E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 16°C

Flüchtlinge als Chance: "Langfristig ist das ein Glücksfall"

Von Je mehr Flüchtlinge nach Deutschland strömen, umso größer werden die Ängste vieler Bürger. Der Demografieforscher Prof. Dr. Andreas Klocke hingegen spricht von einem "Glücksfall". Im Gespräch mit Redakteurin Stefanie Liedtke erklärt er, wieso.
„Der demografische Wandel hat schon seit jeher mehrere Dimensionen. Wir werden älter. Wir werden weniger. Und wir werden tatsächlich bunter im Sinne einer heterogeneren Sozialstruktur“: Prof. Andreas Klocke sieht in den Flüchtlingen, die zu uns kommen, einen Glücksfall. Bilder > Foto: Salome Roessler „Der demografische Wandel hat schon seit jeher mehrere Dimensionen. Wir werden älter. Wir werden weniger. Und wir werden tatsächlich bunter im Sinne einer heterogeneren Sozialstruktur“: Prof. Andreas Klocke sieht in den Flüchtlingen, die zu uns kommen, einen Glücksfall.

Vier von fünf Flüchtlingen, die aktuell in Deutschland Schutz suchen, sind jünger als 35 Jahre. Haben sich damit die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre zum Demografischen Wandel erübrigt?

PROF. DR. ANDREAS KLOCKE (lacht): Nein, natürlich nicht!

Aber es heißt doch immer, unsere Gesellschaft überaltere. Und jetzt kommen so viele junge Menschen dazu. . .

KLOCKE: Wir diskutieren über 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen. Wenn man diese Zahl proportional zur Gesamtbevölkerung sieht, macht das nur 1 bis 2 Prozent aus.

1,5 Millionen sind 1,5 Millionen. . .

KLOCKE: Das mag viel klingen, ist es aber nicht: Diese Zahl gleicht gerade mal die Fehlannahme aus, derer wir bis zur Volkszählung, dem Zensus, 2011 unterlegen waren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir davon ausgegangen, dass in unserem Land 82 Millionen Menschen leben. Plötzlich haben wir festgestellt: Es sind nur 80,24 Millionen. Und diese Abweichungen beziehen sich insbesondere auf Ausländer; 1,1 Millionen weniger als bis dahin angenommen lebten 2011 in Deutschland. Mit den Flüchtlingen, die jetzt zu uns kommen, sind wir also fast auf dem Stand, von dem wir 2011 dachten, dass wir ihn schon erreicht hätten. Es ist wichtig, die Zahlen, über die wir die ganze Zeit sprechen, ins richtige Licht zu rücken. Wir stehen aktuell zwar vor einer wirklich riesigen Aufgabe, aber eigentlich ist es eine geringe Zahl. Und: Der Flüchtlingsansturm, den wir aktuell beobachten, bringt aus der demografischen Perspektive langfristig Vorteile.

Nämlich?

KLOCKE: Seit den 70er Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen, als geboren werden. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, müsste jede Frau im Schnitt 2,1 Kinder bekommen. Tatsächlich sind es 1,4 Kinder pro Frau. Deshalb werden wir jedes Jahr weniger. Schon im Jahr 2030 – und das ist gar nicht so lange hin, das sind nur 15 Jahre – werden uns etwa 7 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter fehlen. 2050 werden es bereits mehr als 10 Millionen sein. Leider haben wir es in den vergangenen Jahren versäumt, ein Einwanderungsgesetz auf den Weg zu bringen, mit dem wir gezielt Fachkräfte aus dem Ausland anwerben, denn die brauchen wir dringend.

Diese Lücke sollen nun die Flüchtlinge schließen?

KLOCKE: Es sind ganz überwiegend junge Menschen, die kommen. Wir haben zwar keine verlässlichen Zahlen, aber mehr als die Hälfte ist jünger als 25. Das ist fantastisch, weil sich diese jungen Menschen gut integrieren und ausbilden lassen – wenn wir nicht zu ungeduldig werden. Wenn wir in einem Zeitraum von etwa fünf Jahren denken, haben wir sehr gute Chancen, diese jungen Menschen in unseren Arbeitsmark zu integrieren. Da bietet sich uns eine ungeahnte Chance!

Glauben Sie, dass es uns gelingen wird, die Flüchtlinge entsprechend zu qualifizieren?

KLOCKE: Wir haben aktuell bereits hunderttausende Stellen, die nicht besetzt sind, viele davon im Handwerk. Wenn wir die jungen Menschen mit einem Sprachkurs so weit heranführen, dass sie hier eine Ausbildung absolvieren können, sehe ich da gute Chancen. Es braucht einfach etwas mehr Zeit.

Einer Ihrer Kollegen, Prof. Herwig Birg, geht davon aus, dass jährlich 3,5 Millionen Menschen nach Deutschland einwandern müssten, um die Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigen zu können. . .

KLOCKE: Wenn wir die Bevölkerungszahl auf dem aktuellen Niveau halten wollten, müssten wir tatsächlich in erheblichem Umfang auf Zuwanderung setzen. Aber dann muss man sich schon fragen, wie viel können wir verkraften. Ich glaube auch nicht, dass wir die Bevölkerungszahl exakt halten müssen. Aktuell brauchen wir vor allem Menschen, die dem Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen, weil die Generation der Babyboomer sich in 10, 15 Jahren in den Ruhestand verabschieden wird. Das ist die größte Herausforderung, die aktuell mit dem demografischen Wandel einhergeht. Deshalb ist es richtig, die Flüchtlingsdiskussion auch aus Arbeitsmarktgesichtspunkten zu sehen.

Also müssten wir eigentlich sagen: Gott sei Dank, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen?

KLOCKE: Ja! Das ist – langfristig betrachtet – wirklich ein Glücksfall! Wenn es uns gelingt, diese Menschen zu integrieren, können wir nur davon profitieren.

Sie sprechen einen Knackpunkt an: Wenn es uns gelingt, sie zu integrieren. . .

KLOCKE: Ich bin fest davon überzeugt, dass uns das gelingen wird. Wer als Flüchtling solche Strapazen auf sich genommen hat, der will sich ein neues Leben aufbauen, der will sich integrieren. Ich glaube nicht, dass wir hier über einen nennenswerten dauerhaften Zuwachs in den Sozialsystemen sprechen müssen. Wir sollten das wirklich als Chance begreifen.

Was ist überhaupt so schlimm daran, wenn unsere Gesellschaft schrumpft?

KLOCKE: In der Vergangenheit sind wir, optimistisch gerechnet, von einem jährlichen Zuzug von 200 000 Menschen ausgegangen, die hier auch bleiben. Das hätte bedeutet, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik trotzdem auf 65 Millionen geschrumpft wäre. Unsere technische und soziale Infrastruktur ist aber auf eine Bevölkerung von 80 Millionen ausgelegt.

Wieso ist das problematisch?

KLOCKE: Weil eine deutlich kleinere Bevölkerungszahl die Kosten für diese Infrastruktur tragen muss. Natürlich kann man diese Infrastruktur in Teilen zurückbauen. Man kann zum Beispiel Schulen schließen, dort wo sie nicht mehr gebraucht werden, und das geschieht ja bereits. Aber wenn ein Dorf die Hälfte seiner Einwohner verliert, muss die verbliebene Hälfte die Kosten für die Müllabfuhr tragen – und nicht nur die.

Die Erfahrung zeigt, dass Migranten schon in der zweiten Generation auch nicht mehr Kinder bekommen als wir Deutschen. Verschieben sich unsere demografischen Probleme damit nicht einfach nur um ein oder zwei Jahrzehnte nach hinten?

KLOCKE: Nein, denn mit der Zeit wird sich die Altersstruktur in unserer Gesellschaft ohnehin wieder normalisieren. Die jungen Menschen, die jetzt kommen, stabilisieren aber unsere aktuelle demografische Situation. Auch mit Blick auf unsere Rentenversicherung können wir uns die Zuwanderung nur wünschen.

Sie sehen den Flüchtlingsstrom als Glücksfall. Sind Sie enttäuscht, dass in der aktuellen politischen Diskussion eher Überforderung und die Angst vor Überfremdung eine Rolle spielen?

KLOCKE: Nein. Ich verstehe sehr gut, dass viele Kommunen momentan ächzen. Und ich habe Hochachtung vor der Leistung der Haupt- und Ehrenamtlichen. Es ist und bleibt eine große Aufgabe, Unterkünfte für all diese Menschen zu finden. Was die Angst vor Überfremdung betrifft – sie ist unbegründet. Wir reden über maximal zwei Prozent der Bevölkerung! Ich sehe da keine Gefahr. Im Gegenteil: Diese Menschen sind bereit gewesen, ihre Heimat hinter sich zu lassen, sie möchten einen neuen Anfang wagen. Ich glaube sogar, dass wir von diesem Aufbruch und von der Dynamik, die davon ausgeht, langfristig profitieren können. Wie das funktionieren kann, sehen wir in Großstädten wie Frankfurt, die von der Vielfalt ihrer Bevölkerung profitieren.

Großstädte – ein gutes Stichwort: Die meisten Flüchtlinge wollen in die Großstädte, dabei bräuchten wir Zuzug vor allem in den ländlichen Regionen. Gleichzeitig haben die Menschen dort die größten Vorbehalte gegenüber Fremden. Ist das nicht problematisch?

KLOCKE: Das ist in der Tat ein Problem. Dass die Flüchtlinge in die großen Städte wollen, hat damit zu tun, dass sie eigene Netzwerke anzapfen wollen. Dort leben in der Regel Landsleute, die ihnen helfen können. Das ist nachvollziehbar, würde für uns aber bedeuten, dass wir eine erheblich Zahl von Menschen in den Ballungsräumen unterbringen müssen. Das gibt der Wohnungsmarkt dort nicht her. Wir können diese Menschen aber auch nicht zwingen, sich beispielsweise in Nordhessen niederzulassen. Wenn das Asylverfahren abgeschlossen ist, genießen sie Niederlassungsfreiheit, das heißt, sie können leben, wo sie möchten. Da wird es noch viel Einfallsreichtum brauchen, um eine zufriedenstellende Lösung zu finden.

Sie sprechen die Netzwerke in den Großstädten an, auf die die Flüchtlinge zugreifen möchten. Bergen solche Netzwerke die Gefahr, dass neue Parallelgesellschaften entstehen?

KLOCKE: Das kommt auch auf die Verteilungssituation in der Stadt an. Wenn der Anteil der Migranten in einem Viertel besonders hoch ist, kann das problematisch werden. Das muss aber nicht sein. Oft gibt es in diesen Vierteln auch eine gute Hilfestruktur. Trotzdem sollten wir auf eine möglichst gute Mischung setzen, wobei sich das sicher nicht in allen Stadtteilen wird realisieren lassen.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte?

KLOCKE: Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es länger dauern wird, bis wir diese Menschen integriert haben. Und wir müssen denen die Angst nehmen, die sich vor Überfremdung fürchten. Auch dadurch, dass wir die Zahl der Menschen, die zu uns kommen, immer wieder einordnen, so dass der Eindruck gar nicht erst entsteht, wir würden überrollt, denn das ist nicht der Fall.

Bezogen auf die aktuelle Zahl mag das stimmen. Aber was ist, wenn der Flüchtlingsstrom auch in den nächsten Jahren nicht abreißt?

KLOCKE: Ich würde unterstellen, dass Menschen nicht gerne ihre Heimat verlassen. Wenn sich die politische Situation in Syrien stabilisiert, wird auch die Migrationsbewegung zurückgehen. Andererseits wissen wir nicht, wie sich die Lage in anderen afrikanischen Staaten entwickeln wird. Hier müssen wir mit entwicklungspolitischen Maßnahmen dazu beitragen, dass die Menschen in ihren Heimatländern bleiben können. Und dann müssen wir ein Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen, um gezielt jene Fachkräfte nach Deutschland zu holen, die wir benötigen. Denn wir werden auch in Zukunft Zuwanderer brauchen.

Müssen wir den Begriff des demografischen Wandels neu definieren – weg von einem „Wir werden immer älter“ hin zu einem „Wir werden immer bunter“?

KLOCKE: Der demografische Wandel hat schon seit jeher mehrere Dimensionen. Wir werden älter. Wir werden weniger. Und wir werden tatsächlich bunter im Sinne einer heterogeneren Sozialstruktur. Dabei spielt die Migration eine Rolle, aber nicht nur. Die Lebensstile hierzulande differenzieren sich immer stärker aus. Das lässt sich vor allem in den Städten gut beobachten, mit etwas zeitlichem Abstand aber auch auf dem Land. Diese verschiedenen Gruppen kommen aber in der Regel gut mit einander aus. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass das auch so bleibt.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen