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Interview mit Dieter Wesp: Land überprüft Denkmalschutz

Als aktives Mitglied im Leistikow-Kollektiv versucht Dieter Wesp die Erinnerung an den ehemaligen Stadtgrafiker Hans Leistikow, der das „Neue Frankfurt“ unter Siedlungsdezernent Ernst May entscheidend prägte, aufrecht zu erhalten. Die Hartnäckigkeit der Gruppe und die Berichterstattung dieser Zeitung haben bewirkt, dass das verfallene und seit 1993 leerstehende Wohnhaus des Künstlers in Sachsenhausen vom Landesamt für Denkmalpflege derzeit auf Schutzwürdigkeit geprüft wird. FNP-Mitarbeiterin Sandra Kathe hat mit Wesp über Leistikow und das Gebäude gesprochen.
Dieter Wesp im Garten der Villa, die seit 1993 leer steht. Wesp will die Erinnerung an Hans Leistikow aufrecht erhalten. Foto: Heike Lyding Dieter Wesp im Garten der Villa, die seit 1993 leer steht. Wesp will die Erinnerung an Hans Leistikow aufrecht erhalten.

Herr Wesp, seit etwa einem Jahr sind Sie aktives Mitglied des Leistikow-Kollektivs. Was steckt hinter dieser Gruppe?

DIETER WESP: Das Leistikow-Kollektiv ist eine private Initiative, die sich seit dem vergangenen Jahr intensiv mit den Menschen beschäftigt, die sich zwischen 1925 und 1930 neben dem damaligen Siedlungsdezernenten Ernst May um das „Neue Frankfurt“ verdient gemacht haben. Dabei sind wir auch auf die Arbeit des Grafikers Hans Leistikow gestoßen und haben seinen völlig verwitterten Grabstein ausfindig gemacht, der eigentlich schon seit Jahren abgeräumt werden sollte. Wir übernahmen nach Absprache mit Leistikows Pflegetochter die Patenschaft und die Grabpflege und haben ihm damit ein kleines Denkmal geschaffen.

Was macht Hans Leistikow und seine Zeit in Ihren Augen so besonders?

WESP: Für Frankfurt war die Zeit unter Ernst May eine prägende Phase. Und damit meine ich nicht nur, was architektonisch passiert ist. Das Kulturleben war extrem spannend, das Institut für Sozialforschung wurde gegründet, und am Konservatorium gab es Jazzkurse, die zu den ersten weltweit gehören. Es war eine Zeit des kulturellen und gestalterischen Umdenkens. Hans Leistikow und seine Schwester Grete waren unter anderem mit der Zeitschrift „Neues Frankfurt“ für diese Jahre wegweisend.

Können Sie einige Beispiele für seine Arbeiten nennen?

WESP: Leistikow entwarf als damaliger Stadtgrafiker unter May mehr oder weniger alles, was die Stadt benötigte: von den Siedlungstapeten über Lotterielose bis hin zu diversen Plakaten und dem damaligen Freischwimmerpass. Auch das vieldiskutierte Stadtwappen im Stil der „Neuen Sachlichkeit“, das unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann bis zur Machtergreifung der Nazis benutzt wurde, ist von ihm.

Und nach dem Krieg?

WESP: Leistikow kam 1947 nach Frankfurt zurück und arbeitete seither intensiv mit den Architekten Alois Giefer und Hermann Mäckler zusammen. Wenn diese beiden mit dem Wiederauf- oder Neubau eines Hauses betraut waren, kann man sich fast sicher sein, dass irgendwo Details eingebaut sind, die Leistikows Handschrift tragen. Die wohl berühmtesten Beispiele dafür sind bis heute die Domfenster. Für seinen Schwager, den Architekten Werner Hebebrand, gestaltete Leistikow außerdem die Verglasung der Westend-Synagoge.

In dieser Zeit entstand auch der Plan, ein gemeinsames Ensemble von Wohnhäusern auf dem Sachsenhäuser Berg zu erbauen.

WESP: Ja und der wurde auch umgesetzt. Anfang der 1950er-Jahre erwarben Giefer, Mäckler und Leistikow gemeinsam ein Grundstück im Wilhelm-Beer-Weg, auf dem drei Wohnvillen und ein gemeinsamer Landschaftsgarten entstanden. Die Häuser planten Giefer und Mäckler selbst, Leistikow steuerte gestalterische Details bei und der Gartenentwurf stammt von Hermann Mattern, der sich etwa mit der Bundesgartenschau 1955 in Kassel einen Namen machte.

Das Haus steht seit dem Tod von Leistikows Frau Erica im Jahr 1993 leer. Was ist seither damit passiert?

WESP: Das ist das Traurige: Die Leistikows hatten keine eigenen Kinder, so dass das Haus nach dem Tod der Ehefrau, die ihren Mann um 31 Jahre überlebt hatte, an den Sohn Grete Leistikows vererbt wurde. Der lebte in den USA und verkaufte das Haus nach einiger Zeit an einen Frankfurter Arzt, der die Immobilie seither weder bewohnt noch saniert. Die Villen von Giefer und Mäckler wurden vor Jahren unter Denkmalschutz gestellt, das Leistikow-Haus wurde bei dieser Entscheidung bislang außen vor gelassen.

Können Sie beschreiben, was Sie vorgefunden haben, als Sie schließlich auf das Haus stießen?

WESP: Als wir zum ersten Mal in den Wilhelm-Beer-Weg 117 kamen, fanden wir eine Art Dornröschenschloss. Das Gebäude war hinter etlichen Büschen kaum auszumachen, auch in den Innenraum scheint Efeu gewachsen zu sein. Durch die schmutzigen Fenster kann man noch die typische Nachkriegsküche erkennen. Alles in allem ein spannender Anblick, der uns aufgrund des maroden Zustands aber auch schockiert hat.

Derzeit prüft das Landesamt für Denkmalpflege auf Anregung des städtischen Denkmalamts die Schutzwürdigkeit. Glauben Sie, das hat Chancen?

WESP: Das hoffen wir zumindest sehr. Wir freuen uns in jedem Fall, dass das städtische Denkmalamt sich beim Land für die Schutzwürdigkeit einsetzt. Auch die Tatsache, dass bei unseren Recherchen herauskam, dass Mattern – der zu den prägendsten Landschaftsarchitekten seiner Zeit gehört – für die Gartenplanung zuständig war, spricht für eine Entscheidung für den Denkmalschutz. Die derzeitigen Besitzer der Wohnhäuser von Giefer und Mäckler, die ich als sehr entgegenkommend und geschichtsinteressiert empfinde, hätten sicherlich auch Interesse daran, dass der ursprünglich geplante Zustand des Gartens wieder hergestellt wird, wenn ein Ensembleschutz bei der Überprüfung heraus käme und sich endlich jemand dem Leistikow-Haus annimmt.

Wie könnte eine Zukunft des Leistikow-Hauses dann aussehen?

WESP: Ich weiß zum Beispiel, dass die Ernst-May-Gesellschaft derzeit immense Platzprobleme hat und gerne ihre Büroräume auslagern würde. Womöglich wäre da eine Nutzung denkbar, wenn sich das Projekt finanzieren und eine Einigung finden ließe. So eng wie Leistikow und May über Jahrzehnte zusammengearbeitet haben, wäre das Haus ein idealer Ort dafür.

 

Wer sich mit dem Wirken des Grafikers Hans Leistikow näher befassen will, hat ab Herbst im Ernst-May-Haus die Möglichkeit dazu. Im September eröffnet eine von Dieter Wesp kuratierte Ausstellung in den Räumen der Ernst-May-Gesellschaft.

 

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