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Buchautorin Arian Anwari: Junge Afghanin berichtet: Eine Flucht fast rund um die Welt

Ihre Familie floh aus Afghanistan, als Arian Anwari zwei Jahre alt war. In ihrem Buch "Attan: Die Drehung des Lebens" erzählt sie die Geschichte ihrer Flucht.
Die Erde ist für alle da: Arian Anwari ist in Deutschland angekommen. Sie erzählt nun von ihrem Weg, um Helfern zu danken und Flüchtlingen ein Beispiel zu geben. Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Die Erde ist für alle da: Arian Anwari ist in Deutschland angekommen. Sie erzählt nun von ihrem Weg, um Helfern zu danken und Flüchtlingen ein Beispiel zu geben.
Frankfurt. 

Im Business-Outfit steht Arian Anwari am Bahnsteig der Galluswarte und wartet auf den Zug, der sie in den Feierabend zurück nach Egelsbach bringen soll. Der brombeerfarbene Lippenstift schimmert, das Haar fällt ihr seidig über die Schulter. Wer sie so sieht, käme wohl kaum auf die Idee, dass diese junge Frau lange in einem Keller hauste, Hunger litt, dass ihre Mutter nach ihrer Geburt so abgemagert war, dass sie sie nicht stillen konnte, dass sie ihre Existenz einer Zwangsehe verdankt – wenn auch einer unerwartet glücklich verlaufenden. Vielleicht ist es gerade deshalb für Arian Anwari an der Zeit, ihre Geschichte zu erzählen – weil sich das niemand vorstellen kann.

Sie hat sie aufgeschrieben, zusammen mit einer Co-Autorin. Vor zwei Jahren, als die Flüchtlingsdebatte in den Medien erneut hochkochte, wurde Anwari eines Abends sehr traurig. Sie konnte nicht verstehen, warum Flüchtlinge in der Gesellschaft so negativ wahrgenommen wurden. Denn sie und ihre Familie waren Mitte der 1990er Jahre schließlich selbst aus Kabul geflüchtet.

Nach einer schlaflosen Nacht stellt sie in einer Autorengruppe auf Facebook die Frage, ob jemand mit ihr ein Buch über ihr Leben und die Geschichte ihrer Familie schreiben wolle. Es hagelt Antworten, eine Absenderin ist ihr sofort sympathisch: die mehr als doppelt so alte Dresdnerin Christine Fischer. Anwari reist nach Dresden, wo sich gerade eine Pegida-Kundgebung an die nächste reiht. Nach einem gemeinsamen Wochenende steht für beide Frauen fest: Sie wollen dieses Buch wirklich schreiben.

„Ich wollte beweisen, dass ich anders bin als das Klischee, das man von Flüchtlingen hat. Und Christine wollte beweisen, dass nicht alle Dresdner rechts sind und zu Pegida-Demos gehen“, sagt Anwari. Parallel zu ihrer Bachelor-Arbeit schreibt sie nächtelang ihre Erinnerungen auf, 200 Seiten schickt sie nach Dresden, damit Christine Fischer sie überarbeitet, die beiden führen lange Telefonate, Fischer lernt Anwaris Verwandte kennen. „Sie konnte kaum glauben, dass das die Familie ist, die all die Dinge erlebt hat. Dass wir so arm waren, dass wir mit Ratten im Keller gelebt haben.“

Arian Anwari wird als drittes Kind einer tadschikischen Familie in Kabul geboren, im Jahr 1992, mitten im Bürgerkrieg. Immer wieder gerät die Familie in die Schusslinie, kommt bei Verwandten oder Freunden unter, versteckt sich. Nachdem ein Onkel entführt wird, beschließen Anwaris Eltern, mit dem Sohn und den zwei Töchtern aus Afghanistan zu fliehen. Ihr Ziel ist Deutschland, denn dort leben Verwandte. Schleuser bringen sie nach Moskau, doch hier ist erst mal Schluss, der Familie geht das Geld aus. Auf dem Flüchtlingsmarkt versucht Anwaris Vater Geld zu verdienen, der acht Jahre alte Bruder geht arbeiten und betteln.

Traurige Erinnerungen

„Ich habe meinen Bruder gebeten, seine Erinnerungen an diese Zeit aufzuschreiben für mein Buch“, erzählt Anwari. Doch er schreibt nichts auf. Stattdessen schickt er ihr lange Sprachnachrichten aufs Handy. So erzählt er ihr, wie der Vater früh morgens an seinem Bett saß, mit Tränen in den Augen, weil er den achtjährigen Sohn wecken und zur Arbeit schicken musste, da die Familie auf das Geld angewiesen war. „Ich musste weinen, als ich das angehört hatte“, sagt Anwari.

Doch der Tiefpunkt war noch lange nicht erreicht: Die russische Mafia erpresst die Familie, entführt erst den Vater, dann den Sohn und lässt sie erst gegen Lösegeld wieder frei. Die Eltern treffen eine verzweifelte Entscheidung: Weil sie nicht das Geld aufbringen, um gemeinsam aus Moskau zu fliehen, lassen sich die Familienmitglieder getrennt voneinander aus dem Land schleusen. Als Erstes treten die beiden älteren Kinder die Flucht an, danach bringen die Schleuser Arian Anwaris Mutter nach Polen, wo sie sich mit anderen Flüchtlingsfamilien in einer Scheune versteckt.

Einige Zeit später übergibt der Vater auch seine jüngste Tochter den Schleusern. Anwari sagt: „Es ist kaum vorstellbar, dass man ein drei Jahre altes Mädchen einem fremden Mann mitgibt, damit er es von Moskau nach Polen bringt. Es hätte alles Mögliche passieren können: Missbrauch, Menschenhandel, ich hätte sterben können. All das haben andere erlebt. Aber meine Eltern waren bereit, alles zu riskieren, damit die Familie eine bessere Zukunft hat. Sie wussten, dass uns zu Hause Krieg, Gewalt und uns Mädchen auch Unterdrückung erwarten. Wir haben alles aufs Spiel gesetzt und hatten Glück.“ Nicht nur Glück, sondern auch Hilfe, denn trotz aller Schrecken, die die Familie auf ihrer Flucht immer wieder erlebt, widerfährt ihnen auch Gutes. Das Mädchen kommt wohlbehalten bei der Mutter in Polen an und gelangt zusammen mit ihr nach Berlin. Ein Deutscher liest die beiden in Berlin auf und bringt sie zu ihren Verwandten nach Essen. Endlich schafft es auch der Vater nach Deutschland.

Sie wird als Hexe tituliert

Die Behörden schicken die wiedervereinte Familie in ein kleines Dorf in der Eifel, wo sie eine einfache Unterkunft beziehen – doch für sie ist es der reinste Luxus. „In dem Ort waren wir eine Attraktion. Wir waren die einzigen Menschen mit schwarzen Haaren“, erinnert sich Anwari. Im Kindergarten nennen die anderen Kinder sie Hexe und Negerin, die Nachbarn reagieren abwehrend auf die Familie. Doch die Anwaris wollen das nicht akzeptieren und laden die Nachbarschaft zum Essen ein. Die Dorfbewohner kommen tatsächlich, sitzen bei Anwaris auf dem Fußboden und verspeisen afghanische Küche, ganz traditionell und ohne Besteck. Dafür feiern Anwaris mit ihnen Weihnachten und Ostern.

Die muslimischen Eltern nennen ihren jüngsten Sohn, der in Deutschland zur Welt kommt, Niklas – ein christlicher Name als Zeichen dafür, dass die Familie in der neuen Kultur angekommen ist. Doch die drohende Abschiebung schwebt wie ein Damoklesschwert über allem, immer wieder trudeln Schreiben der Ausländerbehörden ein. Als ein Nachbar davon erfährt, verschafft er dem Vater einen Job in der neugegründeten Firma seines Sohnes und macht sich auch beim Amt für die Familie stark. Schließlich dürfen sie bleiben.

„Mein Vater arbeitet seit 18 Jahren in dieser Firma, er fühlt sich dort pudelwohl. Und auch mein großer Bruder arbeitet dort“, erzählt Anwari. Das Unternehmen sponsert auch eine Flüchtlings-Fußballmannschaft, die ihr Bruder in Rheinland-Pfalz gegründet hat.

Soziale Arbeit studiert

Dann zieht die Familie nach Egelsbach. Da ist Arian Anwari 18 und beeindruckt vom weltoffenen Frankfurt und dem Miteinander der Kulturen. Sie studiert Betriebswirschaftslehre, merkt aber, dass das nicht das Richtige ist, und macht ihren Bachelor in sozialer Arbeit. „Ich möchte mich für Menschen einsetzen und anderen ersparen, was ich selbst erlebt habe.“

Heute unterstützt sie hauptberuflich Langzeitarbeitslose auf dem Weg zurück in den Beruf und engagiert sich seit 2016 in der SPD. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat, das ist ihr anzumerken. Doch es genügt ihr nicht, dass sie und ihre Familie es geschafft haben, sie will auch anderen helfen und sich bei all jenen bedanken, die ihr und ihrer Familie bei den Anfängen weitergeholfen haben.

Mit ihrem Buch will sie vor allem aufklären. „Den Deutschen möchte ich sagen: Urteilt nicht vorschnell, lernt den Menschen kennen. Und den Flüchtlingen will ich sagen: Werdet nicht kriminell, integriert euch und wählt den richtigen Weg.“ Der Titel ihres Buchs erinnert an ihre afghanischen Wurzeln: „Attan“ ist ein traditioneller afghanischer Tanz, bei dem man sich im Kreis dreht; so, wie auch das Leben sich zum Besseren wenden kann. Dabei fühlt sich Arian Anwari weder als Deutsche noch als Afghanin: „Deutschland, Afghanistan, das ist doch ganz egal – es kommt nicht auf den Ort an, sondern darauf, was die Leute aus ihrem Land machen.“ Deshalb macht es sie auch traurig, wenn sie sieht, wie sich manche radikalisieren und Gewalttaten im Namen des Islams verüben. „Diese Leute interpretieren den Islam falsch. Was sie tun, fällt am Ende auf mich und andere friedliche Menschen zurück. Dabei bedeutet Religion für mich, mit dem Herzen zu handeln, nicht mehr und nicht weniger.“

Friedliches Miteinander

Für die Zukunft wünscht sich Arian Anwari, was sich vermutlich jeder wünscht, der vor Krieg und Unterdrückung fliehen musste: Frieden und ein herzliches Miteinander. Sie will ihren Teil beitragen. „Ich weiß, dass ich mit einem Buch oder einem Lächeln nicht die Welt retten kann. Aber wenn jeder ein bisschen was dafür tut, können wir friedlich miteinander leben.“

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