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„Haus der Stille“ auf dem Campus Westend: Marina Medina ergründet die Stille

Von Im Januar werden die neuen Stadtteilhistoriker von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in ihr ehrenamtliches Amt aufgenommen. Eine von ihnen ist die Religionswissenschaftlerin Marina Medina, die sich mit dem „Haus der Stille“ auf dem Campus Westend befasst.
Marina Medina hat das »Haus der Stille« auf dem Campus Westend in den Mittelpunkt ihrer Arbeit als Stadtteilhistorikerin gestellt.	Foto: Rüffer Marina Medina hat das »Haus der Stille« auf dem Campus Westend in den Mittelpunkt ihrer Arbeit als Stadtteilhistorikerin gestellt. Foto: Rüffer
Frankfurt. 

Wie ein überdimensional großes, holzvertäfeltes Ei kommt das „Haus der Stille“ direkt neben den evangelischen Studentenwohnheimen auf dem Uni-Campus Westend daher. Es ist ein Ort, der Geborgenheit vermitteln soll, ein Rückzugsort für jedermann, egal ob oder welcher Konfession er zugehörig ist, um sich zu sammeln, zu beten oder zu meditieren. Und das kommt gut an bei den Studenten. Immer wieder geht die Glastür auf, junge Männer mit Gebetsteppichen unter dem Arm betreten den schlichten Raum und suchen sich einen Platz für ihr Mittagsgebet. Andere sind einfach nur vertieft in ein dickes Buch und genießen die Stille.

Begeistert von dem im Oktober 2010 eröffneten „Haus der Stille“ ist auch Marina Medina. „Dieser Ort ist etwas ganz Besonderes“, sagt sie. „Es wurde an alle Religionen gedacht. Durch die Empore können sogar muslimische Frauen und Männer getrennt voneinander beten.“ Es gibt eingebaute Schränke, in denen Gebetsteppiche und Yogamatten verstaut sind. Im Keller befindet sich ein Waschraum. „Es ist ein Raum, der selbst, ganz von sich aus, Ruhe ausstrahlt, so dass man in ein Gebet versinken kann, ohne sich von jeglichem Schmuck ablenken zu lassen“, so Medina. Symbole aller Art sucht man in dem weiß gehaltenen Raum mit seinen abgerundeten Ecken vergebens. Ein Kompromiss sind lediglich zwölf goldene, quadratische Tafeln an der Wand. Selbst von außen betrachtet gibt es kein Indiz, dass es sich bei dem Bau um ein sakrales Gebäude handelt. „Man vermisst den Schmuck aber auch nicht“, sagt Marina Medina.

Um noch mehr über die interreligiöse Begegnungsstätte zu erfahren, hat sich die 48-Jährige als Stadtteilhistorikerin bei der Stiftung Polytechnische Gesellschaft beworben und wurde gemeinsam mit anderen Geschichtsinteressierten ausgewählt. In den nächsten 18 Monaten kann sich Medina nun noch intensiver mit dem „Haus der Stille“ auseinandersetzen.

Info: Stadtteilhistoriker erforschen Geschichte Frankfurts

Mit dem Projekt „Stadtteilhistoriker“ leistet die Stiftung Polytechnische Gesellschaft durch die Unterstützung geschichtsinteressierter Bürger einen Beitrag zur Erforschung der Frankfurter Stadtgeschichte.

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Das „Haus der Stille“ ist das erste seiner Art in Frankfurt. Zwar gibt es am Flughafen eine kleine Kapelle, die gemeinsam von Protestanten und Katholiken genutzt wird. Auch in der Heilig-Kreuz-Kirche in Bornheim gibt es einen Meditationsraum, doch der ist konfessionsgebunden. „Ich möchte herausfinden, ob der schlichte Bau des Gebäudes eine Tendenz oder nur ein Trend ist, und ob es denkbar ist, dass es in Frankfurt noch mehr solcher Räume geben könnte“, sagt Medina, die studierte Religionswissenschaftlerin und Kunsthistorikerin ist.

Sprich: Medina möchte herausfinden, ob der interreligiöse Dialog und die Offenheit zwischen Gläubigen verschiedener Religionen dauerhaft bestehen kann. Eines hat sie schon festgestellt: Zwar wird das „Haus der Stille“ von Christen und Muslimen genutzt, aber nicht von Juden. „Da bin ich gespannt, warum das so ist.“ Am Ende ihrer Zeit als Stadtteilhistorikerin will sie ein Buch geschrieben haben.

Doch nicht nur das Thema von Marina Medina ist interessant. Auch die anderen Stadtteilhistoriker, die am Samstag, 17. Januar, beim Tag der Geschichte offiziell in das Programm aufgenommen werden, werden sich wieder mit interessanten Themen auseinandersetzen. So wird die Geschichte des Sinkkastens, jetziges Zoom, ebenso unter die Lupe genommen wie die Villa Kenedy und die Orte der 68er in Bockenheim und im Westend.

„Ich bin sehr glücklich über die Möglichkeit, die mir als Stadtteilhistorikerin geboten wird“, sagt die Mutter von drei Kindern. Sie steht noch am Anfang ihrer Arbeit, hat sich zunächst in die Entwicklung sakraler Bauten eingearbeitet. „Da wird viel Arbeit auf mich zukommen. Es wird schwierig werden, dieses breitgefächerte Thema kompakt darzustellen. Ich muss versuchen, einen roten Faden zu finden“, sagt Medina, die selbst Katholikin ist.

Viel Erfahrung, wie man ein Buch schreibt, hat die gebürtige Argentinierin, die seit dem Jahr 2000 in Frankfurt lebt, noch nicht. Eigentlich organisiert sie Kunstausstellungen, versucht argentinische Künstler nach Deutschland zu holen und deutsche Künstler nach Argentinien zu vermitteln. „Es ist aber aufgrund der politischen Situation dort sehr kompliziert. Deshalb bin ich froh, dass ich jetzt erst einmal mit dem Buch beschäftigt bin“, berichtet Marina Medina.

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