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Löcher in der Paulskirche: Neues Buch enthüllt "Frankfurter Geheimnisse"

Ein neues Buch enthüllt „Frankfurter Geheimnisse – 50 spannende Geschichten aus der Bürgerstadt“. Wir veröffentlichen freitags und mittwochs zehn ausgewählte Beiträge.
Stadtführerin Verena Röse in der Paulskirche. Wäre Frankfurt Hauptstadt geworden, hätte hier der Bundesrat getagt. Dass Bonn den Vorzug erhielt, dazu hat Verena Röse eine interessante Theorie... Stadtführerin Verena Röse in der Paulskirche. Wäre Frankfurt Hauptstadt geworden, hätte hier der Bundesrat getagt. Dass Bonn den Vorzug erhielt, dazu hat Verena Röse eine interessante Theorie...
Innenstadt. 

„Unsere Stadt Frankfurt hat die Nachricht, dass sie zur Bundeshauptstadt gewählt wurde, keineswegs mit dem Gefühl irgendeines Triumphes gegenüber anderen deutschen Städten, die gleichfalls zur Wahl standen, aufgenommen“, sagte Oberbürgermeister Walter Kolb (1902–1956) anno 1949. Moment! Frankfurt? Bundeshauptstadt? War es doch gar nicht, oder? Nein! Nur war sich Kolb offenbar so sicher, dass Frankfurt Bundeshauptstadt werden wird, dass er dem Hessischen Rundfunk schon mal ein Interview gab – das allerdings nie ausgestrahlt wurde.

Knapp 70 Jahre später steht Stadtführerin Verena Röse in der Paulskirche. Alles wirkt sehr akkurat: die Fahnen, die Stuhlreihen. Doch etwas irritiert: Zwischen den Fahnen finden sich auf der Höhe, in der die Masten an der Wand angebracht sind, zugespachtelte Löcher. Für Verena Röse sind sie mindestens ebenso wichtig wie die Fahnen selbst, denn sie stehen, wie die ganze Paulskirche, für ein großes Stück deutscher Geschichte.

Stadtführerin Verena Röse in der Paulskirche. Wäre Frankfurt Hauptstadt geworden, hätte hier der Bundesrat getagt. Dass Bonn den Vorzug erhielt, dazu hat Verena Röse eine interessante Theorie... Bild-Zoom
Stadtführerin Verena Röse in der Paulskirche. Wäre Frankfurt Hauptstadt geworden, hätte hier der Bundesrat getagt. Dass Bonn den Vorzug erhielt, dazu hat Verena Röse eine interessante Theorie...

„Im Frühjahr 1989 hat man nach einer Renovierung des Innenraums die Fahnen der elf Bundesländer, und dazu die Deutsche Nationalfahne und die Frankfurter Stadtfahne an die frisch gestrichenen Wände gehängt“, erzählt Verena Röse. Und noch im selben Jahr kam im November der Mauerfall und im Oktober 1990 die Wiedervereinigung. Plötzlich hatte die Bundesrepublik nicht mehr nur elf, sondern 16 Länder. Also mussten die Fahnen in der frisch renovierten Kirche wieder abgenommen werden, um für die neuen Fahnen Platz zu machen und dann mit geringerem Abstand wieder aufgehängt zu werden. „Ich weiß nicht, ob einfach vergessen wurde, darüberzustreichen, oder ob man die Bohrlöcher als Erinnerung gelassen hat“, sagt Verena Röse. Und ergänzt: „Ich finde das total charmant, denn es hätte ja nur einen Pinselstrich Farbe gebraucht, und die Bohrlöcher wären nicht mehr zu sehen gewesen. Das ist für mich eine sehr schöne Erinnerung an die Wiedervereinigung.“

Lockruf der Provinz

Doch zurück ins Jahr 1949: Ob nun Frankfurt oder Bonn – die westdeutsche Bundeshauptstadt war nur als Provisorium, als vorläufiger Regierungssitz bis zu einer wie auch immer verwirklichten Wiedervereinigung gedacht. Und so verlor Bonn den Status nach der Deutschen Einheit von 1990 wieder. Warum Frankfurt damals nicht Bundeshauptstadt wurde, dazu gibt es viele Varianten. Für Verena Röse ist diese die schlüssigste: „Ich glaube nicht, dass Frankfurt den provisorischen Charakter gehabt hätte, der damals so wichtig war.“ Sie zählt auf: „Frankfurt ist eine Stadt mit einer guten Infrastruktur. Mit internationalem Flughafen. Mit wirtschaftlicher Größe. Welchen Grund hätte es 1989 gegeben, nach Berlin umzuziehen? Man hätte 1949 ja nie gedacht, dass Deutschland so lange geteilt bleiben würde, und man stellte nie in Frage, dass Berlin nach dem baldigen Zusammenschluss wieder Bundeshauptstadt werden sollte.“

Sieg der Unvernunft

Auch der damalige OB Kolb brachte in seiner Rede die Vorzüge Frankfurts zur Sprache: „Und da nun einmal hier in Frankfurt fast alle Einrichtungen bereits geschaffen sind, die eine Bundeshauptstadt benötigt, und außerdem diese Bundeshauptstadt so außerordentlich verkehrsgünstig gelegen ist, konnten es weite Kreise nicht verstehen, dass diese Wahl so viel Kopfzerbrechen verursachte. Nun aber hat die Vernunft gesiegt. Möge der Geist dieser Entscheidung auch die künftige Arbeit der Bundesorgane bestimmen.“

Die Vernunft hat dann aus Kolbs Sicht eben doch nicht gesiegt. Verena Röse macht noch eine Beziehung zwischen den Bohrlöchern und diesem Ereignis klar: „In diesem Raum hätte der Bundesrat getagt, wenn Frankfurt Hauptstadt geworden wäre.“ Das ist auch der Grund dafür, warum die im Krieg zerstörte Paulskirche so schnell wiederaufgebaut wurde. „Man hat sie 1948 schon wieder eingeweiht, was erstaunlich war in einer Zeit, als es weder ausreichend Wohnungen noch Schulen oder Krankenhäuser gegeben hat. Frankfurt war so siegessicher, Hauptstadt zu werden“, sagt die Frankfurterin.

Wie es ausgegangen wäre, wenn Kolbs Rede ausgestrahlt worden wäre – dann also, wenn Frankfurt wirklich Bundeshauptstadt geworden wäre –, werden wir nie erfahren. Klar ist nur: 1990 hätte man dann in Frankfurt viel mehr zu tun gehabt, als nur ein paar Fahnen umzuhängen.

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