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Konzertmarathon „One Day in Life“: Libeskind überrascht sich selbst

24 Stunden, 75 Konzerte an 18 Orten, mehr als 14 000 verkaufte Karten – das war „One Day in Life“. Eine weltweit einzigartige Konzertserie, die Musikfans an ungewöhnliche Schauplätze führte.
Zwei Stars im Bild, aber nur einer steht im Fokus der versammelten Fotografen: Daniel Libeskind hört dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard bei der Probe zu. Dessen Flügel steht im Ring des Boxcamp Gallus, in dem sonst Jugendliche die Fäuste fliegen lassen. Bilder > Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Zwei Stars im Bild, aber nur einer steht im Fokus der versammelten Fotografen: Daniel Libeskind hört dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard bei der Probe zu. Dessen Flügel steht im Ring des Boxcamp Gallus, in dem sonst Jugendliche die Fäuste fliegen lassen.
Frankfurt. 

Immer wieder ging das am Sonntag so: Der letzte Ton verhallt, Applaus und Jubel branden auf – und lauter beglückte Menschen strömen hinaus in die Sonne. Am Morgen war dies im VGF-Depot im Gutleut zu beobachten, am Samstag im Hospital zum heiligen Geist, im Boxcamp im Gallus, vor der Alten Oper . . . In der ausgedienten Großküche im Keller des Römers endeten die Konzerte gar mit großem Gelächter. Daniel Libeskind, Stararchitekt und Erfinder des Musik-Marathons „One Day in Life“ (Ein Tag im Leben) hat den Frankfurtern einen wirklich guten Tag beschert. Sich selbst und seiner Familie übrigens auch: „Ich bin sehr glücklich. Nicht einmal ich hätte mir vorstellen können, wie das hier tatsächlich sein würde. Das wahre Erleben ist viel besser als alles, was ich selbst erwartet hatte“, schwärmt der kleingewachsene große Mann über das Zusammenspiel von Musikern, Publikum und den 18 Räumen, die er für die insgesamt 75 Konzerte ausgewählt hatte.

Dass sich für Libeskinds Idee viele Orte geöffnet hatten, an denen klassische Musik sonst keine Rolle spielt – das Boxcamp, die Römerküche, das Rebstockbad, die Feuerwache, der Opernturm, fahrende Straßenbahnen, das VGF-Depot – krönte für viele Besucher den 24-Stunden-Konzertmarathon. Und es zeigte, dass Frankfurt einmalige Spielorte hat. „Die Akustik hier ist so gut, als wäre das Gebäude für Konzerte gebaut“, staunte der Dirigent Hugh Wolff nach seinem ersten von zwei Auftritten mit dem HR-Sinfonie-Orchester im VGF-Betriebshof im Gutleut. In der übergroßen Halle gaben die Musiker zusammen mit der Gächinger Kantorei Mozarts „Requiem d-Moll“ (KV 626). Eine großartige Kulisse und eine Begegnung zwischen Kunst und Stadt: In den großen Klangkörper mischten sich Taubengurren und das Geratter der Züge vom nahen Hauptbahnhof.

„Es ist eine fantastische Idee, die Musik und die Orte, sie passen einmalig gut zusammen“, schwärmte nicht nur das Ehepaar Barbara und Wolfgang Schäfer aus Kronberg, das insgesamt sechs Konzerte besuchte. „Und dann kann man auch noch Solisten erleben wie Pierre-Laurent Aimard“, so Schäfer. Der französische Star-Pianist spielte Beethovens „Klaviersonate op. 110“ im Boxring – und war am Ende seiner zwei Auftritte dort ebenso erschöpft wie die jungen Männer, die dort sonst aufeinander losgehen.

Bilderstrecke "One Day in Life": Großes Musikprojekt in Frankfurt
Ein Ort des "One day in Life"-Projekts des Architekten Daniel Libeskind fand am Wochenende im VGF-Betriebshofs Gutleut statt. Wir zeigen hiervon Bilder sowie von weiteren Stationen.

Musiker auf dem OP-Tisch

„Es ist fantastisch“, schwärmte Michael Marianek. Der Amerikaner verehrt das Werk des Daniel Libeskind und war extra aus Chicago angereist. Genau wie sein Idol hatte er sich zehn Konzerte auf die Agenda gesetzt. Das Maximum dessen, was in den 24 Stunden möglich ist. „Als ich das Programm gesehen habe, weckten schon die Fotos von den Veranstaltungsorten starke Bilder in meinem Kopf. Und dann kommst Du in dieses Hospital, wirst königlich empfangen und da sitzt dieser Raga-Spieler . . .“

Marianek war wie Libeskind bereits am Samstag im Hospital zum heiligen Geist. Dort diente der Operationssaal als Konzertsaal. Ärzte und Pflegepersonal kontrollierten die Eintrittskarten, wiesen den Weg. Zu hören gab es eine Blasensteinoperation – vertont von Marin Marais. Dazu indische Ragas. „So etwas gab es wohl noch nie zuvor auf der Welt“, sagte Libeskind. Mit dem Spielort habe er die heilende Wirkung von Musik thematisieren wollen. „Ich bin glücklich, dass diese Idee verwirklicht werden konnte“, dankte der Architekt. Dr. Gerd Neidhart, Chefarzt und ärztlicher Direktor des Hospitals, hatte die Musiker eingeladen. Nun war er einfach selig – und aufgeregt: „Normalerweise sind meine Patienten vor einer Operation aufgeregt und ich ruhig. Heute ist es andersherum. Die Menschen, die unser Konzert besuchen, sind entspannt. Und ich aufgeregt“, sagte der Mediziner, der selbst Klavier spielt. „Mir war es wichtig, dass, wenn wir mitmachen, das Konzert mittendrin stattfindet.“

Musikalische Experimente

Mittenhinein durfte das Publikum auch im Trainingscenter der Feuerwehr in Eckenheim. Zwischen Holzhochhäusern und Ladennachbauten, in denen sonst für den Katastrophenfall geprobt wird, standen Bierbänke und Sitzwürfel, alle besetzt. Violine und Laute setzten ein. Doch von wo? Im dritten Stock des Hochhauses standen Aglaya Gonzales und Kohei Yoga am geöffneten Fenster und ließen die Besucher einen von Franz Biber vertonten Rosenkranz hören. Leise. Dann wurde es laut. Beethovens Fünfte auf Klavier. Und dann wurde es schräg. „Der Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ erschallte vom Tonband. Komponiert von Karlheinz Stockhausen, dem musikalischen Revolutionär. Elektronische Musik verschmolz mit einer Knabenstimme, es gab Interpretationsspielraum. „Ich musste ganz oft an Hape Kerkelings ,Hurz’ denken. Das hätte da so gut reingepasst“, sagte Iris Andreas lachend. Fast alle nahmen’s mit Humor, oder genossen. Lediglich vier von 250 Besuchern ergriffen die Flucht.

Dazu hätten die 120 Besucher in der Römerküche nur der stickigen Luft wegen Anlass. Telemanns „Tafelmusik“ ist so gefällig, dass die Menschen, die lauschend durch die stillgelegte Kantinenküche liefen, sogar kleine Tanzschritte einlegten. Richtig Freude kam beim zweiten Teil dieses Konzerts auf, das insgesamt zehn Mal gegeben wurde: 100 Metronome tickten gemeinsam das „Poeme symphonique“ von György Ligeti, an dessen Ende nur noch einige wenige Taktgeber zu hören sind. Immer größer wurde die Spannung, welcher wohl am längsten durchhält. Stille, dann Applaus und Gelächter. Und wieder lauter beglückte Menschen.

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