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Klischees werden kaum bedient

Viel wurde geredet über die angeblich schlimmen Zustände an der Otto-Hahn-Schule in Nieder-Eschbach. FNP-Mitarbeiter Benjamin Kilb hat daher einen Vormittag lang eine siebte Hauptschulklasse begleitet.
Gute Laune haben die Schüler Klasse H7 der Otto-Hahn-Schule (von links): Ilona (13), E. (14), Kerim (13) und Robert (13).	Foto: Benjamin Kilb Gute Laune haben die Schüler Klasse H7 der Otto-Hahn-Schule (von links): Ilona (13), E. (14), Kerim (13) und Robert (13). Foto: Benjamin Kilb
Nieder-Eschbach. 

Einen gestressten Lehrer sieht man vor sich, Schüler, die ihm auf der Nase herumtanzen, wenn denn überhaupt welche anwesend sind. Vor dem Besuch einer Hauptschulklasse kommen jene Vorurteile fast unweigerlich auf. In der H7 der Otto-Hahn-Schule in Nieder-Eschbach werden diese Klischees nur minimal bedient. Den gestressten Lehrer sucht man hier vergeblich.

Ein Praxistag steht heute an. Einmal pro Woche findet er statt, um den Zusammenhalt, das Wir-Gefühl der Klasse zu stärken. Auch sorgt er für ein positives Lernklima und weniger Fehlzeiten. Die Schüler der H7 sprechen heute über ihre Radtour, auf der sie vor einigen Tagen Frankfurt besser kennenlernen sollten und die sie auch zu einem Oberräder Kräuterbauern führte. Er berichtete den Schülern über die sieben Kräuter der Grünen Soße.

Kräuter mitgebracht

Nachher sollen die Siebtklässler nun das Erlebte erzählen, die sieben Kräuter nennen und probieren. Bald müssen sie die Frankfurter Spezialität selbst zubereiten. Von den Kräutern, die Klassenlehrerin Ulrike Brauser mitgebracht hat, bleibt kaum etwas übrig. Nur Kerbel schmeckt fast keinem.

Die Lehrerin setzt bei der Gestaltung des Unterrichts oft auf Partnerarbeit, die Teams werden immer wieder neu zusammengestellt, auch das fördert den Klassengeist. Brauser, seit 20 Jahren überzeugte Hauptschullehrerin, wirkt keineswegs ausgelaugt, sondern motiviert. "Ich finde es belebend. Es ist der schönste Schulzweig für mich. Die Kinder sind ehrlich, sie sagen es einem, wenn sie mal nicht ausgeschlafen haben", erzählt Brauser. Sie möchte die Kinder ein Stück weit prägen, meist gelinge ihr das.

Regeln selbst aufstellen

Als nächstes sollen die Schüler auf gelbe und rote Zettel schreiben, welche Regeln sie sich für die Klasse wünschen und was ihnen nicht gefällt. Auf einem Apfel aus Papier sollen sie ihre Wünsche formulieren. Dann kleben sie alles an einen Papierbaum an der Wand. Ilona (13) wünscht sich, dass keiner beleidigt, geschlagen und jeder so genommen wird, wie er ist. Der Baum gilt als Dorf ohne Regeln. Die soll die H7 selbst aufstellen.

Derzeit seien die Schüler noch dabei, ihre Rollen in der Klasse zu finden, sie steckten ihr Terrain ab, erklärt Brauser. Zwei Schülerinnen malen, ein paar Jungs kichern, es scheint, als sei es mit der Ruhe gleich vorbei. Doch die Klassenlehrerin ermahnt höflich aber bestimmend, die Aufmerksamkeit ist zurück. Brauser ist keine Lehrerin, die die Schüler sich selbst überlässt. Sie hat Stifte und Papier dabei, falls die Schüler nicht daran denken. Um eine gute Bindung zu den Schülern aufzubauen, unterrichtet sie die Klasse gleich in mehreren Fächern.

Aus Sicht von Kerim (13), ein besonnener Schüler und dafür, so scheint es, von allen respektiert, ist Brausers Art von Unterricht genau das, was die Klasse braucht. Auch Ilona findet die Klassenlehrerin "cool und nett. Manchmal ist sie streng, das ist aber auch nötig. Wichtig ist aber auch, dass Frau Gdanietz bei uns in der Klasse ist", sagt Ilona.

Die Sozialpädagogin Gabriele Gdanietz bildet mit ihrer Kollegin Diana Musillo die Jugendhilfe für die Hauptschule und Förderstufe der Otto-Hahn-Schule. Beide betreuen regelmäßig die Praxistage sowie Klassenfahrten, informieren, beraten und helfen bei schulischen Fragen. Zudem unterstützten sie die Schüler bei der Berufsorientierung und -wegeplanung. Seit zwölf Jahren arbeiten Brauser und Gdanietz so zusammen.

Die Klassenlehrerin hat in ihren zwei Jahrzehnten an Frankfurter Hauptschulen gelernt, dass sich nicht nur Schüler ändern können, sondern dass sie sich auch selbst wandeln musste. "Dennoch muss man sich auch damit abfinden, dass man manche Schüler nicht kriegt", sagt Brauser über Schulabbrecher.

Als einen großen Erfolg wertet sie das oft gute Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern. "Früher gab es oft verhärtete Fronten, heute laufen die Elterngespräche viel besser. Auch wenden sich die Schüler mit ihren Probleme viel häufiger an mich als nur an ihre Eltern", sagt Brauser. Die Zahl der Schulabbrecher konnte sie gemeinsam mit Sozialpädagogin Gdanietz deutlich senken. Auch machen an der Otto-Hahn-Schule inzwischen vielmehr Schüler einen Hauptschulabschluss, im vergangenen Schuljahr 20 von 23 Schülern. Das möchten Brauser und Gdanietz auch mit der H7 hinbekommen.

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