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Der Rote Faden, Folge 150: Lanna Idriss - Der Paradiesvogel

Von Lanna Idriss bewegt sich in farbenfrohen Kleidern durch die Welt der Banker und schafft es neben ihrem Job als Direktorin der BHF Bank, mit ihrem Unternehmen Gyalpa syrischen Flüchtlingen eine Überlebensperspektive zu bieten. Ihr widmen wir Folge 150 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Bedeutendes für Frankfurt leisten.
Lanna Idriss ist schwer eingebunden in ihre Arbeit für Gyalpa – und hofft auf noch mehr Päckchen packen in der Vorweihnachtszeit. Bilder > Foto: Salome Roessler Lanna Idriss ist schwer eingebunden in ihre Arbeit für Gyalpa – und hofft auf noch mehr Päckchen packen in der Vorweihnachtszeit.
Frankfurt. 

Das Lächeln flieht aus ihrem Gesicht, und nur ihre Selbstbeherrschung vermag es, Tränen zurückzuhalten, die sich im Blau ihrer Augen sekundenkurz andeuten. Es kostet sie Anstrengung, die Oberhand über ihre Gefühlswelt zu gewinnen. Die jedesmal aus den Fugen gerät, wenn sie nach einem Besuch im Flüchtlingslager im Libanon nach Hause zurückkehrt. In ihren Reichtum, wie Lanna Idriss sagt. Dann hat die 39-Jährige sehr viel Leid gesehen, das sich in Bildern im Kopf festsetzt. Und sich in ihren Augen spiegelt, wenn sie davon spricht.

In den letzten drei, vier Jahren war sie zwölf Mal im Libanon und in der Türkei. In die Heimat ihres Vaters ist sie nicht mehr geflogen. Er ist in der syrischen Stadt Homs geboren, die der Krieg nahezu dem Erdboden gleich gemacht hat.

Leid im Flüchtlingslager

„Ich kriege das Leiden dieser Menschen nicht mehr verarbeitet“, sagt Idriss. „Im Juli war ich zuletzt im Libanon. Das hat mich eine irre Überwindung gekostet. Denn man muss sich vorstellen: In den Flüchtlingslagern harren die Menschen seit drei, vier Jahren aus – alle wollen raus. Die Nahrungsmittelrationen wurden vom UN-Flüchtlingswerk pro Monat und Kopf von 40 auf 13 Dollar gekürzt. Die Finanzierung fehlt. Da wundern sich die Menschen hier, dass wir so viele Flüchtlinge haben.“

Sie ist in ihrer Erzählung bei den Fakten angelangt, die sie vor den Tränen schützen. Hier kann sie sachlich argumentieren. Und doch ist es ihr Blick, der zum Nullpunkt führt, an dem die Geschichte von Gyalpa beginnt. Dem Unternehmen, das es Flüchtlingen ermöglicht, eigenes Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Lanna Idriss hat es gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitstreitern vor gut einem Jahr ins Leben gerufen. Zunächst als Verein, seit Mai als gewinnorientiertes Unternehmen. Gyalpa, ein Kunstwort, das in Anlehnung an Gyalpo ausgesucht wurde, den Herrschertitel des Königs von Bhutan. Warum? „In Bhutan wurde der Ausdruck ,Bruttonationalglück‘ erfunden. Und Gyalpa geht es um eine gerechtere Wirtschaft und mehr ,Glück‘ für den Einzelnen“, erklärt Idriss.

Im Hauptberuf ist sie Direktorin der BHF Bank und trägt für 130 Mitarbeiter im Bereich Operations die Verantwortung. Zudem wirkt sie in der Stiftung der Bank im Vorstand. Um zehn Prozent hat sie ihre Arbeitszeit reduziert und in zusätzliche Urlaubstage umwandeln lassen.

Es geht ihr nicht darum, Spenden zu sammeln, denn die sind nicht beständig. Gyalpa soll nachhaltig Gewinn erwirtschaften. Ziel ist es, den Menschen in den Krisengebieten die Möglichkeit zu eröffnen, durch eigene Arbeit am Leben zu bleiben. Die syrischen Frauen haben aufgrund der unsicheren Lage keine Möglichkeiten mehr, ihre handgefertigten Taschen oder Schals auf Märkten feilzubieten. Deswegen vertreibt Gyalpa die Produkte für sie. Und nicht nur das: Jüngstes Projekt ist eine Werkstatt für Flüchtlinge in Berlin, die schon bald die Arbeit aufnehmen wird. In der Hauptstadt verkauft Gyalpa die Produkte in einem kleinen Laden. Doch der Großteil der Ware wandert über die virtuelle Ladentheke der Internetshops www.gyalpa.com und der „tageszeitung“ in Berlin.

Produziert wird an verschiedenen Standorten in Syrien und im Libanon. So webt ein Betrieb feinste Hamamtücher auf zwei Webstühlen, die einen Bombenangriff auf die Stadt Hama unbeschadet überstanden haben. In Damaskus hat sich die Initiative „Sama Handmade“ zum Ziel gesetzt, traditionelle Handarbeiten aufrechtzuerhalten, aber den Produkten einen modernen Anstrich zu geben: 80 Frauen nähen, sticken, klöppeln für das Label. Weniger Glitzer verkauft sich in Deutschland besser, so müssen alle Produkte etwas schnörkelloser und mit weniger Goldfäden auskommen. Auch die der Kooperative „Matar“ in einer kleinen Stadt im Westen Syriens. Hier fertigen die fleißigen Hände von 65 Frauen Taschen, Schals und Portemonnaies. Rund 85 Prozent des Verkaufspreises erhalten die Frauen direkt. Nur Fracht und Zoll werden abgezogen.

Gehen Bestellungen ein, packt diese Frau, die eine Extraportion Energie in die Wiege gelegt bekommen hat, am Abend Päckchen. Sie führt zu einem Regal mit vielen Stoffkörben darin, zieht einen nach dem anderen heraus. Taschen, Hamamtücher, Etuis, Turnbeutel – jeder Korb enthält ein anderes Produkt in verschiedenen Ausführungen. Das Regal steht als Raumteiler in ihrem geräumigen Wohnzimmer. In Reichweite zum großen Esstisch, an dem nicht nur gegessen, sondern eben auch verpackt wird. Großzügig wirkt die Bockenheimer Dachwohnung mit Penthousecharakter und Terrassen, die, so steht zu vermuten, viel zu selten zum Ausruhen genutzt werden.

Hell, freundlich, offen wirkt die Idriss-Wohnung. So, wie ihre Bewohnerin. Das blonde Haar, die helle Haut und ihre blauen Augen hat sie ihrer Mutter zu verdanken. Der syrische Vater gab ihr das Gefühl für die arabische Welt mit. „Mein Vater war das, was man heute einen Ex-Patriat nennt. Er war Volkswirt und hat für arabische Firmen im Ausland gearbeitet“, erzählt sie. Idriss erzählt von früher, als sie noch ein Mädchen war. Sie ist zwar in Hamburg geboren, verbringt aber die Vorschulzeit im Sudan in einer englischen Schule. Mit den Nachbarskindern spricht sie damals einen arabischen Dialekt. Deutsch lernt sie erst, als die Familie nach Bremerhaven zieht.

Ihren Vornamen Lanna wählen die Eltern für ihren Tochter sehr bewusst aus: Übersetzt bedeutet er „für uns“. Dieser Liebesbeweis macht das kleine Mädchen stark. Sie ist etwas ganz Besonderes, jedenfalls für ihre Eltern. Das reicht.

Mit ihren Eltern hatte sie viele Länder des Nahen Ostens bereist und sich mit der Geschichte auseinandergesetzt – dank der Mutter, die die Baedeker-Reiseführer nahezu auswendig lernte: „Sie kannte sich mit der Geschichte Syriens besser aus als die ganze syrische Verwandtschaft“, sagt die Tochter. So besuchte Lanna zwei Mal die Wüstenstadt Palmyra, ein Unesco-Weltkulturerbe. Der Islamische Staat hat die historische Stätte in diesem Jahr weitgehend zerstört und den früheren Chef-Archäologen enthauptet. „Wir reden zu viel über zerstörte Gebäude, schlimmer sind die vielen Toten“, sagt Idriss.

Im Studentenjob arbeitet sie für die Deutsche Bank und schnuppert dort zum ersten Mal ernsthaft in die Welt der Zahlen hinein. Das liegt ihr. Mit dem Studienabschluss in der Tasche bleibt sie und arbeitet in der Wertpapierabwicklung. Als einige Großprojekte anstehen, fügen sich ihre verschiedenen Fähigkeiten passgenau zusammen: juristisches Know how und die Methodik aus den Geisteswissenschaften, sich schnell ein komplexes Thema erschließen zu können. Mit Ende 20 trägt sie bereits Verantwortung für 80 Mitarbeiter und erhält den Auftrag, ihre Abteilung zu sanieren. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. „Ich musste Seminare zur ,Trennungskultur‘ machen, so nennt man das, wenn man Leute entlassen muss. Ich hatte schlaflose Nächte, habe sehr gelitten, kam damit überhaupt nicht klar.“

Suche und Selbstfindung

In dieser Phase wankt ihr Selbstbewusstsein. Zu sehr versucht sie noch zu beweisen, dass sie nicht „typisch Frau“ ist, dass sie genauso emotionsfrei agieren kann, wie man es von ihr erwartet. Bis sie kapituliert. Das ist der Moment, in dem die Nadelstreifenkostüme in der Mülltonne landen. In dem sie entscheidet, sie ist, wie sie ist, und sie verbiegt sich auch nicht im Job. Für nichts und niemanden. „Ich habe mich gefragt: Was mag ich? Und ich mag gerne hübsche Kleider, ich trage gerne Pumps, und ich will mich nicht uniformieren. Ich bin der Mensch, der ich bin. Entweder es klappt so oder gar nicht. Man darf anders sein, wenn man authentisch ist und es durchhält.“

Ihren Mann hat sie zu dem Zeitpunkt schon einige Jahre an ihrer Seite. Der gemeinsame Kinderwunsch steht, und schließlich kommen ihre Kinder wie gerufen: Das Ehepaar adoptiert ein Geschwisterpaar aus Haiti. Die Kinder sind damals 5 Jahre alt.

Die Entscheidung, lieber zu adoptieren als leibliche Kinder zu bekommen, trifft Lanna Idriss politisch und sozial motiviert schon mit 19 Jahren. Doch was sich so leicht sagt, ist eine große Geschichte: die Familienwerdung von vier Menschen. Zwei Jahre nimmt sich Lanna Idriss Elternzeit. Und wäre sie nicht Lanna Idriss, hätte sie diese Phase nicht auch genutzt, um sich weiterzubilden: Sie macht ihren Executive Master of Business Administration und beginnt als Unternehmensberaterin zu arbeiten. Ein Kunde ist die BHF Bank. „Das war wie Liebe auf den ersten Blick. Als 2009 das Angebot kam, einen Direktorenposten für den Bereich Operations anzunehmen, habe ich nicht lange gezögert.“ Anfangs fühlte sie sich dort noch wie ein Paradiesvogel in der Männerwelt – heute liegt die BHF Bank mit ihrer Frauenquote in Führungspositionen über dem Durchschnitt. 2012 schafft sie es sogar, als Vorstand in die Stiftung der BHF Bank berufen zu werden.

Beruflich lässt die BHF Bank ihr Herz höher schlagen, doch privat driften die Vorstellungen über die Lebensziele zwischen ihr und ihrem Mann auseinander. Das Paar trennt sich. Lanna Idriss zieht mit ihrem Wechsel zur BHF Bank samt Kindern von Wiesbaden nach Frankfurt. Das ist nun fast sechs Jahre her. Wie gelingt es ihr als alleinerziehende Mutter, die Arbeit in der Bank und für Gyalpa unter einen Hut zu bringen? „Wenn man sehr konsequent Zeitfresser aus seinem Leben rausschmeißt, schafft man sich enorme Freiräume“, erklärt sie: Fernsehen zum Beispiel oder Partys, auf die man eigentlich keine Lust hat.

Dennoch muss sie sich eingestehen: „Die Arbeit für Gyalpa ist ein Kraftakt. Ich darf mir selbst nicht erlauben, deprimiert zu sein, weil die Dinge nicht schnell genug vorangehen und der Krieg in Syrien noch immer andauert. Ich muss aufpassen, dass ich nicht aus Frust weniger mache.“

Doch so, wie ihre Selbstbeherrschung Tränen zurückhält, sorgt ihre Lebenslust für den steten Energiefluss, der sie nicht ruhen lässt. Wortkräftig unterstützt von dem Oscar-Wilde-Zitat, das sie sich an die Wohnzimmerwand geschrieben hat: „Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen . . .“

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Der Societäts-Verlag hat eine Porträtreihe aus der Frankfurter Neuen Presse aufgenommen: „Der rote Faden“ vereint 40 Frankfurter, die Großes geleistet haben.

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