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Stadtteilhistoriker: Karlheinz Gutberlet arbeitet Jahre nach 1945 aus Sicht der Kinder auf

In der Nachkriegszeit mussten die Frankfurter viel entbehren, eine zerstörte Stadt wieder aufbauen und die Schrecken der Nazi-Zeit aufarbeiten. Es waren harte Jahre. Doch die Nachkriegskinder erlebten die Zeit nach 1945 ganz anders. In Eckenheim widmet sich Karlheinz Gutberlet dieser Perspektive.
Er hat schon einiges zusammengetragen: Karlheinz Gutberlet forscht über die Eckenheimer Nachkriegskinder. Foto: Leonhard-Hamerski Er hat schon einiges zusammengetragen: Karlheinz Gutberlet forscht über die Eckenheimer Nachkriegskinder.
Eckenheim. 

Der Stadtteilhistoriker Karlheinz Gutberlet trommelt seine alte Bande zusammen: die Eckenheimer Nachkriegskinder. Langsam trudeln sie im Lokal „Zur Post“ an der Eckenheimer Landstraße ein. Rund 15 kommen an dem Freitagabend. Viele erkennen sich auch nach Jahrzehnten auf Anhieb. Andere fragen ungeniert: „Wer bist’n Du? – Ach, die dort und dort gewohnt hat.“ Schnell sind die gealterten Gesichter mit den Geschichten von früher zusammengebracht.

Gutberlet will mit ihnen dem Gefühl ihrer gemeinsamen Kindertage nachspüren, um es in halbfiktiven Kurzgeschichten festzuhalten. Wie die Kinder die Jahre nach 1945 erlebt haben, ist nämliche eine ganz andere Geschichte als die, die sonst über die Nachkriegszeit erzählt wird. Das versteht man, wenn man etwa Gisela Rumbler zuhört. Die mondäne Frau in dem dunklen Kleid ist Jahrgang 1937, spricht und gestikuliert aber wie eine junge Frau. Sie erzählt, wie sie mit ihrer Mutter nach Kriegsende zurück nach Frankfurt kam. Wegen der Bombenangriffe waren sie nach Thüringen geflohen. „Mit mir an der einen Hand und dem Handwagen an der anderen stand meine Mutter vor unserem Haus in der Holzhausenstraße/ Ecke Humboldtstraße“, erzählt Rumbler. „Es war ausgebombt, nur noch Schutt und Asche. Mit einem Schlag war sie obdachlos, mitten im Winter, der Mann noch in Kriegsgefangenschaft.“ Schließlich seien sie in Eckenheim in der überfüllten Wohnung einer Großtante untergekommen.

Zwei Perspektiven

Wie Rumbler erzählen viele in dem Lokal ihre Geschichte. Kommen sie auf die Entbehrungen und Schwierigkeiten von damals zu sprechen, erzählen sie aus der Perspektive ihrer Eltern. Dann geht es um Nahrungsrationierung, Arbeitslosigkeit oder Kriegserfahrungen. Das bekannte Bild der Nachkriegszeit eben. Dass in kleinen Wohnungen gleich mehrere Familien lebten, störte die Kinder aber nicht. „Wir waren sowieso nur draußen“, sagt Rainer Götz. Er ist 1940 geboren. Rund 50 Kinder hätten damals zur Eckenheimer Bande gehört und wären ständig zusammen gewesen. Wenn im Kino die Degenfilme liefen, haben sie mit Stöcken gefochten. Kamen Western, waren sie Cowboys und Indianer. „Zu Fastnacht haben wir uns verkleidet und sind gegen die Kinder aus den anderen Stadtteilen ins Feld gezogen“, erzählt er. „Als wir sie getroffen hatten, rannten wir mit Kampfgeschrei aufeinander zu, blieben voreinander stehen und haben uns unterhalten.“ Gewalttätig seien sie nicht gewesen. „Aber Blödsinn hatten wir jede Menge im Kopf.“

Wer von den Nachkriegskindern erkennt sich wieder? Das Bild zeigt die Kinderfastnacht im Februar 1951. Repro: Leonhard Hamerski Bild-Zoom Foto: Leonhard-Hamerski
Wer von den Nachkriegskindern erkennt sich wieder? Das Bild zeigt die Kinderfastnacht im Februar 1951. Repro: Leonhard Hamerski

Auch zu den amerikanischen Soldaten, die in Frankfurt stationiert waren, hatten die Kinder ein anderes Verhältnis als ihre Eltern. Götz’ Familie verlor ihre Wohnung, weil sie die Amerikaner beschlagnahmt hatten. Reserviert begegneten die Erwachsenen den Soldaten, hielten Abstand. Für die Kinder waren Besatzer dagegen eine immer sprudelnde Quelle für Süßigkeiten. Auch richteten die Amerikaner in der Turnhalle einen offenen Jugendtreff ein. Man habe die Deutschen über die Kinder und Jugendlichen demokratisieren wollen, sagt Gutberlet. Erfolgreich, denn Götz sagt Sätze wie: „Woran ich mich am intensivsten erinnere, sind die Ausflüge mit dem Amerikanern.“ Sie organisierten Wanderungen, Boxwettbewerbe, brachten den Kindern Baseball bei.

Frühe Heirat, prüde Zeit

Eine weitere Erfahrung teilen die Eckenheimer Nachkriegskinder: Sie heirateten früh. „Sonst hätten wir keine Wohnung bekommen“, sagt Götz. „Damals gab es noch den Kuppelparagraf, der es verbot Unverheirateten eine Wohnung zu geben.“ Für die jungen Verliebten war es aber gar nicht so leicht sich anständig kennenzulernen. „Man darf nicht vergessen, wie prüde die Adenauer-Zeit war“, sagt die Gisela Rumbler. Mit ihrem ersten Freund habe sie sich im Dornbusch getroffen. „Sonst hätte es in der Nachbarschaft Gerede gegeben.“ Aber auch so eckte sie als Mädchen an. „Im Winter 1949 war meine Mutter froh, dass sie mir eine warme Hose besorgen konnte. Damit gab es aber in der Schule großes Geschrei.“ Die Direktorin habe ihr klar machen wollen, dass es sich für ein Mädchen nicht zieme Hosen zu tragen. Rumbler schüttelt den Kopf während sie davon erzählt. „Es war trotzdem eine schöne Zeit“, sagt sie und wirkt überrascht, so über diese schwierige Phase zu sprechen.

Es kommt in den Sinn, dass das unterschiedliche Erleben ein erster Riss zwischen den Generationen war. Der Bruch folgte in den 1960er Jahren, als die Jungen ihre Eltern zwangen, sich für ihre Taten und Werte zu rechtfertigen. Da waren Gutberlets Kinderfreunde aber keine Kinder mehr. Auch wenn sie im Lokal „Zur Post“ eine Grußkarte an eine Freundin unterzeichnen mit: „Wir, die Nachkriegskinder“.

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