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Kraftwerksrundgang in Fechenheim: Mainova stellt sich kritischen Fragen: Bahnschwellen stinken Bürgern

Von Steht der Wind ungünstig, riecht es im Wohngebiet unmittelbar neben dem Cassella-Gelände in Fechenheim nach Lösungsmittel und Teer. Die Ursache sind alte Bahnschwellen, die als Brennstoff im Biomasse-Kraftwerk der Mainova dienen. Bei einer Führung versuchte die Kraftwerksleitung nun, Bedenken der Anwohner zu zerstreuen.
Vom Balkon hinter dem Biomasse-Kraftwerk aus schaut Armin Burger-Adler im Dunkeln auf das kleinere der beiden Bahnschwellenlager. Bilder > Foto: Leonhard Hamerski Vom Balkon hinter dem Biomasse-Kraftwerk aus schaut Armin Burger-Adler im Dunkeln auf das kleinere der beiden Bahnschwellenlager.
Fechenheim. 

Eine Stunde lang hat Dennis Smith, Geschäftsführer des Biomasse-Kraftwerks der Mainova auf dem Cassella-Gelände, seine Anlage erklärt. Und er hat kritische Fragen des Vereins „Zukunft Fechenheim“ beantwortet, zur Anlage selbst, aber vor allem zu den alten Bahnschwellen, die als Brennstoff dienen, und ihrer Lagerung. Nun gibt es eine kurze Führung. Nach zehn Minuten steht die kleine Besuchergruppe um den Vereinsvorsitzenden Armin Burger-Adler mit Smith im Dunkeln auf einem kleinen Balkon am Hinterausgang des Kraftwerks. Von hier fällt der Blick auf einen von zwei Lagerplätzen, auf denen sich die Bahnschwellen bis zu sieben Meter hoch auftürmen.

Nachbarn stinkt es

Nicht das Kraftwerk, sondern diese Bahnschwellen stinken den Nachbarn im wahrsten Sinne des Wortes. Oft darauf angesprochen, hat sich der Verein „Zukunft Fechenheim“ zum Sprachrohr der Anwohner gemacht und nachgebohrt: Was macht die Mainova da eigentlich? Ist das genehmigt? Oder gefährden die stinkenden Stoffe, die aus den Schwellen ausdünsten, die Gesundheit der Fechenheimer?

Hier auf dem Balkon, zehn Meter von dem Schwellenberg entfernt, sind die Ausdünstungen gut zu riechen. Und wie ist das in den angrenzenden Wohngebieten? Die Besucher nicken: Ja, jeder von ihnen kennt den Geruch. „Sie müssen einfach mal die Jakobsbrunnenstraße entlang gehen. Dort riechen Sie das deutlich“, sagt eine Dame. „Oder über die Cassellabrücke“, sagt Werner Scholz, der frühere Vorsitzende von „Zukunft Fechenheim“.

Es riecht nach Teer und Lösungsmitteln. Der Stoff heißt Carbonileum, darin enthalten sind sogenannte Benzopyren, erklärt Smith. „Das ist ein Destillat aus Steinkohlenteer, mit dem Holz haltbar gemacht wird.“ Der Stoff sei krebserregend, erklärt Burger-Adler und verweist auf das Bayerische Landesamt für Umwelt. Dessen „Infoblätter Kreislaufwirtschaft“ vom August 2015 erklären, die Schwellen dürften nur „für ihren ursprünglichen Herstellungszweck im Gleiskörper wiederverwendet werden“. Die Weitergabe an Privatleute ist verboten. Schwellen aus Buchenholz wurden mit 15 Kilogramm Benzopyren getränkt, solche aus Eichenholz mit sechs Kilogramm. Fünf Kilo seien in der Regel bereits verdunstet. Jede Buchenholz-Schwelle enthalte also immer noch zehn Kilo Benzopyren, das „krebserzeugend und erbgutverändernd“ sei.

Besser als jedes Messgerät

Vor allem bei heißem Sommerwetter stinke es, sagt Scholz. Anwohner erzählten von „öligem Schmier“ auf den Fenstern und Reizungen der Atemwege. Von den Geruchsbelästigungen erfuhr die Mainova erst durch die Anwohner, sagt Smith. Er verweist darauf, dass Lagerung und Verbrennen der Schwellen genehmigt seien. Trotzdem habe Mainova mit dem Regierungspräsidium (RP) Darmstadt überlegt, was man tun könne. „Ein Jahr lang haben wir an verschiedenen Stellen gemessen.“ Weil die austretende Menge Benzopyren so gering sei, dass Geräte es nicht messen, gab es eine „Geruchsrasterbegehung“. „Denn eine Nase ist feiner als jedes Messgerät.“ Ein Jahr lang „erschnüffelten“ Testpersonen, wann es wo rieche – und wirklich: Je nach Windrichtung war der Geruch auch außerhalb des Geländes festzustellen.

Aber reicht es aus, wenn Mainova wie angekündigt einfach ein Plane auf der Südseite des größeren der beiden Lager anbringt? Die Anwohner sind skeptisch, Smith hingegen ist davon überzeugt. Auch seien die Dämpfe ungefährlich, sagt er. „Wir haben Arbeitsplatzuntersuchungen für unsere Mitarbeiter gemacht: Sie sind nicht gefährdet.“ Gemeint sind die Arbeiter, die mit Spezialwerkzeug jene Eisenklammern entfernen, in denen einst die Schienen auf den Schwellen saßen.

Ganz überzeugt das die Besucher nicht. „Wer weiß, ob sich die Stoffe nicht im Körper anreichern. Das kann nur eine Langzeitstudie klären“, sagt Burger-Adler. Und Werner Scholz sagt: „Wenn Mainova nun eine Plane anbringt, war ja wohl vorher doch nicht alles in Ordnung.“ Scholz will wissen, ob das Grundwasser gefährdet sei. Unter jedem der beiden Lager gebe es eine Wanne aus Beton, die durchsickerndes Wasser auffange, sagt Smith und zeigt sie am Schwellenlager. Das Wasser fließe in die Allessa-Kläranlage. Im übrigen sei Benzopyren nicht wasserlöslich: Regen könne es also nicht aus den Schwellen herauswaschen.

Dachbalken und alte Möbel

Und wenn das Verbrennen im Ofen mal nicht richtig funktioniert und gefährliche Dioxine oder Furane nicht verbrennen? Smith erklärt, dass der Brennstoff immer die gleiche Mischung habe. Ein Viertel seien Bahnschwellen, der Rest seien alte Möbel, alte Dachstühle und ähnliches. Die Temperatur sei gut zu steuern, liege immer bei 950 Grad Celsius, 850 Grad reichten aus. Per Computer werde ständig der Schadstoffausstoß gemessen – Manipulationen ausgeschlossen. „Sinkt die Temperatur bei einer Störung, springen Ölbrenner an, die das Feuer auf 950 Grad halten.“ Wo man die Daten bekomme, fragen einige Besucher. Die Originaldaten gar nicht, aber Mainova veröffentliche auf der Internetseite einen Jahresbericht.

Am Ende der Führung geht es zum „Bunker“. Neben den Bergen an Bahnschwellen – rund 8000 Tonnen seien es zurzeit, schätzt Smith – ist das Lager im Innern des Kraftwerks klein: Während der Schwellenvorrat zwei Monate reicht, lagert hier Brennstoff für höchstens sieben Tage. Zwei große, Computer gesteuerte Greifer fördern ständig Brennstoff in den Ofen.

Zurück bleibt der Eindruck: Der Betrieb der Anlage ist wohlgeordnet. Zufrieden sehen die Besucher aus dem Stadtteil aber nicht aus. Ein wenig beruhigt sei er, sagt Burger-Adler. „Aber ich muss das Erlebte erst mal sacken lassen.“ Fest steht nur: Der Verein wird nun die Anwohner informieren. Und er wird weiter kritisch nachfragen, was auf dem Cassella-Areal passiert – nicht nur im Biomasse-Kraftwerk.

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