E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 19°C

Lutherkirche: Nur der Turm blieb übrig

An diesem Wochenende feiert die evangelische Luthergemeinde den 125. Geburtstag ihrer Kirche und blickt zurück auf einen langen Zeitraum, in dem sie sich und ihr Gotteshaus immer wieder neu erfinden musste.
Der Innenraum der 1983 eröffneten Lutherkirche war reich verziert und damals sehr pompös. Bilder > Der Innenraum der 1983 eröffneten Lutherkirche war reich verziert und damals sehr pompös.
Nordend. 

Das Quartier rund um den Martin-Luther-Platz hatte Glück, wurde im Krieg relativ wenig zerstört. „Viele Gründerzeithäuser stehen noch, auch den typischen Grundriss der Straßen kann man noch gut erkennen“, sagt Stadtführer und Bauhistoriker Björn Wissenbach. Inmitten dieser Häuserlandschaft steht von der historischen Lutherkirche jedoch nur noch der Turm, flankiert von modernen Funktionsgebäuden mit den Mustern abstrakter Glasmalereien in den Schaufenstern.

„Eigentlich eine Werbemaßnahme, um für den Besuch unserer offenen, 1954 neu errichteten Kirche mit den Meistermann-Fenstern zu werben“, erklärt Christian Schwarz, ehrenamtlicher Helfer in der Luthergemeinde. Hier wird morgen in einem Festgottesdienst mit Jubiläumskonfirmation um 10.30 Uhr die 1893 erbaute ursprünglich neugotische Lutherkirche gefeiert. An den Gottesdienst schließt sich bis 15.45 Uhr ein Empfang mit Gesprächen und Erinnerungen an, um 16 Uhr ist Abendmahlfeier.

Anders als die umliegenden Gründerzeithäuser wurde die Lutherkirche im Krieg an einigen Stellen so unglücklich getroffen, dass ein Neubau her musste. Ein Neubeginn, der nur den Turm ohne Dachspitze übrig ließ und dem im Jahr 2002 der Umbau zum Gemeindezentrum folgen sollte. Eine weitere Umstellung und Geduldsprobe für die Gläubigen, die ihre Gottesdienste in der Nachkriegszeit sogar in einer Baracke feiern mussten.

Dichte Bebauung

Dabei muss schon der Start in den 1890er Jahren eine gewisse Herausforderung gewesen sein. Damals war es Pfarrer August Cordes, der den nötigen Schwung und Mut bewies: Er machte sich einen Namen, als er die Luthergemeinde auf dem Gebiet der Bornheimer Heide aufbaute, die erst nach und nach von Gewerbetreibenden, Handwerkern, Beamten und Pensionären in gutbürgerlichen, schmucken Mehrfamilienhäusern besiedelt wurde. „Doch das Evangelisch-Lutherische Predigerministerium reagierte nur zögerlich auf die immer dichtere Bebauung“, stellt Wissenbach fest.

Erst 1889 wurde die methodistische Zionskirche (heute Christuskirche) für diesen Teil Bornheims eingeweiht, der erst seit der Hessischen Gebietsreform 1972 zum Nordend gehört. Anders als bei dieser aufgrund preußischer Verordnungen eher unscheinbaren Backsteinkirche am Merianplatz setzte man einige Meter weiter nordöstlich auf einen weithin sichtbaren Kirchenbau aus gelbem Sandstein. Den Namen „Lutherkirche“ statt „Martin-Luther-Kirche“ soll die Leistung des Reformators herausstellen, nicht die Person.

Zunächst musste die historistische, von Ludwig Neher und Aage von Kaufmann errichtete, Kirche bei ihrer Einweihung 1893 noch auf eine Orgel verzichten, die ebenso wie die Turmuhr von der Bankiersfamilie Bethmann gestiftet wurde. Ein Markenzeichen war der sogenannte Paradiesbogen über dem neugotischen Chor mit Sprüchen aus den Seligpreisungen Jesu, auch wenn er bei einer späteren Renovierung dem etwas schlichteren Zeitgeschmack angepasst wurde. 1896 wurde das Gemeindehaus im Musikantenweg bezogen, ein gemeindeeigener Kindergarten wurde von Diakonissen betreut.

Gottesdienst in Baracke

Nach der schweren Kriegszerstörung kam die Gemeinde zunächst in einer Baracke mit ausgebautem Kirchsaal unter, bevor Pfarrer Arthur Zickmann 1954 den Grundstein für den Kirchenneubau von Ernst Görcke legte. Der Kirchturm musste zunächst mit einem Notdach auskommen, bevor er seine heutige Form erhielt, die jedoch auf die ursprüngliche Kirchturmspitze verzichtet. Das heutige Kirchenschiff ist eine Wandpfeilerhalle mit einer Dachkonstruktion aus Eisenbindern.

Während sich über dem Altar ein Kruzifix von Knud Knudsen in Form eines wehklagenden Schmerzensmannes aus Bronze erhebt, wurden der Torso des vorherigen Altarkruzifixes und weitere Reste der ursprünglichen Kirche in eine Nebenkapelle integriert. Die Motive der Seligpreisungen aus dem Paradiesbogen griff schließlich der Maler, Zeichner und Städeldozent Georg Meistermann auf und übersetzte sie in Himmelsströme, Tropfen und Fische in den Kirchenfenstern, die nun als Stoffbahnen für das Konzept einer täglich geöffneten Kirche mit einem 80 Stimmen starken Chor und zahlreichen Aktivitäten und Initiativen wie der „Hilfe im Nordend“ im angebauten Gemeindezentrum wirbt.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen