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Interview: Matthias Maas: Airlines sind schuld an Flugverspätungen, nicht die Fluglotsen

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde viel über verspätete Starts und Landungen sowie Flugausfälle diskutiert. Als Gründe dafür werden immer wieder das Wetter und Fluglotsenstreiks angeführt. Gegen diese Vorwürfe wehrt sich jetzt des Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Fluglotsen, Matthias Maas.
Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS). Foto: Oliver Berg/Archiv Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS).

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde viel über verspätete Starts und Landungen sowie Flugausfälle diskutiert. Als Gründe dafür werden immer wieder das Wetter und Fluglotsenstreiks angeführt. Gegen diese Vorwürfe wehrt sich jetzt des Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Fluglotsen, Matthias Maas. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit dem 52-Jährigen über Personalmangel, Lobbypolitik und Managementfehler gesprochen.

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Fluglotsen, Matthias Maas, nimmt seine Kollegen in Schutz. Nicht die Fluglotsen, sondern die Airlines selbst sind seiner Ansicht nach die Verursacher von Flugzeugverspätungen. Bild-Zoom Foto: Michael Faust
Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Fluglotsen, Matthias Maas, nimmt seine Kollegen in Schutz. Nicht die Fluglotsen, sondern die Airlines selbst sind seiner Ansicht nach die Verursacher von Flugzeugverspätungen.

Herr Maas, dass die Fluglotsen Schuld an den zahlreichen Verspätungen haben, wollen Sie so nicht stehen lassen. Warum?

MATTHIAS MAAS: In Deutschland haben wir Fluglotsen seit 1954 nicht mehr gestreikt. Das wissen aber nur die wenigsten. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Fluglotse bin, heißt es immer: Das sind doch die, die immer streiken. Das ist aber nicht wahr. Wir hatten nur 2008 einmal kurz in Stuttgart die Arbeit niedergelegt für eineinhalb Stunden. Das war ein Unterstützungsstreik für die Vorfeldlotsen. Das war es.

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Und woher kommt die Annahme dann?

MAAS: Die französischen Fluglotsen streiken häufiger. Auch die Italiener und Spanier. Nächste Woche streiken dann die Lotsen in der Schweiz. Diese Ausstände haben natürlich auch Auswirkungen auf die Flüge nach Deutschland. Aber sie sind sicherlich nicht die Gründe für die ganzen Verspätungen. Und heftige Gewitter im Sommer sind kein neues Phänomen.

Und wer hat dann Schuld an den vielen Flugverspätungen und Annullierungen?

MAAS: Die Fluggesellschaften selbst. Es gibt eine Statistik von der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, „Eurocontrol“, die aufzeigt, dass die Flugsicherung im vergangenen Jahr für 0,9 Minuten Verspätung pro Flug, das Wetter für 0,6 Minuten Verspätung verantwortlich waren. Die Fluggesellschaften selbst hingegen haben 3,3 Minuten Verspätung pro Flug verursacht. Das zeigt: Die Airlines haben mit sich selbst zu kämpfen. Sie wollen aber von sich ablenken und schieben die Schuld lieber auf andere.

Warum?

MAAS: Wenn sie behaupten, dass das Wetter oder die Fluglotsen Schuld an den Verspätungen haben, haben die Passagiere kein Recht auf finanzielle Entschädigung. Aber wenn sie technische Probleme haben, ihre Umläufe nicht schaffen oder nicht genügend Flugzeuge oder Personal haben, müssten sie zahlen. Diese Gründe verschleiern sie deshalb lieber.

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Wann können sich Fluggäste wieder auf pünktliche Flieger freuen?

MAAS: Das ist schwierig. Die Situation wird sich jetzt im Sommer eher noch weiter verstärken. Und ich gebe Ihnen Brief und Siegel: Im nächsten Jahr wird es noch schlimmer werden.

Wie kommen Sie darauf?

MAAS: Das Personal bei der Deutschen Flugsicherung wird noch knapper und der Verkehr wird vermutlich steigen. Das war so prognostiziert, auch wenn jetzt alle überrascht tun. Wir sind es nicht. In Frankfurt am Flughafen haben wir in diesem Jahr ein kontinuierliches Wachstum von zehn Prozent. Und das wird im nächsten Jahr noch mal mehr. Aber bis dahin gibt es nicht mehr Personal. Weder bei den Airlines noch bei uns. Alleine die Ausbildung eines Fluglotsen dauert mindestens drei Jahre.

Aber woran liegt der Personalmangel? Hätte man nicht früher auf den wachsenden Luftverkehr reagieren können?

MAAS: Klar hätte man das tun können, hat man aber nicht. Viel wichtiger war es der Deutschen Flugsicherung, zu sparen. Und hier kommen wir dann auch schon zum Treiber der Misere.

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Der da wäre?

MAAS: Der Chef der irischen Fluggesellschaft Ryanair, Michael O’Leary. Aber auch Lufthansa-Boss Carsten Spohr hat uns in das Schlamassel getrieben. So verfeindet die Fluggesellschaften auch sein mögen, gemeinsam haben sie sich für die sogenannten Regulierungsperioden eingesetzt, die dafür gesorgt haben, dass die Flugsicherungsgebühren gesenkt wurden.

Mit der Folge?

MAAS: Der jetzige Status Quo. Die Flugsicherungen konnten auf den angeordneten Sparzwang der Europäischen Kommission nur mit Personaleinsparungen und dem Verschieben von wichtigen technischen Neuerungen reagieren. Und jetzt stellen sich die beiden Herren hin und schreien nach mehr Kapazitäten in der Luft. Man kann aber nicht billig und gleichzeitig pünktlich fliegen.

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Warum nicht?

MAAS: Wenn es zu wenig Lotsen gibt, dann können eben auch weniger Flugbewegungen stattfinden. Und dann kommen eben schnell Verspätungsminuten zusammen. Die Fluggesellschaften ernten jetzt nur, was sie jahrelang gesät haben.

Wie ist denn derzeit die Situation im Kontrollzentrum in Langen und im Tower am Frankfurter Flughafen?

MAAS: In Langen sagt man, sei die Personalsituation auf Kante genäht. Das wird sich aber auch noch verschärfen. Im Tower am Airport ist die Lage angespannt, jeder arbeitet am Limit. An jedem Standort fehlen Lotsen. Bis 2022 haben wir einen Bedarf von 500 neuen Mitarbeitern.

In den Händen der Fluglotsen liegt viel Verantwortung. Sie müssen immer konzentriert arbeiten. Wenn sie aber am Limit sind, ist dann die Sicherheit am Himmel noch gewährleistet?

MAAS: Ja, solange wir den Verkehr reduzieren. Mit der Sicherheit sollte man nicht spielen, sie steht immer an oberster Stelle. Alles andere wäre fahrlässig.

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