach der Ausbildung Redakteurin und verantwortet kirchliche Sendungen für mehrere Privatsender. Sie reist bis heute viel nach Österreich, auch, weil sie an der Uni Salzburg kreatives Schreiben unterrichtet. Ihr Zuhause liegt aber inzwischen am Main.

„Ich bin bekennende Frankfurterin, wenngleich kein besonders sesshafter Mensch.“ Und doch macht sie ihrer Wahlheimat eine Liebeserklärung, wie sie selten von einem Bewohner der stolzen Alpenrepublik zu hören ist: „Ich bin zwar im Pass eine Österreicherin – im Herzen bin ich eine Preußin. Die klassischen deutschen Tugenden sind auch die meinen.“

Sie nutzen ihr auf dem angestrebten Weg zur Berufsautorin. Parallel zur Fernseharbeit schreibt Julia Kröhn Romane und unterzeichnet 2004 ihren ersten Vertrag bei einem großen Verlag; „Engelsblut“ erscheint bei btb. Die Geschichte des kauzigen Malers Samuel Alt spielt im Österreich des 19. Jahrhunderts. Der Historienroman bleibt seitdem ihr Lieblingsgenre, aber erst mit dem nächsten Buch findet die Autorin in ihre Zeit und damit auch an die richtigen Orte: Ins Mittelalter verlegt sie von nun an die meisten ihrer Romane über intrigenreiche Familiengeschichten, unmögliche Lieben, starke Frauen und furchtlose Krieger. Am liebsten lässt sie diese in Frankreich oder im Angelsächsischen spielen. Die Schauplätze der nächsten beiden Bücher werden jedoch in Irland liegen. Die Recherchereisen dafür sind ihr ein besonderes Vergnügen.

Auf Buch Nummer 30, über das die Autorin bis zur Vorstellung bei der Buchmesse in Leipzig möglichst wenig verraten will, ruhen besondere Hoffnungen. Wenn alles klappt, sollte die Geschichte vom mittelalterlichen Kampf um Irland wieder ein Bestseller sein – und vielleicht der Stoff, mit dem sich für den Serienfan Kröhn der Traum von einer Verfilmung erfüllt.

Das Meisterwerk

„Für mich fühlt es sich an, als hätte ich 29 Bücher lang geübt. Dieses hier schreibe ich jetzt.“ Die Leser werden das Meisterwerk dennoch nur schwer als ihres erkennen können, Julia Kröhn wird dafür ein weiteres Alter Ego bekommen. „Ich trete als Autorin weit hinter meine Bücher zurück.“

2009 steht das erste Mal ein Pseudonym auf einem ihrer Bücher. Weil „Sünde“ zwar auch in die Vergangenheit entführt, vor allem aber ein Krimi ist, verkauft der Verlag den Roman als Werk einer Katharina Till. 2010 wird Carla Federico „geboren“ und soll gar erfolgreicher werden als ihr wahres Ego. Knapp eine halbe Million Bücher wurden unter ihrem Namen weltweit verkauft.

Buchpreis erhalten

„Da kam beides zusammen. Mein Agent war auf der Suche nach Auswanderer-Romanen. Und ich hatte unheimliche Lust, mal einen Roman in Chile spielen zu lassen.“ Kröhn kennt das Land von einer Reise, greift sich eine ihrer unerschöpflichen Ideen, recherchiert in Büchern und schreibt „Im Land der Feuerblume“, die Geschichte sechs deutscher Familien, die 1852 in das südamerikanische Land auswandern. So schafft es Kröhn erstmals auf die deutsche Bestsellerliste, in Chile macht die spanische Übersetzung wochenlang Furore. Zudem erhält die Autorin den Publikumspreis des bayerischen Buchpreises „Corine“.

Dass die Lorbeeren an Carla Federico gehen und nicht an sie – Julia Kröhn stört es nicht. Sie kann mit dem Rollenspiel, das die Marktgesetze des modernen Literaturbetriebs ihr abverlangen, gut leben, schätzt sogar die Freiheit, die es ihr bietet. „Ich habe nie auf das eine große Meisterwerk hingearbeitet. Ich wollte mich ausprobieren.“ Sie tut das durch ihr bisheriges Schaffen hindurch ausgiebig, springt durch die Jahrhunderte, nimmt sich jeden historischen Stoff, der ihr interessant erscheint, geht mit ihren Geschichten mal an Königshöfe, mal zu den derbsten Barbaren. Und sie passt ihren Schreibstil dem jeweiligen Alias an: Carla schreibt etwas simpler als etwa Julia, Kristin ist düsterer.

Dass sie auf jedem Klappentext mit einem anderen Foto – Sophia Cronberg schaut fast aristokratisch, Carla Federico lächelt sanft – und einer leicht anders formulierten Biografie erscheint, hält Kröhn einfach für skurril. Allzu großes Interesse, so glaubt die Autorin, hätten die Leser ohnehin nicht an der wirklichen Person, die den Lesestoff für sie ersonnen hat.

Es sei denn, sie plaudert offen aus, wie wenig Romantik es in der Branche außerhalb der Buchdeckel gibt. Nachdem sie einmal in einem Interview darüber gesprochen hat, dass und warum sie und viele ihrer Kollegen auf dem Feld der sogenannten Unterhaltungsliteratur mit Pseudonymen arbeiten, wann Inspiration und wann Verkaufszahlen den Takt vorgeben, flogen ihr viele böse E-Mails ins Haus. Das, was sie da treibe, habe doch mit Schriftstellerei nichts zu tun, hieß es da. Die Verleumder täuschen sich: „Pragmatismus ist nicht das Gegenteil von Leidenschaft.“

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