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Stadtteil-Serie (Teil 16): Nieder-Eschbach: Die Gallier

In unserer Stadtteil-Serie haben wir in dieser Woche Nieder-Eschbach unter die Lupe genommen.1972 kämpften die Bürger des Stadtteils gegen die Eingemeindung. Eine Fotoreportage.
Foto: Ben Kilb
Es ist 1972 – und damit genau 1200 Jahre her, dass Nieder-Eschbach erstmals urkundlich erwähnt wurde. Doch vielen Bewohnern des nördlichen Stadtteils ist nicht nach Feiern zumute, soll das Dorf doch zum 1. August nach Frankfurt eingemeindet werden. Über 5000 Menschen aus dem einst von den Römern „Ascobach“ getauften Ort haben mit ihrer Unterschrift bereits gegen diese „Vereinnahmung“ protestiert.

Vielleicht ahnten die Kritiker, dass mit dem Bau des Ben-Gurion-Rings 1977 eine Großwohnsiedlung und damit bis dato nicht gekannte Probleme auf das Dorf zukommen würden. Vom alten Ortskern durch Felder getrennt entstand die Siedlung, und wurde in den 90er Jahren „Golanhöhen“ getauft wegen städtebaulicher Mängel, fehlender Infrastruktur, Bewohnern vieler unterschiedlicher Kulturen und einer überdurchschnittlichen Arbeitslosenquote. Doch hat sich der Ruf etwas gebessert, nicht zuletzt dank des Programms „Soziale Stadt“.

Als positiv für die Entwicklung empfinden viele Bewohner inzwischen das im Jahr 2000 entstandene, 2003 nach Westen erweiterte und 2004 mit einem Autobahnanschluss versehene Gewerbegebiet, auch weil viele Arbeitsplätze entstanden.
Gleichzeitig sank die Zahl jener, die den Ort über Jahrhunderte prägten: Nur einige Landwirte und Gärtner finden sich noch. Seit der Eingemeindung hat sich die Zahl der Bewohner fast verdoppelt: Über 11 500 Menschen leben auf etwa 6,4 Quadratkilometern Fläche.

Trotz der Randlage weist der Stadtteil eine gute Infrastruktur auf: es fahren die U 2 und U 9 sowie zwei Buslinien. Über das Gewerbegebiet geht es auf die A 661. Zudem führt mit der Homburger Landstraße Frankfurts längste Straße dorthin, sorgt aber auch für reichlich Verkehr. Mit der Michael-Grzimek- und der Otto-Hahn-Schule verfügt Nieder-Eschbach über eine Grund- und eine Gesamtschule. Unser Mitarbeiter Ben Kilb hat sich im  Stadtteil umgesehen.

Der Eschbach

Der Eschbach fließt durch den Stadtteil, vorbei am Freibad und der Sportanlage,   und mündet bei Harheim in die Nidda. Doch viele meiden den Bach, seit ein Fußgänger in den Bach gestürzt und dann verstorben war: In seinem Körper wurden gefährliche Keime gefunden. Experten vermuten, dass diese aus der Bad Homburger Kläranlage stammen, aus der bei Hochwasser auch ungeklärtes Abwasser in den Eschbach gelangt.

Der historische Ortskern erinnert an die Vergangenheit


Die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung von Eschbach stammt vom 1. Juni 772 – erst 22 Jahre später entstand einige Kilometer entfernt eine Siedlung namens „Franconofurd“. Der Ort wurde im 13. Jahrhundert von den Römern besiedelt und war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges landwirtschaftlich geprägt. Es gibt noch einen kleinen historischen Dorfkern, doch Ende der 1960er Jahre begann der Bau von neuen Wohngebieten wie etwa dem Ben-Gurion-Ring und der Bügel-Siedlung.

Die Zukunft


Am Rand des Ben-Gurion-Rings sollen in den nächsten Jahren hunderte neue Wohnungen entstehen. Bis vor einigen Jahren befand sich auf der Fläche zwischen dem Bügelsee, der Ladenzeile und dem Gewerbegebiet am Bügel noch ein großes Rechenzentrum der SEB-Bank und ein Parkplatz. Der Stadtteil ist beliebt, weil die Innenstadt in knapp 20 Minuten bequem mit der U-Bahn zu erreichen ist. Über eine Umgehungsstraße ist der Ort an die Autobahnen angeschlossen.

Ortsmittelpunkt ist der „Darmstädter Hof“


Emilija Carevic ist seit zwölf Jahren Pächterin des „Darmstädter Hofs“.    27 Vereine und Gruppen nutzen das Lokal für ihre Treffen, auch der Ortsbeirat tagt hier. 1843 als Gutshof erbaut, befinden sich heute ein Restaurant und ein Hotel darin. Inhaber seit 2005 sind Martina und Andreas Hübner; sie retteten den Hof vor dem Abriss.

Wunsch und Traum


Am Ortsausgang will Mutter Natur anscheinend mit diesem beinah überwucherten Schild vergessen machen, dass Nieder-Eschbach zum trubeligen Frankfurt gehört. Manche Nieder-Eschbacher haben sich noch immer nicht ganz damit abgefunden. Zu Tausenden protestierten sie damals, es war das Jahr 1972, gegen die Eingemeindung. Sie blockierten dabei auch Straßen zum Römer. Der Verkehr staute sich damals bis auf die Friedberger Landstraße zurück.

Noch bäuerlich


´Eine Handvoll Landwirte, Bauern und Großgärtnereien findet sich in Nieder-Eschbach heute noch. Jahrhundertelang versorgten sie dank der fruchtbaren Lößböden rund um diesen und andere nördliche Stadtteile die Mainmetropole mit Lebensmitteln. Überwiegend Zuckerrüben, Kartoffeln und Wintergetreide werden hier angebaut – und im alten Ortskern direkt verkauft. Aufgrund des zunehmenden Bedarfs an Bauland fürchten inzwischen jedoch viele Landwirte und Gärtner um ihre Existenz.

Erholung beim Plausch im Park am Bügelsee


Christa Simon (70) und Vanessa Hassbach (78) genießen die Sonne am Bügelsee, in den 70er Jahren im Park am Ben-Gurion-Ring entstanden. Beide Damen leben seit Jahrzehnten am Ring, „und zwar gerne“ – obwohl nur wenige Meter von der Parkbank entfernt vor drei Jahren ein Mitglied eines Rocker-Clubs erschossen worden ist. Aus Sicht von Simon und Hassbach hätte dies aber überall in Frankfurt passieren können. „Das war eine Ausnahme, denn ansonsten geht es hier meist sehr friedlich zu und das Viertel wird seinem schlechten Ruf nicht gerecht“, betont Christa Simon. Dafür wünschen sie und andere ältere Bewohner der anno 1976/19977 erbauten Siedlung Am Bügel sich endlich ein Café.
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