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Organisatorische Veränderungen: Kritik an Leichenschau-System

Wenn es Polizisten mit einer Leiche zu tun bekommen, müssen sie zur Feststellung der Todesursache einen niedergelassenen Arzt herbeirufen. Bis der kommt, können neuerdings aber mehrere Stunden vergehen. Grund sind organisatorische Veränderungen im Leichenschau-System. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) spricht von „unzumutbaren Zuständen“.
Blick in einen Sektionssaal. Foto: Stefan Sauer (dpa) Blick in einen Sektionssaal.
Frankfurt. 

Wenn Polizisten vor einer Leiche stehen, dürfen sie den Totenschein nicht selbst ausfüllen. Sie müssen nach dem Hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetz einen niedergelassenen Arzt herbeirufen. Dieser muss „unverzüglich“ eine Leichenschau machen und ankreuzen, ob es sich um eine natürliche oder eine nicht-natürliche Todesursache handelte. Auch für den Fall, dass sich die Ursache nicht klären ließ, gibt es ein Kästchen.

Zwischen 750 und 850 Leichenschauen werden jährlich in Frankfurt gemacht. Seit dem 1. April gibt es nach Angaben des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK) aber gravierende Probleme beim Herbeirufen der Ärzte. Kriminalhauptkommissar Dirk Peglow, stellvertretender BDK-Landesvorsitzender, berichtet, dass die Polizisten bis zum Eintreffen eines Mediziners tagsüber oft mehrere Stunden warten müssen: „Wenn es schlecht läuft, stehen unsere Polizisten, meist Revierbeamte, über sechs Stunden bei der Leiche herum. Das ist für sie, aber auch für die Angehörigen des Toten, unzumutbar.“ Außerdem fehlten die Kollegen im Streifendienst.

Christian Scheh
Kommentar: Sinnvolle Idee

Wenn Revierpolizisten zu einem toten Menschen gerufen werden, geraten sie immer auch in eine Ausnahmesituation. Häufig sind Angehörige dort, die unter Schock stehen oder von Trauer überwältigt sind.

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Grund für die Probleme seit dem 1. April sind organisatorische Veränderungen im Leichenschau-System: Bis Ende 2015 kümmerte sich der Frankfurter Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KAV) Hessen noch rund um die Uhr um die Leichenschau. „Wir konnten dort anrufen, und die Ärzte kamen auch schnell“, spricht Peglow für seine Kollegen von der Schutz- und Kriminalpolizei. Nach einer Reform des KAV-Bereitschaftsdiensts im vergangenen Jahr stehen die Bereitschaftsmediziner seit dem 1. Januar jedoch nur noch am Wochenende und an Feiertagen rund um die Uhr zur Verfügung. Ansonsten beschränkt sich der Bereitschaftsdienst auf die Zeiten zwischen 19 und 7 Uhr (Montag, Dienstag, Donnerstag) oder 14 und 7 Uhr (Mittwoch, Freitag).

Teuere Rechtsmediziner

Mit der Leichenschau außerhalb dieser Zeiten betraute das originär zuständige Gesundheitsamt ab dem 1. Januar zur eigenen Entlastung übergangsweise das Frankfurter Institut für Rechtsmedizin. Weil der Einsatz der Spezialisten zu teuer war, wurden diese aber schon nach dem ersten Quartal zurückgepfiffen. Seit gut einem Monat befindet sich das Leichenschau-System in Frankfurt nach Peglows Worten auf „Steinzeit-Niveau“. Polizisten, die einen Arzt für die Leichenschau benötigen, fehle jetzt eine vermittelnde Stelle. „Die Kollegen müssen nun selbst bei Allgemeinmedizinern anrufen und fragen, ob diese kommen können.“ Meist heiße es dann, dass das Wartezimmer voll sei oder wichtige Behandlungen anstünden. „Und wenn sich dann doch ein Arzt erbarmt, erscheint er oft erst nach längerer Wartezeit.“

Die KAV teilt auf Nachfrage mit, dass Polizisten die Möglichkeit hätten, über die Leitstelle der Berufsfeuerwehr das Frankfurter Gesundheitsamt zu kontaktieren, falls sich kein niedergelassener Arzt für die Leichenschau finde. Die Behörde sei „verpflichtet, gegebenenfalls eine Leichenschau durchzuführen“. Verantwortlich sei jeweils der Mediziner mit Rufdienst. Peglow sagt dazu, dass von dieser Möglichkeit häufig nicht Gebrauch gemacht werde, weil sie den Fortgang der Dinge auch nicht beschleunige. Peglow betont: „Wir brauchen gut ausgebildete Mediziner, die schnell und zuverlässig zur Verfügung stehen, wenn eine Leichenschau durchzuführen ist.“

„Nicht ideal“

René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, räumt auf Nachfrage ein, dass das aktuelle Leichenschau-System „nicht ideal“ ist. „Die niedergelassenen Ärzte kommen ihrer Pflicht zur Leichenschau nicht hinreichend nach“, findet er. Gottschalk begrüßt, dass der KAV-Bereitschaftsdienst die Aufgabe zumindest außerhalb der regulären Praxiszeiten übernimmt. Über eine Lösung für die übrigen Stunden werde schon nachgedacht.

Für denkbar hält der Amtsleiter etwa die Schaffung eines kleinen Ärzteteams, das ans Gesundheitsamt angedockt ist und die Leichenschau regulär übernimmt. Ob es dazu kommt, sei aber derzeit noch offen. Vorerst werden die Frankfurter Polizisten wohl noch herumtelefonieren und lange auf einen Mediziner warten müssen.

(chc)
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