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Was im Kunstunterricht NICHT vorkam: NSFW: Die schlüpfrigen Geheimnisse des Städel

Ausgestochene Augen, aufgeschnittene Furunkel - und die Syphilis: Wir zeigen Ihnen eine Seite des Städel, die im Kunstunterricht ganz sicher nicht drankam. Not Safe For Work!
Frankfurt.  Das Städel ist eine Institution - das lernen schon die Schulkinder. Ganz besonders stolz sind die Frankfurter seit jeher auf ihre große Sammlung alter Meister.

Dabei gerät bisweilen in Vergessenheit, dass auch die alten Meister gelegentlich schmutzige Gedanken hatten. Dass sie Spaß hatten an zotigen Witzen, derben Geschmacklosigkeiten und blutrünstigen Effekten. Höchste Zeit also, die NSFW-Exponate des Städelschen Kunstinstitutes in Erinnerung zu rufen!


Der Po einer Hexe, gesehen bei Hans Baldung

 

Hans Holbein der Jüngere:

Bildnis des Simon George of Cornwall, ca. 1535 - 1540


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Hans Holbein der Jüngere (1497-1543) war ab 1536 Hofmaler Heinrichs VIII. in London. (Heinrich VIII., Sie wissen schon, war der König, der sich seiner verschiedenen Ehefrauen auf pfiffige Weise entledigte, mal durch Scheidung, mal durch Enthauptung). Im Laufe seines ersten Jahres als Hofmaler dürfte Holbein das "Bildnis des Simon George of Cornwall" gemalt haben.

Es handelt sich um ein "Brautwerbebild" - eine Art Tinder-Profil des 16. Jahrhunderts: Sir Simon ließ es verschiedenen heiratswilligen Frauen vorlegen. Abhängig davon, ob (und wie) sie reagierten, wurde ein Date vereinbart.

Das "Bildnis ..." enthält in chiffrierter Form verschiedene Informationen über Sir Simon. Zeitgenossen Holbeins wussten diese Zeichen zu entziffern: So verriet ihnen zum Beispiel die Feder am Hut Sir Simons, dass dieser schon im Ausland gewesen war. Ganz klein und versteckt enthält das Bild auch einen konkreten Hinweis auf Sir Simons sexuelle Erwartungen an eine Ehe.

Juicy: Mit einem Hohlspiegel betrachtet, erkennt man hier eine Frau, die sich mit einem Schwan vergnügt.

Die Brosche an seinem Hut ist perspektivisch verzerrt. War eine Betrachterin gebildet genug, dies zu erkennen, konnte sie die Verzerrung auflösen: Dafür musste sie lediglich einen Hohlspiegel vor das "Bildnis ..." halten. Im Spiegel konnte sie die Brosche in korrekten Proportionen sehen - und erkannte eine Frau, von hinten, die sich mit einem Schwan vergnügt.

Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf den antiken Mythos von Leda und dem Schwan. Sir Simons Brosche sagt also dreierlei: Erstens, er versteht etwas von Mathematik; zweitens, er kennt sich mit antiker Mythologie aus - beides Kenntnisse, die in der beginnenden Renaissance sehr geschätzt waren. Und, drittens: Er legt Wert darauf, in seinem Heiratsprofil auch Sex anzusprechen. Bloß, was genau wollte er mit dem Bild der Frau, die es mit einem Schwan treibt, andeuten? Darüber streiten sich die Fachleute bis heute.

Ob Sir Simon eine Braut gefunden hat, ist nicht bekannt.

 

Hans Baldung:

Zwei Hexen, 1536


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Hexen tauchen im Werk Hans Baldungs (1484-1545) immer wieder auf - ein gewagtes Sujet, denn die Hexenverfolgung war zu Baldungs Zeiten in vollem Gange. Baldungs Hexenbilder sind allerdings keine historischen Dokumente. Seine Hexen sind mythische Figuren, sie verkörpern eher Ideen als historische Situationen.

"Zwei Hexen" ist ein solches Bild. Die beiden titelgebenden Frauen befinden sich im Zentrum eines schwefelgelben, unheilvollen Wettergeschehens, auf das sie geheimnisvoll Einfluss zu haben scheinen (der Wind bläst in zwei verschiedene Richtungen!). Sie sind erotisch, aber nicht anziehend, selbstbewusst, aber nicht menschlich. Eine der beiden hält in ihrer Hand ein Gefäß, in dem ein kleiner, schwarzer Teufel sitzt - eine Chiffre für Quecksilber.


Baldung warnt vor den schönen, verführerischen Frauen - ob er aus Erfahrung spricht?

Mit dieser Chemikalie behandelte man im 16. Jahrhundert die Syphilis. Womit klar wäre, welche Botschaft Baldung seinem Bild geben wollte: Hütet Euch vor den mächtigen, schönen, selbstbewussten Frauen - denn sie bringen Geschlechtskrankheiten. Was, nebenbei bemerkt, die Frauenfeindlichkeit dieser Epoche offenbart; zum Verbreiten von Geschlechtskrankheiten gehören schließlich immer zwei.

Ob der Künstler mit seiner Warnung aus eigener Erfahrung sprach, ist übrigens unklar.

 

Pieter Aertsen:

Marktstück mit Christus und der Ehebrecherin, 1559


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Pieter Aertsen (1509-1575) hat immer wieder Alltagsszenen mit biblischen Motiven verwoben. So auch im "Martkstück ...". Im Hintergrund ist eine biblische Szene zu sehen: Aufgefordert, über die Ehebrecherin zu richten, wird Jesus sagen, dass derjenige, der ohne Schuld ist, den ersten Stein werfen möge. Im Vordergrund eine zeitgenössische Marktszene: Marktleute und Passanten mit verschiedenen Gefäßen, Obst und Gemüse.

Auf den ersten Blick haben die Szenen nichts miteinander zu tun. Sie gehören verschiedenen Wirklichkeiten an, sind unterschiedlich gemalt, und ohnehin gibt es keine inhaltliche Verbindung zwischen Vorder- und Hintergrund.


Feuchtgebiete anno 1559.

Auf den zweiten Blick eröffnet sich eine verblüffend explizite Bedeutungsebene: Jesus soll über eine Frau richten, die gegen die herrschende Sexualmoral verstoßen hat, und weist darauf hin, dass alle, die über diese Frau urteilen wollen, selbst schuldig sind. Das gilt nicht nur für Jesus', sondern auch für Aertsens Zeitgenossen: Wer genau hinschaut, der erkennt in der Marktdarstellung jede Menge sexuelle Anspielungen. Finger, die in den schmalen Öffnungen kleiner Schalen verschwinden; pralles, reifes Gemüse; lauter Penis- und Vagina-Allegorien und so weiter.

Keiner ist ohne Schuld, alle tun es, sagt Aertens.

Wir fühlen uns erwischt.

 

Adriaen Brouwer:

Die Operation am Fuß, ca. 1636


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Adriaen Brouwer (1605-1638) malte bevorzugt Kneipen- und Halbweltszenen, Schlägereien und Betrunkene. Was damit zu tun haben könnte, dass Brouwer selbst im Kneipenmilieu kein Fremder war.

Die "Operation am Fuß" ist ein typisches Brouwer-Bild. Sie zeigt eine Kneipenszene, wie sie heute nicht mehr denkbar ist: Mitten im Wirtsraum findet eine Operation statt. Ein gutgekleideter Mann hat seinen Fuß auf den Tisch gestellt, ein Bader stochert darin herum. Vielleicht will er einen Furunkel öffnen oder einen Abzess. Der Patient ist aschfahl und sieht aus, als werde er jeden Moment ohnmächtig.


So sieht Schadenfreude aus.

Die Pointe findet sich hinter beiden: Eine alte Frau verfolgt das Geschehen mit hämischem Vergnügen. Sie beobachtet die Züge des Patienten - nicht den Fuß! - und scheint sich an seinen Schmerzen zu laben.

Es ist, als wollte sie sagen: "Na, tut's schon weh?"

 

Rembrandt van Rjin:

Die Blendung Simsons, 1636


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Rembrandt van Rijn (1606-1669) hat sich immer wieder mit biblischen und mythologischen Motiven beschäftigt. "Die Blendung Simsons" ist eines seiner bekanntesten Gemälde.

Rembrandt zeigt die Überwältigung und Blendung Simsons, kurz nachdem Delila diesen an die Philister verraten und seinen Haarschopf - die Quelle seiner übermenschlichen Kraft - abgeschnitten hat. Rembrandt setzt starke Effekte ein: einen deutlichen Hell-Dunkel-Kontrast, zwei Diagonalen zum Zentrum (Simsons Gesicht) hin; und, natürlich, die drastische Darstellung der Klinge, die in Simsons Auge eindringt, wobei ordentlich Blut spritzt. Rembrandt liefert einen Splatter ab, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Blendung Simsons von Rembrandt.
Eyes Wide Cut.

Rembrandt - ein Effektheischer also? Nicht ganz. Ein entscheidendes Detail ironisiert die grausige Szene: Der Boden der Höhle besteht aus Brettern - Brettern, wie sie zu Rembrandts Zeit für Theaterbühnen verwendet wurden.

Es ist, als zeigte der Maler uns die blutrünstige Szene, nur um anschließend augenzwinkernd hinzuzufügen: keine Sorge - alles nur Show.

 

Luca Giordano:

Die Jugend von den Lastern versucht, 1664


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Luca Giordano (1634-1705) hat in seinem Leben mehr Bilder gemalt, als Helmut Schmidt Zigaretten geraucht hat, und das will was heißen. "Die Jugend ..." ist gleichzeitig erbaulich und mahnend: Ein androgyner Jüngling - die titelgebende Jugend - wird von verschiedenen personifizierten Lastern bedrängt, darunter die (erotische) Leidenschaft und die Trinksucht. Einzig Athene, die Weisheit, mit ihrem Schild verteidigt die Jugend. Womit die Giordanos Botschaft wohl klar wäre.


Hellboys Ur-Ur-Ur-Opa.

Links unten kauert ein deformierter Mann, der auf einem Knochen herumkaut: Syphilos, ein mythischer Hirte, der es mit seinen Tieren trieb, woraufhin er eine verzehrende Krankheit entwickelte - die Syphilis, die auch "die Knochenfressende" genannt wurde, weil sie in späteren Stadien die Knochen angreift.

Mitarbeit: Pascal Hess

Alle Fotos veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Städelschen Kunstinstitutes
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