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Nachhilfe auf dem Weg nach oben

Kaum etwas ist so verführerisch wie der Anblick einer Frau auf High Heels. Die Beine scheinen ewig lang und der schaukelnde Gang bringt jeden Mann ins Schwitzen. Bis Anfängerinnen jedoch wirklich in der Lage sind, das Laufen so zu beherrschen, dass der Gang leicht und fließend wirkt, ist Übung erforderlich – etwa in einem Profi-Kurs.
Kaum etwas ist so verführerisch wie der Anblick einer Frau auf High Heels. Foto: dpa Kaum etwas ist so verführerisch wie der Anblick einer Frau auf High Heels. Foto: dpa
Frankfurt. 

Absätze bis zu Himmel und kein Hauch von Unsicherheit. Das ist das Ziel. Der Weg dorthin geht über Ksenia Kotina. Die gebürtige Russin mit Musical- und Tanzlehrer-Ausbildung lehrt das richtige Laufen auf Absatz-Schuhen. Zehn Frauen haben sich dieser Herausforderung gestellt – und ihn gelernt, den "Walk On Heelz".

Im Eck surrt der Ventilator, indirekte Beleuchtung taucht den fensterlosen Saal in abendliche Stimmung. Im Tanzraum in Bornheim laufen sie an diesem Nachmittag hin und her – zehn Frauen aller Altersklassen auf ihrem Weg aus der Absatzkrise. Binnen drei Stunden wollen sie das Laufen auf Absatz und Plateau lernen. Kotina, Inhaberin ersten High-Heels-Schule Deutschlands, legt selbst vor: Um die 14 Zentimeter Absatz haben die fliederfarbenen Schuhe mit Pfennigabsatz hinten und Doppel-Plateau vorne, in denen sie ihre Schülerinnen dynamischen Schrittes in Empfang nimmt.

Lächerliches Laufen

Auch diese haben sich hohe Ziele gesteckt: Ob raffinierte rote Lackschuhen, klassische schwarze, das Paar in zartem Elfenbein oder die Riemchensandalen: Kaum ein Absatz bleibt unter der Zehn-Zentimeter-Marke. 99 Euro haben die Damen gezahlt, um darin laufen zu lernen. Teilnehmerin Sandra bringt es auf den Punkt: "Es sieht nichts lächerlicher aus, als wenn man High-Heels trägt und darin nicht laufen kann."

Schritt für Schritt stöckeln sie nun diesem Problem davon: Angefangen vom Fuß bis hoch zum Kopf arbeiten sich Kotina und ihre Schülerinnen vor: guter Stand, locker in der Hüfte, gerader Rücken, entspanntes Gesicht. Das Schulternschwenken hingegen sollte Dame lieber lassen: "Nach Rotlicht-Milieu sieht es dann aus, wenn Schultern und Hüfte gemeinsam schwingen", erklärt Kotina und führt den lasziven Hüfte-Schulter-Lauf vor. "So lieber nicht."

Ob ungewollt anrüchig oder steif wie auf zwei Holzbeinen: Es sind Fallen wie diese, in die viele Frauen tappen – wer weiß das besser als die Lauftrainerin: "Ich schaue auf der Straße immer, wie die Frauen laufen. Ich kann gar nicht anders." Und oft, das verrät der Blick, schaut der Schrecken mit. Wie zur Entschuldigung schiebt sie ein "aber manchmal gibt es auch positive Beispiele" hinterher, um dann von der Realität gleich wieder übermannt zu werden: "Aber eher weniger."

Was schlecht für betroffene Damen und unansehnlich für den Beobachter, ist die Erfolgsgarantie der High-Heels-Trainerin. Seit dreieinhalb Jahren betreibe sie ihre Schule mit Sitz in Berlin, erzählt Kotina. Die Idee dazu sei ihr schon vor über zehn Jahren als Jugendliche gekommen, als sie selbst – in Haltung und Gang vorgeformt durch hartes Ballett-Training – viel besser auf Absatzschuhen laufen konnte als die Freundinnen. "Die haben mich damals darauf angesprochen und immer gefragt, wie das geht." Jahre später feilte sie an der Antwort, tüftelte eine Methodik aus, arbeitete mit Orthopäden und Physiotherapeuten zusammen – und lehrt nun professionell und als geschützte Marke den "Walk On Heelz". An diesem feilen nun die zehn Schülerinnen in Frankfurt unermüdlich. Es dauert eine Stunde und zehn Minuten und diverse Bahnen durch den Tanzraum, dann sitzt der sichere Gang. Es dauert weitere 20 Minuten und 20 Damenbeine schreiten in die Tiefe des Raumes.

Erhabener wirken

Bei einem eleganten Anblick wie diesem kaum vorstellbar, dass die Herkunft des Absatzschuhs überhaupt nichts mit Grandezza zu tun hat: Ägyptische Fleischer sollen der Überlieferung nach mit als Erste auf Schuhe mit Absatz gesetzt haben, um mit den Füßen nicht im Blut zu stehen. Erst im 16. Jahrhundert bekam der Absatz seine ästhetische Funktion: Trägerin wie Träger sollten erhabener wirken. Der natürliche Gang war dabei nicht gefragt: Gestelztheit war in. Zu Zeiten Ludwigs XIV. waren die Absätze gar so hoch, dass ihre Trägerinnen zur Fortbewegung einen Stock benötigten.

Hilfsmittel dieser Art verordnet Kotina ihren Laufschülerinnen nicht. Stattdessen setzt sie auf starke Füße. "Ein kurzes Training, das geht innerhalb von drei Minuten" – das helfe zum sicheren Stand und gegen Fußschäden. Nicht zwangsläufig enden exzessive High-Heels-Trägerinnen mit verkürzten Achillessehnen oder Mittelfußproblemen beim Orthopäden. Kräftigung aber hilft in jedem Falle und daher werden auch im Stöckel-Kurs die Schuhe mal eben zur Seite gelegt. Barfuß aufstellen, an der Stuhllehne festhalten und dann: "In die Knie, auf die Halbspitze, Knie strecken, Hände loslassen und kurz stehen.", gibt Kotina – in dem Moment ganz Tanzlehrerin – ihren Athletinnen Anweisung. Sie geht umher dabei, korrigiert, gibt Tipps.

Diese werden für die modische Zukunft noch von Wert sein: "Die Firmen sind mutiger geworden und gehen in die Höhe", weiß nämlich Claudia Schulz vom Deutschen Schuhinstitut in Offenbach. Und das im Winter – stöhnen Ahnungslose. Aber nein: Schnee sei super für Absatz-Trägerinnen, klärt Trainerin Kotina auf: "Wenn die Jungs mit ihren glatten Turnschuhen wegrutschen, können wir den Absatz in den Schnee rammen und haben einen sicheren Halt."

Die Königsdisziplin

Die Schneelektion soll an dem Nachmittag Theorie bleiben, in der Praxisübung widmen sich die Schülerinnen stattdessen den ganzjährigen Feinden des hochhackigen Damenschuhs: dem Gitterboden und dem Kopfsteinpflaster. Es ist die Königsdisziplin des Stöckelschuhlaufs. In der Ausführung geht es vor allem um die korrekte Gewichtsverlagerung. "Ob ich das die ganze Freßgass‘ runter schaffe?", fragt sich eine Teilnehmerin schon nach wenigen Bahnen durch den Tanzraum. "Die Übung macht‘s", beschwichtigt die Lehrerin. Die Praxis wird‘s zeigen.

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