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Kampf dem Atommüll

Von Holger Podlech ist ein Forscher, für den Aufgeben nicht zur Debatte steht. Das gilt nicht nur bei dem Versuch, die Halbwertszeit von Atommüll von 1 Million auf 500 Jahre zu senken, sondern auch in den Bergen.
Professor Holger Podlech forscht am Riedberg, um atomaren Abfall nicht mehr so lange lagern zu müssen.	Foto: Rainer Rüffer Professor Holger Podlech forscht am Riedberg, um atomaren Abfall nicht mehr so lange lagern zu müssen. Foto: Rainer Rüffer
Frankfurt. 

Für neue Wege ist Holger Podlech jederzeit bereit. In seinem Büro im Frankfurter Institut für Angewandte Physik der Goethe-Universität stehen Wanderschuhe – um Neuland zu betreten, um Spuren zu hinterlassen. Zuletzt hinterließ er in Argentinien, auf dem knapp 7000 Meter hohen Aconcagua, seine Fußspuren.

Fußspuren möchte der Physik-Professor auch beruflich hinterlassen: Seit zehn Jahren forscht er an einem Projekt, das es ermöglichen soll, die Strahlungsdauer von Atommüll von Millionen auf wenige 100 Jahre zu verkürzen.

Bilder seiner Gipfelstürme hängen wie Trophäen an der Wand seines Büroraumes: Von Gipfeln wie jenem des Cotopaxis, dem zweithöchsten Berg Ecuadors, lächelte er schon in die Kamera. Der Abenteurer blickt stolz auf die Fotos: "Das Spannende ist ja, dass die meisten Bergsteiger nicht bis zum Gipfel kommen. Die brechen vorher ab." Aufgeben gehört aber nicht zu Holger Podlechs Charaktereigenschaften.

Anfang mit den Sternen

In der achten Klasse blieb er sitzen. Ironischerweise war es die Mathematik, die ihm zum Verhängnis wurde, jenem Fach, das heute grundlegend für seine Forschung ist. "Ich war stinkfaul und hatte keinen Durchblick", räumt er ein. Es war die Pubertät, die seine schulischen Leistungen temporär überschattete. Nicht jedoch sein Interesse für die Naturwissenschaft. Die Hormonschübe verflüchtigten sich mit der Zeit und der heutige Physiker bestand das Abitur mit der vorzeigbaren Note 1,6. Während des Zivildienstes wurden die Sterne der erste Gegenstand seiner Forschung. Es gelang ihm, langfristige Veränderungen der Fixsterne zu berechnen. "Jugend forscht" ernannte den 22-Jährigen daraufhin zum Landessieger in Rheinland-Pfalz.

Nach Abitur und Zivildienst begann er am Max-Planck-Institut in Heidelberg Physik zu studieren, wo auch 1999 die Promotion folgte. Auf einer Konferenz in New York lernte er im selben Jahr den Direktor des Instituts für Angewandte Physik kennen, der ihn kurzerhand nach Frankfurt holte und sein Betreuer für die Habilitation wurde. Seit ein paar Monaten lehrt Holger Podlech nun als Professor für Beschleunigerphysik. In der Weltgeschichte fliegt er immer noch rum, vor allem in Europa, weil das Projekt zur Bestrahlung atomarer Abfälle, Transmutation genannt, ein europäisches ist. Insgesamt 50 Institute sind daran beteiligt und erforschen jeweils bestimmte Teile des Teilchenbeschleunigers. Frankfurt ist für den Anfang des insgesamt 250 Meter langen Teilchenbeschleunigers verantwortlich, die sogenannten Injektoren.

Ein Prototyp eines Injektor-Teils hängt im bunkerartigen Keller des Instituts. Die Injektoren bestehen aus supraleitendem Material und haben die Funktion, Protonen auf ein Blei- und Wismut-Gemisch zu schießen, wodurch in einer kernchemischen Reaktion freie Neutronen entstehen. Das wiederum löst eine kontrollierte Kettenreaktion aus: Die Neutronen spalten die Transurane, den in Brennstäben enthaltenen Atommüll. Von den Transuranen geht der größte Teil der Strahlung aus, zudem weisen sie eine hohe Halbwertszeit auf. Durch die Spaltung entstehen Isotope, die weitaus kurzlebiger und nur schwach bis mittel radioaktiv sind. Dieses Transmutationsverfahren soll es nun ermöglichen, die Transurane nur noch 500 statt 1 000 000 Jahre lagern zu müssen, bis ihre Strahlenbelastung auf ein geringeres Niveau heruntergefahren ist.

Der Teilchenbeschleuniger befindet sich derzeit in der letzten Forschungsperiode. Ab 2015 wird in Belgien mit dem Bau der Versuchsanlage begonnen. Die Baukosten des EU-geförderten "MYRRHA"-Projekts (Multi Purpose Hybrid Reactor for High Tech Applications) betragen rund eine Milliarde Euro. Durch die industrielle Nutzung könnte der radioaktive Abfall von zehn Kernkraftwerken gleichzeitig transmutiert werden. Allerdings würde das jährliche Kosten von bis 100 Millionen Euro bedeuten.

Zeit für eine Zigarettenpause. Der 44-Jährige wird nervös, zwei Stunden hält er es schon ohne aus, nun fragt er höflich, ob die Unterhaltung an der freien Luft fortgesetzt werden könne. Genüsslich zieht er im Hof des Instituts an seiner Zigarette. Sein Blick schweift in die Ferne: "Die Endlagerproblematik würde man mit diesem Verfahren in den Griff kriegen. Es würden für den Verbraucher kaum Zusatzkosten entstehen, vielleicht eine Strompreiserhöhung bis 20 Euro im Jahr."

Gegen den Ausstieg

Der stufenweise Atomausstieg bis 2022 ist seit vergangenem Jahr, kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima, beschlossene Sache. Die Grünen fordern sogar den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2040. Holger Podlech kann solche Forderungen nicht nachvollziehen. "Bis 2050 wird sich der Weltenergiebedarf verdoppeln. Wo soll die Energie herkommen? Wir brauchen die Kernkraft zur Abdeckung einer Grundlast." Der Forscher ist Realist, auch wenn er auf den ersten Blick nicht so aussieht. Optisch würde er eher in die Sparte "Atomkraft? Nein danke" passen. Seit 25 Jahren trägt er Pferdeschwanz, im linken Nasenflügel blitzt ein Piercing. Er wirkt jugendlich, ist aber in seiner Meinung gefestigt. Das war nicht immer so. Seine Meinung zur Kernenergie variierte im Laufe seines bisherigen Lebens, mal war er pro, dann wieder contra.

Bis zur Inbetriebnahme 2021 bleibt abzuwarten, ob der Beschleuniger für die industrielle Nutzung lukrativ ist. Zudem werden zwei weitere Fragen zu beantworten sein: Ist die Gesellschaft bereit, relativ große Geldmittel für weit in der Zukunft lebende Generationen auszugeben? Und inwieweit lassen sich die positiven Ergebnisse vom Labormaßstab auf großtechnische Dimensionen übertragen? All das wird die Zukunft zeigen.

Holger Podlech wünscht sich, dass seine Beschleuniger-Technik weltweit eingesetzt wird. Dass er Fußspuren in der Welt hinterlässt. Nicht umsonst geforscht hat. Sein nächstes Ziel ist der 8000 Meter hohe Sishapangma in Tibet. Die Wanderschuhe stehen schon bereit. Bereit, um weitere Spuren zu hinterlassen.

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