Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 26°C

Aufgebrachte Eltern: Neuer Lehrplan für Frankfurts Schulen: Streit über Sexualerziehung

Von Seit diesem Sommer gilt in den Schulen ein neuer Lehrplan zur Sexualerziehung, der die Unterrichtsinhalte von der Grundschule bis zum Abitur festlegt. Über zwei Worte darin ist ein Streit entbrannt.
Symbolfoto Symbolfoto
Frankfurt. 

Es ist ein heikles Thema, jeder Teenager kann ein Lied davon singen. Jetzt aber sind es die Erwachsenen – Eltern, Lehrer, Politiker –, die sich mit dem Thema Sex und allem, was dazu gehört, schwer tun. Zwischen einigen von ihnen ist ein Streit um den neuen „Lehrplan Sexualerziehung“ entbrannt, der mit diesem Schuljahr in Kraft getreten ist.

Dass der Plan schon gilt, lässt vermuten, dass alle Diskussionen darüber schon hätten gelaufen sein sollen. Offiziell sind sie es auch. Doch zurück blieb ein unzufriedener Landeselternbeirat, der den neuen Lehrplan mehrheitlich ablehnt. Auswirkungen auf die Entscheidung des zuständigen Kultusministeriums hat dieses Veto nicht, aber es hat eine Diskussion entfacht.

Das ist auch an den Frankfurter Eltern nicht vorbeigegangen. „Wir bekommen Anfragen von Müttern und Vätern. Sie sind aufgeregt, wissen aber nicht genau, worüber“, sagt Alix Puhl, Sprecherin der Frankfurter Elternschaft. Denn gelesen haben den neuen Lehrplan die Wenigsten.

Info: Das sollen die Schüler lernen

Der neue Lehrplan schreibt unter anderem folgende Themen für die Sexualerziehung in den verschiedenen Altersgruppen verbindlich vor: 6 bis 10

clearing

Der Landeselternbeirat stößt sich in dem sechsseitigen Dokument, das auf der Internetseite des Kultusministeriums zu finden ist, vor allem an zwei Worten: „Akzeptanz“ und „Toleranz“. Denn als „Aufgaben und Ziele schulischer Sexualerziehung“ wird auch die „Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen“ genannt. An anderer Stelle wird ein „schulisches Leitbild, das sich für die Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten einsetzt“ angeregt.

Das geht der Mehrheit der Mitglieder im Landeselternbeirat zu weit, sie hatten gefordert, den Begriff „Akzeptanz“ durch „Toleranz“ zu ersetzen. Denn nur die könne man erwarten, inwieweit jemand die sexuelle Ausrichtung des anderen auch akzeptiere, müsse ihm selbst überlassen bleiben. Das Kultusministerium wollte an dieser Stelle nicht einlenken und setzte den Lehrplan trotzdem durch.

Gegen Einseitigkeit

Die Kritiker im Landeselternbeirat sehen den Lehrplan im Widerspruch zum Hessischen Schulgesetz, das zum Thema Sexualerziehung vorschreibt: Es „ist Zurückhaltung zu wahren sowie Offenheit und Toleranz gegenüber den verschiedenen Wertvorstellungen in diesem Bereich zu beachten; jede einseitige Beeinflussung ist zu vermeiden“. Für Ingrid Häußler, Frankfurter Vertreterin im Landeselternbeirat, ist die Botschaft klar: „Es kann nur darum gehen, einen toleranten, respektvollen Umgang zu vermitteln. Es darf nicht um Werturteile gehen.“ Und wenn, dann hätte ein Schritt vor dem anderen erfolgen müssen. „Wir finden es befremdlich, dass der Lehrplan vor der anstehenden Novellierung des Hessischen Schulgesetzes vorgelegt wird“, begründet Häußler das Veto der Landeselternvertretung.

Auch Vertreter der katholischen Kirche hatten Bedenken gegen den Lehrplan vorgetragen. Dabei ging es auch um die Frage, in welchem Alter Kinder mit welchen Themen konfrontiert werden. „Es ist durchaus eine berechtigte Frage, ob es gelingt, angemessene Inhalte zum angemessenen Zeitpunkt an die Kinder heranzutragen“, bestätigte die Frankfurter CDU-Landtagsabgeordnete Bettina Wiesmann. An diesem Punkt müsse man Experten heranziehen, die die Festlegungen prüfen und gegebenenfalls korrigieren. Die Bildungspolitikerin hat den Entwurf in ihrer Partei diskutiert. „Aber ich sehe nicht, dass wesentliche Teile der CDU dagegen sind.“ Sie selbst begrüßt die neue Linie des Lehrplans, der den Vorgänger von 2007 abgelöst hat. Dass mit der Forderung nach Akzeptanz der sexuellen Vielfalt ein Werturteil verbunden sei, könne sie nicht erkennen.

Auch Manuela Rottmann, frühere Gesundheitsdezernentin, Grünen-Mitglied und Elternvertreterin an der Willemerschule in Sachsenhausen, versteht die Kritik der Landeseltern nicht. Sie sammelt Unterschriften für einen offenen Brief an das Gremium. Darin heißt es: „Wir wollen, dass unsere Kinder geschützt werden vor Diskriminierung, Beleidigungen und Gewalt. Dazu muss man sie akzeptieren, wie sie sind, und nicht nur „ertragen“. Genau das – ertragen – bedeutet tolerieren im Wortsinne.“ Der Brief endet mit dem Satz: „In diesem Punkt sprechen Sie nicht für uns Eltern in Hessen.“ Rund 70 Unterzeichner haben sich dem bis Sonntagabend angeschlossen.

Schulen sind entspannt

Das klingt nach einer hitzigen Debatte – von der in den Schulen bislang nichts zu merken ist. Selbst Rottmann bestätigt: „An der Schule ist das überhaupt kein Thema.“ Thomas Mausbach, Leiter des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums, kennt die Aufregung bislang auch nur aus der Zeitung. „Ich glaube, dass das im Schulalltag nicht so heiß gegessen wird“, sagt er. In seinem Gymnasium spiegele sich die Vielfalt, es gebe etwa Homosexualität bei Lehrern und bei Schülern, auch Geschlechtsumwandelungen habe er schon erlebt. „Die Schulgemeinde geht damit gut um, das ist das Wichtigste.“

Unaufgeregt reagiert auch der Stadtelternbeirat: „Wir werden die Eltern informieren und schauen, wie die Grundlage an den Schulen mit Leben gefüllt wird“, sagt Alix Puhl. Dass den Kindern eine Weltsicht übergestülpt werde, fürchtet sie weniger. „Wir raten, mit den Lehrern zu sprechen. Die Eltern werden ja vorab immer informiert, wenn das Thema Sexualerziehung auf dem Lehrplan steht.“

Unterdessen hat die in Frankfurt ansässige „Deutsche Vereinigung für eine Christliche Kultur“ eine Petition gegen den Lehrplan gestartet, die Magdeburger Aktivistin Hedwig von Beverfoerde plant für den 30. Oktober eine Kundgebung in Wiesbaden. Frankfurter Politiker wie Grünen-Fraktionschef Manuel Stock haben bereits eine Gegendemonstration angekündigt.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse