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Wasserversorgung: Kann Frankfurt mit diesem System Trinkwasser sparen?

Von In Deutschland ist es üblich, mit Trinkwasser die Toiletten zu spülen. Nun prüft die Stadt Frankfurt, ob sie künftig verstärkt auf das Zwei-Leitung-System setzen kann: Trinkwasser für die Dusche, Regenwasser fürs WC. Auf diese Weise könnte auch der geplante neue Stadtteil an der A 5 versorgt werden. Noch zögert die Politik – aber am Flughafen klappt es schon.
Ein Zwei-Leitung-System: Das blaue Rohr liefert Trinkwasser zum Waschbecken, das grüne Brauchwasser zur Toilette. Grafik: Wilo SE Foto: Holger Menzel (Holger Menzel) Ein Zwei-Leitung-System: Das blaue Rohr liefert Trinkwasser zum Waschbecken, das grüne Brauchwasser zur Toilette. Grafik: Wilo SE
Frankfurt. 

Fließt in Zukunft gesammeltes Regenwasser durch unsere Toiletten? Die Hessenwasser GmbH & Co. KG (Groß-Gerau), der Frankfurter Versorger Mainova und die Stadtverwaltung haben eine Studie in Auftrag gegeben. Sie soll ermitteln, ob und wie bis 2050 Teile des Wasserbedarfs der Mainmetropole mit Brauch- statt Trinkwasser gedeckt werden könnten. Das soll Ressourcen sparen. Derzeit sprudelt aus den Leitungen fast nur Trinkwasser; selbst in den Toiletten.

Dabei zwingen das Bevölkerungswachstum und der Klimawandel die Stadt, in Zukunft Wasser zu sparen. An heißen Tagen, so die im Forschungsauftrag geäußerte Befürchtung, könne es sonst irgendwann zu „Einschränkungen bei der Trinkwasserversorgung“ kommen. Gleichzeitig leiden die Lieferanten, die Kommunen am anderen Ende der Fernwasserleitungen, unter´m Durst der Großstadt.

Fraport ist Vorreiter

Ein prominentes Bauprojekt zeigt, wie es anders geht: Der Terminal 3 am Frankfurter Flughafen. Weil Toilettenspülwasser nicht die gleiche Qualität haben muss wie jenes, das aus Hähnen in Waschbecken fließt, baut die Fraport AG am Airport eine Infrastruktur mit zwei separaten Leitungen. In 2400-Kubikmeter-Becken soll so viel Regenwasser gespeichert werden, um drei Tage lang alle Toiletten am neuen Terminal spülen zu können. So das Kalkül der Fraport, die mit einem täglichen Passagieraufkommen in der Größe einer Kleinstadt am Terminal 3 rechnet. Am Terminal 2 funktioniert ein ähnliches System bereits.

Die Studie soll klären, ob ein Zwei-Leitung-System auch innerstädtisch denkbar wäre. Ein Rohrleitungssystem versorgt Toiletten und Hydranten mit Brauchwasser, das andere Duschen und Wasserhähne mit Trinkwasser. Brauchwasser, auch Betriebswasser genannt, kann Regenwasser, Flusswasser oder leicht verschmutztes Abwasser sein. Es könnte aufbereitetes Trinkwasser ersetzen, das für Rasensprenger, Waschmaschinen oder Löschkanister eigentlich zu schade ist.

Im Schnitt verbraucht ein Frankfurter eine Badewanne voll Trinkwasser am Tag: 148 Liter. Gute 20 Liter Wasser sind es allein für ein großes oder kleines „Geschäft“ – derweil sinkt in den Regionen, aus denen es stammt, stellenweise bereits der Grundwasserspiegel. Nur ein Fünftel ihres Trinkwassers speist die Großstadt aus eigenen Brunnen, rund 80 Prozent werden aus dem Vogelsberg, Kinzigtal, Spessart und dem hessischen Ried geliefert. Dort wachsen die Befürchtungen, auf Dauer trockengelegt zu werden.

Bedarf steigt stetig

Die Berufspendler, die nicht in Frankfurt wohnen, aber tagsüber hier trotzdem Wasser verbrauchen, sorgen dafür, dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Bedarf 21 Liter mehr beträgt als im deutschen Mittel. Der Bedarf der Mainmetropole steigt stetig: 2016 benötigte sie rund 46 Millionen Kubikmeter Wasser, das entspricht fast einmal dem Bodensee. 42 Millionen Kubikmeter entfielen dabei auf Haushalte und Kleingewerbe, der Rest auf die Industrie. Und nun soll auch noch ein neuer Stadtteil an der A 5 entstehen für 30 000 Menschen...

Konkrete Pläne für ein großflächiges Brauchwassersystem haben weder die Stadtverwaltung noch die Wasserversorger in der Schublade. Die Hessenwasser GmbH will nun erst einmal herausfinden, wie sich Doppelleitungen auswirken würden. Laut Forschungsauftrag sollen „Bedarf und Versorgungsmöglichkeiten abgeschätzt“ und deren „ökologische und sozioökonomische Wirkungen identifiziert“ werden. Zwei Stadtquartiere sollen dazu ausgewählt werden, noch laufen die Gespräche mit der Stadt. Anhand der Ergebnisse sollen Wissenschaftler des Kompetenzzentrums Wasser Berlin (KWB) ihre Ergebnisse auf ganz Frankfurt hochrechnen. Die Mainova erklärt auf Anfrage, es sei auch eine Kosten-Nutzen-Analyse zu erstellen.

Für den neuen Stadtteil im Nordwesten wird die Debatte um ein Zwei-Leitung-System indes politisch handfest. Dafür plädiert zumindest die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), sie führt Gespräche mit Planungsdezernent Mike Josef (SPD): „Es kann einfach nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert weiter Trinkwasser durch unsere Toiletten spülen“, so Heilig. Ihr Amt, die Stadtentwässerung und das Stadtplanungsamt sind federführend bei den Überlegungen. Heilig fordert sogar, künftig stadtweit Bauherren von Neubauten zu verpflichten, mit Brauchwasser zu planen. „Die Überzeugung, dass man bei der Wasserversorgung umdenken muss, ist mittlerweile bei vielen Politikern angekommen“, sagt sie. Bereits im Sommer 2017 forderte die SPD-Fraktion, den neuen Stadtteil mit Doppel-Leitungen auszustatten.

Einzelne Projekte mit Brauchwassersystem gibt es bereits, darunter das Ökohaus am Westbahnhof. Die Technik existiert seit rund 30 Jahren, hat sich jedoch wegen des höheren Aufwandes (mehr Leitungen, mehr Zähler) nicht in der Breite durchgesetzt. Obwohl der umweltbewusste Hausbauer dadurch Trinkwasser spart – und damit bares Geld.

Frankfurt Westbahnhof Regen für die Pflanzen im Ökohaus

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Profilierung möglich

„Dass flächendeckend ein ganzer Stadtteil mit Brauchwassernutzung erschlossen wird, hat es hierzulande aber noch nicht gegeben“, erklärt Dr. Hans-Otto Wack. Der Ökologe entwickelt seit 30 Jahren Wasserinfrastrukturen in aller Welt. Er sagt: „Frankfurt kann sich mit einem solchen Projekt als Vorreiter und ,Green City’ profilieren.“

Laut Wack, der auch eine Natur- und Wasserschutzorganisation aus dem Vogelsberg berät, könnte ein Brauchwassersystem das Umland entlasten und Frankfurt unabhängiger machen. „Frankfurt kann mit einem Brauchwassersystem die stadteigenen Wasserreserven verfünffachen.“ Die Stadt könnte stillgelegte Brunnen reaktivieren, die sie der derzeit nicht nutzt, weil das Wasser keine Trinkwasser-, sondern nur Brauchwasserqualität hat. „In sechs von zehn Fällen braucht man im Haushalt einfach kein Wasser mit Trinkwasserqualität“, sagt Wack. Nachteile sieht der er kaum, obwohl die Mainova vor höheren Kosten für Bauherren und Bürger warnt. Angesichts der Unsummen, die bei Neubauprojekten aufgerufen würden, sei die Verlegung einer Doppelleitung aber „Makulatur“, ist der Ökologe überzeugt.

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