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Prostitution: Kondom-Pflicht: Neue Regeln fürs Frankfurter Rotlichtviertel

Kondom-, Beratungs- und Anmeldepflicht für Prostituierte - Erlaubnispflicht für Bordelle. Diese Regelungen sieht das neue Prostituiertenschutzgesetz vor. Die Umsetzung im Rotlicht hat zwar gerade erst begonnen, hinterlässt aber schon Spuren.
Eine Frau steht im Eingangsbereich einer Animierbar und eines Bordells in Frankfurt am Main Foto: Andreas Arnold (dpa) Eine Frau steht im Eingangsbereich einer Animierbar und eines Bordells in Frankfurt am Main
Frankfurt. 

In dem Bordell im Frankfurter Bahnhofsviertel stehen zwölf der 34 Zimmer leer. Der Security-Chef des Laufhauses im Rotlichtquartier hält das neue Prostituiertenschutzgesetz für einen Grund. "Die Mädchen haben Angst, dass ihre Familien benachrichtigt werden", sagt er mit Blick auf die in dem Gesetz vorgesehene Anmeldepflicht.

Hauptkommissar Marcel Krings, der sich im Milieu auskennt, nennt dagegen die Sommerpause als Grund für die leeren Zimmer. Viele der Osteuropäerinnen machten in der Heimat Urlaub. Wenn das Gesetz zum Schutz Prostituierter vor Ausbeutung und Gewalt überhaupt zu Verdrängungseffekten führe, machten sich diese frühestens im Laufe des zweiten Halbjahres bemerkbar.

Viele Bordelle seien schon längst nicht mehr so ausgelastet, ergänzt Elvira Niesner von der Beratungsorganisation "Frauenrecht ist Menschenrecht" (FIM). Die Prostitution verlagere sich mehr in Wohnungen und laufe häufiger über das Internet und Handykontakte.

Bis zu 2500 Prostituierte in Frankfurt

Je nach Jahreszeit bieten in Frankfurt - so Fachleute - jeden Tag zwischen 1500 und 2500 Prostituierte ihre Dienste an. Mehr als 70 Prozent davon ist nach Einschätzung Niesners Armutsprostitution. Diese Frauen hätten keine geregelten Arbeits- und Lebensbedingungen und müssten einen großen Teil ihrer Einkünfte an Zuhälter abgeben.

Ein Sicherheitsmitarbeiter überwacht die Flure und Gänge eines Bordells in Frankfurt am Main. Bild-Zoom Foto: Andreas Arnold (dpa)
Ein Sicherheitsmitarbeiter überwacht die Flure und Gänge eines Bordells in Frankfurt am Main.

"In diesem Haus besteht Kondome Pflicht", steht am Eingang zum Laufhaus in der Taunusstraße 26. Diese neue Regelung findet eine Prostituierte, die sich Gabriela nennt, wirkungslos. "Was im Zimmer passiert, wissen nur die Freier und die Frauen", sagt die 34-Jährige. Niesner meint dagegen: "Es ist ein wichtiges Signal, dass der Staat Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten einfordert." Und: "Heute fordern Freier häufig Sex ohne Kondom, Frauen unter Druck können sich dann auf das neue Gesetz beziehen."

Die Einnahmen der Prostituierten gehen zurück

Gabriela arbeitet nach ihren Worten aber ohnehin ausschließlich mit Kondom. Sie habe sich auch schon immer regelmäßig untersuchen lassen. Das neue Gesetz habe ihre Arbeit noch nicht verändert. Sinkende Preise im ältesten Gewerbe der Welt machen der Bulgarin mit der langen dunklen Mähne allerdings zu schaffen.

140 Euro Miete bezahlt sie pro Tag für ein Zimmer, davon gingen 15 Euro ans Finanzamt. 30 Euro nimmt sie für eine halbe Stunde, wie sie sagt. «Und die Kunden wollen heute mehr als früher.» Vor zehn Jahren, als sie als Prostituierte anfing, habe sie von vielen Männern noch 80 bis 100 Euro für eine halbe Stunde bekommen und 300 bis 800 Euro am Tag übrig behalten. Heute seien es oft nur noch 50 bis 100 Euro.

Ein Schild weist am 12.07.2017 in einem Bordell in Frankfurt . Bild-Zoom Foto: Andreas Arnold (dpa)
Ein Schild weist am 12.07.2017 in einem Bordell in Frankfurt .

Von 17 Uhr bis 2 Uhr morgens arbeitet Gabriela normalerweise, an Wochenenden auch mal bis 6 Uhr. Mit dem Geld unterstütze sie fünf Verwandte in Bulgarien, darunter ihre 14 Jahre alte Tochter. "Meine Familie denkt, ich habe einen reichen Mann, der mir das Geld gibt." Bald wolle sie ihre Tochter zu sich nach Deutschland holen und sich eine bürgerliche Existenz aufbauen.

Frauen durch neues Gesetz verunsichert

Anders als Gabriela verunsichere das Gesetz eine Reihe von Frauen in der Szene, berichtet Polizist Krings. Grundsätzlich gebe es zwei Lager: Die einen fänden es gut, sich anzumelden und beraten lassen zu können. "Die anderen würden lieber im Verborgenen weiter arbeiten."

Ingmar Bolle vom Frankfurter Gesundheitsdezernat sieht die Pflichtberatung kritisch. Die Großstadt sei mit ihren differenzierten Angeboten, bei denen die Identität der Frauen nie eine Rolle gespielt habe, gut gefahren. "Wir müssen jetzt schauen, wie wir damit umgehen, ohne dass wir die Menschen verlieren." In das neue Gesetz seien viele praktische Erkenntnisse eingeflossen und die Behörden könnten jetzt erstmals etwas im Rotlicht bewirken, sagt Krings. "Die Bordell-Betriebe haben die Zeichen der Zeit erkannt."

Gemeinsam mit dem Ordnungsamt habe die Polizei die Betreiber bereits auf die neuen Regeln hingewiesen. Viele seien auch von sich aus auf die Behörde zugekommen, allerdings gebe es immer auch schwarze Schafe.

14 Bordelle im Frankfurter Bahnhofsviertel

14 Bordelle mit mehr als 600 Zimmern stehen allein im Bahnhofsviertel. Dazu kommen noch vier Laufhäuser in der Breiten Gasse in der Innenstadt mit zusammen etwa 160 Zimmern. "Wenn das neue Gesetz gut umgesetzt wird, hat es positive Auswirkungen auf die Armutsprostitution", ist Niesner überzeugt. Gerade viele kleinere Städte seien so überhaupt auf das Problem in ihrer Gemeinde aufmerksam geworden.

Allerdings sei das Gesetz kein Selbstläufer: «Es kommt auf gute Beratung an.» Dann würden die Prostituierten gestärkt, könnten eigenständiger sein und ein Verhältnis zum Rechtsstaat aufbauen. Bei der Beratung dürften beispielsweise nicht einfach nur Handzettel verteilt werden. "Es liegt alles an der Umsetzung." Schwierig für viele mittellose Prostituierte sei erst einmal, dass sie künftig nicht mehr im Bordell übernachten dürfen. "Das Gesetz wollte nicht, dass die Frauen in den Bordellen arbeiten und schlafen", sagt Niesner. "Viele Armutsprostituierte wissen nicht mal, in welcher Stadt sie sind."

Gabriela dagegen schläft nicht im Bordell. Sie hat eine Wohnung und auch einem Freund, der von ihrer Arbeit wisse. Geld bezahle sie ihm selbstverständlich nicht. Ein kritischer Punkt des Gesetzes sind nach Einschätzung Niesners für manche Frauen die Anmeldebescheinigung mit dem eigenen oder einem Alias-Namen sowie der Datenschutz. Um den Datenschutz optimal umsetzen zu können, fehlten noch Ausführungsbestimmungen des Landes Hessen für die Kommunen.

dpa

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