Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 8°C
Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Laura J. Padgett vor zwei Fotografien, die sie zum Diptychon angeordnet hat. Im linken Bild, entstanden auf Zypern, macht der Lichteinfall aus gerahmten Bildern ein Spiegelkabinett, im rechten entpuppt sich das Meer hinter dem griechischen Haus als Wald. Foto: Salome Roessler Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Laura J. Padgett vor zwei Fotografien, die sie zum Diptychon angeordnet hat. Im linken Bild, entstanden auf Zypern, macht der Lichteinfall aus gerahmten Bildern ein Spiegelkabinett, im rechten entpuppt sich das Meer hinter dem griechischen Haus als Wald.

Die Zeit im „Big Apple“ nennt sie „aufregend“, die 70er Jahre „großartig“. Sie schätzt die Werke der großen jüdischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt, liebt die europäische Filmkunst etwa von Werner Herzog, Jean-Marie Straub, Danielle Huillet oder Peter Kubelka, der von 1978 bis 2000 als Professor an der Städelschule in Frankfurt lehrte. „Darum dachte ich, es wäre interessant, das Leben in Deutschland mal auszuprobieren“. Sie ist 21 Jahre alt und kann kein Wort Deutsch, als sie in Frankfurt am Main aus dem Flieger steigt. Sie jobbt für die US-Army, bietet Kunst-Kurse an, stellt sich bei Professor Kubelka an der Städelschule vor. Er nimmt sie als Studentin an. „Es war eine sehr anstrengende Zeit“, sagt sie. „Ich dachte, ich wäre sehr erwachsen, aber ich war doch ein bisschen jung.“ Sie fühlt sich zwiegespalten, bildet die US-Armee doch eine Art Ghetto. „Und wenn man an der Ostküste nahe Boston aufwächst, ist die Armee nicht so präsent. War sie zumindest damals nicht.“ In Frankfurt lernt sie eine Seite von Amerika kennen, die sie in Amerika nicht kennengelernt hatte.

Ihr Aufbaustudium an der Städelschule absolviert sie von 1983 bis 1985. Anfangs lebt sie in einer winzigen möblierten Wohnung im Westend, zieht dann in eine Wohngemeinschaft und 1984 in eine kleine Wohnung in Sachsenhausen nahe am Lokalbahnhof. Dem Stadtteil ist sie bis heute treu – seit 1994 lebt sie mit ihrem Mann, mit dem sie seit 27 Jahren zusammen und seit drei Jahren verheiratet ist, direkt am Schweizer Platz. Die Hochzeit feierten sie „ganz dezent, nur zu zweit“. Er arbeitet als Journalist bei einer Nachrichtenagentur.

Jetzt im Buchhandel: Der rote Faden. Frankfurter im Porträt. Societäts-Verlag 2016. 208 Seiten, Bildband. 19,80 Euro. ISBN: 978-3-95542-147-2 Bild-Zoom
Jetzt im Buchhandel: Der rote Faden. Frankfurter im Porträt. Societäts-Verlag 2016. 208 Seiten, Bildband. 19,80 Euro. ISBN: 978-3-95542-147-2
Nach der Städelschule arbeitet Laura J. Padgett künstlerisch, stellt aus und produziert einen Film über Hildegard von Bingen. Der 40-minütige Streifen entpuppt sich als langwieriges Projekt, kommt erst 1990 heraus. Warum das Thema? „Ich wollte Teile ihres Lebens finden, die man noch nicht kannte. Und mir geht es oft darum, wie man etwas wird.“ Sie knüpft viele Kontakte, lernt schnell Deutsch. „Mir war es immer wichtig, mich präzise ausdrücken zu können. Eine Sprache lernen ist eine Sache – in der Sprache leben eine andere.“ Sie berührt gedankenverloren ihre goldene Halskette im Strahlenkranzdesign. Sie gehörte ihrer Mutter, die 1984 mit nur 54 Jahren an Krebs starb. Der Vater ist seit sechs Jahren tot. Ihre vier Jahre ältere Schwester lebt bei Boston, ist Psychologin und hat vier Kinder. Laura J. Padgett, kinderlos, genießt es, Tante zu sein.

Wie findet sie, die sich viel mit Architektur beschäftigt hat, Frankfurts Skyline? „Da halte ich mich zurück. Sie wissen ja, dass ich in New York gelebt habe“. Die neue Altstadt beurteilt sie auch nicht; man darf das – typisch amerikanisch – als höfliche Kritik verstehen. Dabei prägt Architektur ihre Arbeit, „weil es mich immer interessiert hat, was wir so machen als Mensch. Und Architektur gestaltet nun mal die Welt.“ Ihr starkes Interesse am Thema wuchs, als sie an der Bauhaus-Universität in Weimar unterrichtete, wo sie fünf Jahre lang eine Assistenzstelle innehatte, sie lehrte Architekturfotografie. „Es war kurz nach der Wende. Eine großartige Zeit. Die Studenten hatten viel Energie, ich bin mit vielen noch heute befreundet. Als ich in Weimar anfing, gab es kaum Telefone und kaum Straßenbeleuchtung. Das im Zusammenhang mit dem Bauhaus-Erbe prägte mit, wie ich durch Räume gehe und schaue. Und erweiterte mein Wissen über Architektur.“

Täuschungen sind wichtig

Ein Bild einer bröckelnden Hausfassade voller grafischer Ornamente in ihrem Atelier fällt auf. Ein Stückchen Meer im Hintergrund entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Wald. „Ich mag solche Täuschungen“, sagt sie vergnügt. Das Haus steht in Griechenland. Auf dem dicht daneben gehängten Foto eines Bilder(rahmen)geschäftes, entstanden auf Zypern, lässt der Lichteinfall Bilder zu Spiegeln werden. Räume, Gebäude, Orte, Plätze – sie werden von ihr nicht inszeniert oder dokumentiert, vielmehr scheint sich die gebaute Materie in ihren Bildern in Stimmungen und Atmosphäre aufzulösen. „Es geht mir um Überlagerung, Dichte.“

<span></span>
Der rote Faden Das rote Band der Sympathie

Der Societäts-Verlag hat eine Porträtreihe aus der Frankfurter Neuen Presse aufgenommen: „Der rote Faden“ vereint 40 Frankfurter, die Großes geleistet haben.

clearing

Ein anderes Werk, solo gehängt, zeigt eine verlassene Unterführung irgendwo im Libanon, die grafischen Mosaikmuster wirken wie von Bauhaus entworfen. Sie bereiste das Land ab 2011 dreimal in drei Jahren. Anlass war ein Stipendium des Instituts für Auslandsbeziehungen (IfA) und eine Gastdozentur an der Libanesisch-Amerikanischen Universität. Sie nimmt das Land langsam wahr, reagiert auf Umgebungen, fotografiert. „Ich hab’s gern, dass man zurückgeworfen wird auf sich selber, dass man eine gespiegelte Person im Bild sieht, Verschachtelungen von Räumen. Das ist eine Art von Konstruktion.“ Ihre Bilder zu ergründen, erfordert Zeit. Und Aufmerksamkeit. „Ich fotografiere oft Dinge, die es nicht ewig geben kann. Spuren“, erklärt sie. Und so entpuppt sich die Aufnahme einer maroden Zimmerwand als Behausung eines jungen Mannes in einem abbruchreifen Haus: „Ich wollte das bisschen Würde in seinem Leben aufzeigen.“ Sie bietet keine bloßen Abbilder, sondern Erzählungen. Etwa von einem Busbahnhof. „Sehen sie den roten Lichtschein? Der stammt von den Rücklichtern der Busse, die gerade Richtung Syrien losfahren werden“, erklärt sie. „Ich verweile oft lange, bis ich ein Bild machen kann, das funktioniert.“ Manche glauben, dass sie Bilder nachträglich bearbeitet. Das entrüstet sie: „Das, was ich sehe, ist das endgültige Bild. Deswegen brauche ich so lange beim Schauen und Aussuchen.“ Sie seufzt: „Ich bin ziemlich langsam.“

Ein andere Fotografie zeigt einen Staudamm im Winter, das Bild daneben die Nahaufnahme eines mit Blumenstoff bezogenen Fauteuils mit Holzrahmen, Glasvase und Tischlampe. Rätselhaft. Dabei zeigt das Diptychon Nahes und Fernes, vereint Linien und Farbigkeit. „Ich sehe oft abstrakt. Was ist groß, was klein?“, sagt sie. „Ich möchte, das meine Bilder im Kopf des Betrachters weiter bestehen. Wir bringen so viele eigene Informationen mit, wenn wir etwas anschauen. Ich versuche, nicht zu diktieren.“ Und sie gibt nichts auf den ersten Blick preis.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was ist ein Motiv ?

1 2 3
Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse