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Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer im Interview: Kindsmord: „Solche Väter rächen sich an Müttern“

Der Tod des achtjährigen Marcel S. erschüttert die Region. Nach Erkenntnissen der Polizei hat der 40 Jahre alte Vater Heiko S. zunächst den Jungen getötet und sich dann selbst erhängt (wir berichteten). Was geht in einem Menschen vor, der sein eigenes Kind umbringt? FNP-Redakteurin Stefanie Liedtke hat darüber mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen gesprochen.
Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut. Bilder > Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut.

Herr Professor Pfeiffer, was geht in einem Menschen vor, der sein eigenes Kind umbringt und sich danach selbst das Leben nimmt?

PROF. DR. CHRISTIAN PFEIFFER: Ein Grundmuster ist: Der Vater tötet sein Kind, weil er die Mutter bestrafen möchte – in der Regel dafür, dass sie sich getrennt hat. Der Vater könnte auch die Mutter töten, aber das würde für sie nur ein kurzen Schmerz bedeuten. Er kann ihr viel mehr Leid zufügen, wenn er ihr geliebtes Kind mit in den Tod nimmt. Es gibt auch Sonderfälle, wenn psychisch kranke Eltern sich selbst und ihre Kinder umbringen, weil sie unter Wahnvorstellungen leiden und die Kinder beschützen wollen. Aber hier scheint die wahrscheinlichste Alternative die Geschichte des verzweifelten Vaters zu sein, der in seiner Ohnmacht gegenüber dem Verhalten der Mutter sein eigenes Kind tötet.

Wie häufig sind solche Fälle?

PROF. PFEIFFER: Zum Glück immer seltener. Die Zahl der getöteten Sechs- bis Vierzehnjährigen – fast immer sind die Eltern die Täter – hat von 80 Fällen im Jahr 1994 auf 17 Fälle im Jahr 2014 abgenommen. Wir sind da auf einem guten Weg. Aber leider gibt es immer noch Fälle, in denen Väter aus ihrer Verzweiflung heraus, dass sich ihr Leben nicht mehr steuern lässt, sich selbst und ihr Kind töten.

Sie sprechen von Vätern – ist das denn ein klassisch männliches Verhaltensmuster?

PROF. PFEIFFER: Mütter töten auch, aber dann oft gleich nach der Geburt. Der aktuelle Fall ist typisch für verzweifelte Väter, die nicht akzeptieren können, dass die Mutter sich getrennt hat. Wir hatten hier in Niedersachsen einen Fall, da ist die Mutter mit ihrem neuen Partner verreist und hat die drei Kinder beim Vater gelassen. Dann bekam sie eine SMS-Nachricht vom Vater, dass er sich und die Kinder umbringt, weil er die Vorstellung nicht erträgt, dass sie mit ihrem neuen Partner im Urlaub ist. Die Mutter verständigte sofort die Polizei, doch da war es schon zu spät.

Nachdem die Leiche eines 40-jährigen Familienvaters entdeckt worden war, gehen Einsatzkräfte der Polizei am 29.03.2016 durch eine Kleingartenanlage in Frankfurt am Main (Hessen). Wenige hundert Meter entfernt war am Ostermontag die Leiche des achtjährigen Sohnes des Mannes gefunden worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann zuerst den Jungen getötet und dann Suizid begangen hatte. Foto: Alexander Heinl/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer im Interview Kindsmord: „Solche Väter rächen sich an Müttern“

Der Tod des achtjährigen Marcel S. erschüttert die Region. Nach Erkenntnissen der Polizei hat der 40 Jahre alte Vater Heiko S. zunächst den Jungen getötet und sich dann selbst erhängt (wir berichteten). Was geht in einem Menschen vor, der sein eigenes Kind umbringt? FNP-Redakteurin Stefanie Liedtke hat darüber mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen gesprochen.

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Wiegt in diesen Fällen der Hass gegenüber der Mutter stärker als die Liebe zum eigenen Kind?

PROF. PFEIFFER: Ja. Wir sprechen in solchen Fällen von einer „röhrenförmigen Verengung des Blickfeldes“. Diese Menschen sind wie in einem Tunnel: Es geht nur noch darum, sich an der Mutter zu rächen. Alles andere zählt nicht mehr. Die Alternative, die Mutter umzubringen und selbst mit dem Kind weiterzuleben funktioniert ja nicht, weil der Vater weiß, dass er dann ins Gefängnis muss.

Das heißt, solche Taten sind geplant?

PROF. PFEIFFER: Ja. Der Vater weiß ganz genau, was er vorhat, wenn er das ahnungslose Kind von der Schule abholt. Und dann zieht er das durch.

Warum bringt ein solcher Vater nicht nur das Kind, sondern auch sich selbst um? Lebte er noch, könnte er die Mutter doch leiden sehen?

PROF. PFEIFFER: Bei diesen Menschen überwiegt die Verzweiflung über ihr gescheitertes Leben. Sie wollen nicht auch noch mit dem Vorwurf leben, dass sie ihr Kind getötet haben.

Gibt es Warnsignale, die auf einen solchen erweiterten Suizid hinweisen können?

PROF. PFEIFFER: Natürlich gibt es Warnsignale, etwa, dass diese Leute völlig durch den Wind sind. Denen merkt man die Krise an. Aber es denkt ja niemand daran, dass sie ihre Kinder umbringen würden. Das kann man, anders als bei einem reinen Selbstmord, nicht vorhersehen. Es sei denn, die Person hat darüber geredet.

Wie erklären Eltern von Klassenkameraden ihren Kindern den Tod ihres Mitschülers?

PROF. PFEIFFER: So, wie wir es gerade besprochen haben. Es hilft nichts, drum herum zu reden. Man muss den Kindern klarmachen, dass ein Mensch in einen solchen Engpass geraten kann, dass er nur noch wahrnimmt, wie sehr er leidet. Und dass er denjenigen, dem er die Schuld an diesem Leid gibt, mit seinem Verhalten bestrafen will.

Gibt es einen guten Zeitpunkt für solche Gespräche?

PROF. PFEIFFER: Das geht erst, wenn die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen sind und klar ist, dass sich der Fall tatsächlich so ereignet hat. Dann sollten Eltern und Lehrer deutlich machen, dass vor 20 Jahren noch viel mehr Kinder auf diese Weise gestorben sind als heute. Das verstehen sie schon.

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