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OB-Kandidaten: Nargess Eskandari-Grünberg: „Ich vermisse Visionen für die Stadt“

Immer mehr Einwohner, neue Stadtteile, wachsender Verkehr, die Diskussion ums Schauspielhaus und die Drogenszene: Das sind die großen Themen im Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters. Die grüne Kandidatin Nargess Eskandari-Grünberg, 52, macht sich zudem für Sportvereine und Kultur stark. Redakteur Günter Murr sprach mit der ehrenamtlichen Stadträtin und früheren Integrationsdezernentin über ihre Konzepte zur Stadt.
„Wir müssen sehen, wo wir Ausgaben kürzen können“, sagt die Oberbürgermeisterkandidatin und ehrenamtliche Stadträtin Nargess Eskandari-Grünberg von den Grünen. „Auf die 1,5 Millionen Euro für die Eröffnungsfeier der Altstadt würde ich zum Beispiel verzichten. Foto: Rainer Rüffer „Wir müssen sehen, wo wir Ausgaben kürzen können“, sagt die Oberbürgermeisterkandidatin und ehrenamtliche Stadträtin Nargess Eskandari-Grünberg von den Grünen. „Auf die 1,5 Millionen Euro für die Eröffnungsfeier der Altstadt würde ich zum Beispiel verzichten.

Die Stadt wächst, es sind einige neue Baugebiete geplant. Blutet Ihnen als Grüne nicht das Herz, wenn Grünflächen zugebaut werden?

NARGESS ESKANDARI-GRÜNBERG: Selbstverständlich. Wir müssen darauf achten, dass das Verhältnis zwischen Bau- und Grünflächen ausgewogen ist. Wir brauchen vor allem Wohnungen, die für alle bezahlbar sind. Mein Ziel ist, bei Neubauprojekten zu 40 Prozent sozial geförderte Wohnungen und zu 20 Prozent genossenschaftliche und gemeinschaftliche Wohnprojekte entstehen zu lassen. Aber wir haben nicht mehr viele Möglichkeiten für Nachverdichtung, doch die Stadt wächst. Ohne die Region wird es aber nicht gehen.

Ist es möglich, neue Wohnungen vor allem in der Region zu bauen und auf Neubaugebiete in Frankfurt zu verzichten?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Das sehe ich nicht so. Wir müssen das gemeinsam lösen. Die Region darf nicht das Gefühl haben, dass wir eine Last auf sie abwälzen wollen. Wir müssen Wohnungen in Frankfurt bauen, aber die Menschen sollen auch aus dem Umland mit einem guten öffentlichen Nahverkehr nach Frankfurt kommen können. Ich schlage vor, im Rahmen einer Internationalen Bauausstellung gemeinsam mit der Region die Entwicklung der kommenden Jahre zu behandeln.

Was könnte das Thema einer solchen Bauausstellung sein?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Zum Beispiel der neue Stadtteil. Man muss darauf achten, dass dort nachhaltig gebaut wird. Ich bin auch der Meinung, dass man auf beiden Seiten der Autobahn bauen muss. Diese ist ein Störfaktor, aber es gibt in anderen Städten gute Lösungen, zum Beispiel in Jena oder Stockholm. Ein Planer hat auch vorgeschlagen, dass man die Autobahn um einige Hundert Meter versetzen könnte, damit die Stadtteile zusammenwachsen können. All diese Möglichkeiten müssen ergebnisoffen geprüft werden. Wir müssen Visionen haben für unsere Stadt. Die vermisse ich in der aktuellen Stadtführung.

Wenn die Stadt wächst, nimmt auch der Verkehr zu. Ersticken wir irgendwann daran?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Wir brauchen eine Verkehrswende. Ich bin dagegen, den Menschen vorzuschreiben, wie sie sich zu bewegen haben. Aber ich bin dafür, den Menschen Angebote zu machen. Zwei Angebote würde ich gerne im öffentlichen Nahverkehr machen: Die Preise für die Fahrkarten sind viel zu hoch. Wir müssen prüfen, wie ein Jahresticket für 365 Euro in Frankfurt möglich sein könnte. Außerdem habe ich gerade von einem spannenden Projekt gehört, gerade für eine älter werdenden Gesellschaft: Die Menschen werden mit Kleinbussen zu Hause abgeholt und zur nächsten U- oder S-Bahn-Station gebracht. Wir brauchen alternative Mobilität. Dazu gehört auch, dass Frankfurt Fahrradhauptstadt wird. Unsere Radwege müssen einfach sicherer werden.

Eine grüne Vision war einmal die autofreie Innenstadt. Ist das anzustreben?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Wenn wir Alternativen fördern, werden weniger Autos unterwegs sein. Eine Großstadt ganz ohne Autos ist aber schwierig.

Für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs muss die Stadt auch investieren. Woher soll das Geld kommen?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Eine wachsende Stadt braucht Infrastruktur. Darüber müssen wir auch mit dem Land und dem Bund sprechen. Wir müssen außerdem sehen, wo wir an anderer Stelle Ausgaben kürzen können. Auf die 1,5 Millionen Euro, die für die Feier zur Eröffnung der Altstadt ausgegeben werden, würde ich zum Beispiel verzichten. Bei den Vereinen will ich aber nicht sparen.

Warum?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Vereine sind ein Ort, wo sich junge Menschen austoben können, aber auch ältere sich begegnen. Es macht mir große Sorgen, dass wir nächstes Jahr die Gebühren für die Sporthallennutzung um sieben bis zehn Prozent erhöhen. Das macht 70 000 Euro im Jahr aus. Ist es nötig, dass wir wegen dieser Summe den Vereinen wehtun? Ich bin dafür, einen Fonds zu schaffen, aus dem Vereine unbürokratisch kleinere Summen beantragen können, zum Beispiel für Stadtteilfeste oder Kulturveranstaltungen.

Zurzeit wird viel über die Hochkultur gesprochen, vor allem über die Städtischen Bühnen. Fällt da die Stadtteilkultur unter den Tisch?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Ich war immer für Hochkultur, aber auch für eine freie Kulturszene. Es kann nicht sein, dass die Absolventen der Städelschule die Stadt verlassen, weil sie sich Frankfurt nicht leisten können. Die Kulturförderung ist außerdem zu bürokratisch, das muss vereinfacht werden. Raummieten können sich viele Vereine nicht leisten. Deshalb brauchen wir Begegnungsräume in den Stadtteilen.

Wie ist Ihre Position zur Sanierung der Städtischen Bühnen?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Ich möchte, dass die Bühnen am Willy-Brandt-Platz bleiben. Wir müssen aber schauen, wie die Kosten reduziert werden können. Auch über Sponsoring wurde noch nicht gesprochen. Ich kenne ein Konzerthaus in Bochum, das mit Unterstützung von Sponsoren gebaut wurde. Warum soll die Stadt alles allein tragen? Außerdem will ich das Thema Kinder- und Jugendtheater wieder ins Gespräch bringen.

Ist das Zoo-Gesellschaftshaus der richtige Standort dafür?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Darüber kann man reden. Eine andere Möglichkeit wäre der Kulturcampus Bockenheim. Aber nicht der Ort ist entscheidend – wichtig ist, dass wir über ein Kinder- und Jugendtheater nachdenken.

Derzeit wird viel über das Drogenproblem im Bahnhofsviertel gesprochen. Was ist Ihr Lösungsansatz?

ESKANDARI-GRÜNBERG: Die Leute einfach wegzuschicken, sie in die Stadtteile zu verdrängen, das geht nicht. Für komplexe Probleme brauchen wir komplexe Lösungen. Für das Thema Crack haben wir diese noch nicht. Da müssen wir den Frankfurter Weg mit Repression und Hilfsangeboten stärken und weiterentwickeln. Zweitens muss die Stadt aktiv gegen Dealer vorgehen. Die Zusammenarbeit von Polizei und Drogenhilfe muss gestärkt werden. Ich kann mir vorstellen, im Bahnhofsviertel eine Anlaufstation mit Ansprechpartnern für verschiedene Institutionen und für Bürger einzurichten. Aber Drogenabhängige gehören nun einmal zu einer Großstadt. Wir dürfen diese Menschen nicht alleine lassen und nicht gegen sie Stimmung machen.

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