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Gesundheit: Nach Schockdiagnose HIV: Junges Paar kämpft sich zurück ins Leben

André (35) ist seit drei Jahren HIV-positiv, sein Lebensgefährte Fabian (25) nicht. Gemeinsam wollen die beiden Diskriminierung und Vorurteile abbauen. Doch dazu mussten sie erst einmal ihre eigenen Vorurteile überwinden.
Fabian (25., l.) und André (35, r.) sind ein schwules Pärchen wie viele andere. Seit André jedoch weiß, dass er HIV-positiv ist, hat sich in ihrem Leben einiges verändert – gerade mit der Bestrebung, die Normalität zu wahren. Foto: Heike Lyding Fabian (25., l.) und André (35, r.) sind ein schwules Pärchen wie viele andere. Seit André jedoch weiß, dass er HIV-positiv ist, hat sich in ihrem Leben einiges verändert – gerade mit der Bestrebung, die Normalität zu wahren.
Frankfurt. 

Als André ihn mit einer Rose vom Flughafen abholt, ist für Fabian das Glück perfekt. Er kommt von einer Exkursion mit seiner Hochschule, die beiden umarmen sich lange, bevor sie sich auf den Nachhauseweg machen. Drei Jahre sind sie zu dieser Zeit ein Paar, kennengelernt haben sie sich im Kino. Es hat eine Weile gedauert, bevor sie sich füreinander entschieden, dafür sind sie sich nun sicher, den Richtigen gefunden zu haben.

André weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass dieser Abend alles verändern wird. Einige Tage zuvor hat ihn ein Bekannter angerufen, mit dem er ein paar Mal geschlafen hat. André und Fabian lassen sich diese Freiheit, weil es an ihrer Liebe zueinander nichts ändert. „Du musst dich testen lassen“, hat der Bekannte gesagt. „Ich bin HIV-positiv.“

Welt zusammengebrochen

Gleich am nächsten Tag hat André einen Schnelltest gemacht. „Sie haben das Virus ebenfalls im Blut“, hat der Arzt gesagt. Als André mit Fabian in seiner Wohnung angekommen ist, erzählt er ihm alles. „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“, sagt Fabian. „Ich habe mir ausgemalt, wie wir jetzt noch die letzten Jahre zusammen verbringen, bevor es vorbei ist.“ Beide weinen viel an diesem Abend.

Drei Jahre später sitzen sie zusammen am Main. „Natürlich benutzen die Leute bei den ersten Treffen ein Kondom, egal ob schwul oder hetero“, sagt André. „Aber dann schöpfen sie Vertrauen. Mein Bekannter sah gesund aus, wir hatten sogar darüber geredet, aber er wusste ja selbst nicht, dass er HIV-positiv ist.“ Rund 14 000 Menschen in Deutschland tragen das HI-Virus in sich und wissen es nicht, schätzt das Robert-Koch-Institut.

Fünf Fakten über HIV, die immer noch zu wenige kennen

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Kurz nach der Diagnose wird André ins Fachzentrum der Uniklinik überwiesen. Der Arzt rät ihm, so schnell wie möglich mit der Behandlung zu beginnen. André ist unsicher. „Ich dachte, wenn ich jeden Tag eine Tablette nehmen muss, werde ich jeden Tag wieder daran erinnert.“ Etwas Spielraum zum Überlegen hat er: Das HI-Virus beginnt erst nach und nach, den körpereigenen Schutzschirm abzubauen. Wenn das Immunsystem so schwach ist, dass es andere Krankheitserreger nicht mehr bekämpfen kann, wird HIV zu AIDS.

Währenddessen sitzt Fabian zu Hause und macht sich Gedanken. „Ich habe mich gefragt, ob ich aus dem gleichen Glas trinken kann, ob ich ihn ohne Bedenken küssen kann, alles habe ich hinterfragt. Dabei habe ich mich als aufgeklärt empfunden.“ Das Stigma, das HIV-Infizierte seit den 80er Jahren tragen, wirkt bis heute nach. „Ich hatte diese Bilder im Kopf, dabei war ich zu dieser Zeit noch nicht mal geboren.“

Tatsächlich ist HIV so schwer übertragbar, dass eine Ansteckung im Alltag nicht möglich ist: Es kann weder über Speichel noch über Schweiß weitergegeben werden. Doch erst eine Aufklärungsveranstaltung an der Uniklinik, zu der auch die nicht-infizierten Partner eingeladen sind, gibt Fabian Sicherheit. „Danach war es mir ein bisschen peinlich, dass ich mir so viele Gedanken gemacht habe.“ Das ist der Punkt, an dem die beiden zum ersten Mal merken: Obwohl jeder denkt, dass er über HIV Bescheid weiß, gibt es viel zu viele Vorurteile.

Je mehr André und Fabian über die Infektion lernen, desto mehr schweißt sie das zusammen. „Wir erzählen uns jetzt noch mehr als vorher, weil ich genau weiß, dass es nichts gibt, was ich ihm nicht sagen kann“, sagt André. „Und ich weiß, dass er mir alles sagt, wenn was passiert“, sagt Fabian, und legt ihm kurz die Hand auf den Unterarm.

Nach drei Wochen Nachdenken beginnt André mit der Therapie. Die Tablette, die er täglich nehmen muss, kann das Virus zwar nicht töten, aber sie verhindert, dass es die befallenen Immunzellen zerstört und sich vermehrt. Einige Wochen später hat er so wenige Viren im Blut, dass sie nicht mehr nachweisbar sind, eine Weitergabe ist seitdem ausgeschlossen. Er spürt keinerlei Nebenwirkungen.

Vorurteile bekämpfen

Er wolle HIV nicht verharmlosen, sagt André. „Aber man muss daran heute nicht mehr sterben. Meine Lebenserwartung ist genauso hoch wie die von Fabian.“ Das eigentliche Problem sei die gesellschaftliche Ächtung. „Mit jemand, der Krebs hat, gehen die Menschen anders um. Weil sie denken: Krebs bekommt man, HIV holt man sich“, sagt Fabian. „Aber wenn man ehrlich ist, gibt es doch immer Risikosituationen.“ Der Quickie betrunken nach der Party. Oder der heimliche Seitensprung des Partners. „Jeder hat ein gewisses Risiko, aber kaum einer macht regelmäßig einen Test.“ André und Fabian beschließen, den Kampf gegen Unwissen und Vorurteile aufzunehmen.

Sie fangen an, Spenden für eine Charity-Radtour in den USA zu sammeln, bei der André mitfahren will. Zunächst mit Aktionen auf Schwulenpartys, ohne zu sagen, dass André selbst betroffen ist. „Es dauert, bis man das nötige Selbstbewusstsein hat“, sagt Fabian. Doch gerade er weiß, dass es einen Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung gibt, das hat ihm die Veranstaltung an der Uniklinik gezeigt.

Nach einer Weile gehen die beiden einen Schritt weiter: Sie werden Mitglied bei der Initiative #nochvielvor, außerdem legen sie die Homepage www.andresride.de und ein gleichnamiges Profil auf Facebook an – und posten seitdem fast jeden Tag aus ihrem Leben. „Darüber erreichen wir eine ganz andere Zielgruppe als viele andere Angebote“, sagt Fabian. Im Idealfall sowohl HIV-Positive als auch HIV-Negative: Die einen können sich mit André identifizieren und sollen Hoffnung schöpfen. Die anderen sollen schneller als Fabian ihre Vorurteile abbauen – und gleichzeitig gar nicht erst Gefahr laufen, sich anzustecken.

„Gäbe es diese Kampagne nicht, würden wir es heute machen wie andere und einfach unser Leben leben“, sagt André, und guckt dabei etwas nachdenklich. Sich etwa darüber streiten, wer den Müll runterbringt. Und vor allem, wer abwäscht, denn das hassen beide. „Im Grunde hat die Sache alles verändert“, sagt Fabian, „und am Ende doch nichts“.

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