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Unterwegs mit der ersten Airport-Sozialarbeiterin Deutschlands: Obdachlos am Frankfurter Flughafen

Für die meisten ist Frankfurter Flughafen das Tor zur Welt. Von dort geht's in ferne Länder und in den Urlaub. Aber rund 200 Menschen leben am Flughafen. Sie sind Gestrandete, die nicht wissen wohin.
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Frankfurt. 

Zwischen Parkplatz und Terminal 1 würfeln zwei Rumänen um Pfand. Der Einsatz liegt auf dem Boden: vier leere PET-Flaschen. Daneben ein Häufchen roter Münzen. Die zwei Männer, ein junger und ein alter, stehen in der prallen Sonne. Es ist unerträglich heiß, die Luft steht. Die Männer haben ihren Oberkörper frei, die Haare abrasiert, zerschlissene Jeans hängen ihnen um die Beine; die Schuhe kaputt. Der Alte würfelt: Eine Drei und eine Vier. Dann würfelt der Jüngere. Pasch. Gejohle. Der Jüngere gewinnt, die Flaschen wandern in seine Ecke. Dort liegen ein  T-Shirt und eine Jacke ­­und der wichtigste Besitz: Eine Plastiktüte mit Pfand.

Erarbeitet, beschützt, geraubt

Pfand ist am Frankfurter Flughafen die Währung der Obdachlosen. Die Obdachlosen erarbeiten, beschützen und rauben Flaschen. Mit dem Pfand treiben die Männer Handel.  Mit dem Erlös kaufen sie Alkohol, Kaffee, vielleicht etwas kleines zu Essen. Seit acht Monaten lebt der Jüngere, er soll in dieser Geschichte Andrian* heißen, am Frankfurter Flughafen. Seit dem habe er 24 Kilo verloren, erzählt er, während ihm Schweißperlen von der Glatze über das Gesicht laufen. Jetzt will er, jetzt muss er weg. Zu seiner Schwester. Nach Italien. Schnell.
Der Ältere, noch schmächtiger, er soll hier Grigore* heißen, lebt seit vier Jahren am und im Terminal. „Ich weiß alles, was hier passiert!“, sagt er und holt eine lose Blättersammlung aus einer kleinen schrumpeligen Reisetasche. Er schreibe alles auf, erklärt er. Über Deutschland. Nachts, wenn er in den ewig hellen Hallen nicht schlafen kann. Im August sei das erste Kapitel fertig. Er will nicht weg. Er will Arbeit.

Für die meisten Menschen ist der Frankfurter Flughafen das Tor zur Welt. Für die Obdachlosen ist er eine Sackgasse. Rund 200 wohnungslose Menschen halten sich immer wieder zu unterschiedlichen Zeiten am Flughafen auf, sammeln dort Pfandflaschen, profitieren von der gelösten Stimmung der Urlauber. Die sind in der Regel großzügiger als die Menschen in der Stadt, geben auch mal etwas zu Essen aus. Etwa 50 Personen verlassen den Flughafen so gut wie nie, nutzen ihn wie eine autonome Stadt. Was er im Prinzip ja auch ist. Über 80.000 Menschen arbeiten dort, es gibt Supermärkte, Fast-Food-Ketten, Drogerien und zahlreiche Geschäfte. Es gibt Hotels, Restaurants und Bars. Ein Krankenhaus, einen muslimischen, einen jüdischen Gebetsraum sowie eine ökumenische Kirche.

Eine autonome Stadt

Mehr als 60 Millionen Passagiere werden am Flughafen Frankfurt im Jahr abgefertigt. „Hier gibt es im Prinzip alles, was man braucht“, sagt Kristina Wessel. Sie ist seit September 2016 Streetworkerin am Frankfurter Flughafen und Mitarbeiterin des Diakoniezentrums WESER5, einer Einrichtung des Diakonischen Werks für Frankfurt. Sie ist die erste Sozialarbeiterin in Deutschland, die speziell für wohnungslose Menschen an einem Flughafen zuständig ist. Eine kleine, blonde Frau. Sommersprossen, blaue Augen. 32 Jahre alt, mit hessischem Einschlag in der Stimme. Sie begegnet den Obdachlosen freundlich aber bestimmt.

Ansprechpartnerin für die Gestrandeten


Mit Andrian und Grigore spricht sie deutlich, ohne Umschweife. Sie ist die Ansprechpartnerin für die Gestrandeten und sie weiß auch, warum der Flughafen eigentlich kein Ort zum Bleiben ist, sondern ein Ort zum Ankommen und Abfliegen. Ein Wirtschaftsstandort. Zwar betreiben Diakonie und Caritas dort Außenstationen, aber eine soziale Infrastruktur wie in Frankfurt gibt es nicht. Keine Notunterkünfte, keine Tafel, kein Sozialamt, keine Wohnheime, keine Tageseinrichtungen. Nur zwei Regale mit ein paar Hemden, Hosen und Socken in Wessels Büro. Ihre „Notkleiderkammer“, erklärt sie.

„Besonders für Menschen aus Osteuropa wird es immer schwieriger, Hilfe vom deutschen Staat zu bekommen – gerade, wenn sie noch nicht lange da sind“, sagt Wessel. Denn die Rumänen, Bulgaren und Polen, die am Flughafen landen, haben oft keine richtige Berufsausbildung und somit wenig Chancen auf einen sozialversicherungspflichtigen Job, auf reguläre Arbeit und tarifliche Entlohnung. Ihnen bleiben nur Minijobs oder die Verdingung als Tagelöhner, um über die Runden zu kommen.

Scham und Perspektivlosigkeit

So müssen sie fünf Jahre aus eigener Kraft ihr Leben bestreiten – ohne Wohngeldzuschuss oder irgendeine andere Art sozialer Unterstützung vom Staat in Anspruch zu nehmen. Bleibt die Lohntüte aus, wird die Situation prekär. Sie könnten sich für einen Monat Geld vom deutschen Staat leihen, um nach Hause zu reisen. Dieses Angebot nehmen viele nicht an. Aus Scham gegenüber ihren Familien in der Heimat, und aus Mangel an Perspektiven. Oder sie versuchen mit Pfand sammeln, betteln und mit Unterstützung von Caritas und Diakonie die Zeit bis zum nächsten Job zu überbrücken. Gescheiterte Arbeitsmigration nennt sich das. Andrian und Grigore leben das.

Und dann gibt es noch die psychisch Kranken, die rastlos am Flughafen ihren unruhigen Routinen nachgehen. Immer wieder werden sie von Kristina Wessel in die Stadt gebracht, in Notunterkünfte, Krankenhäuser, Psychiatrien. Es ist schwer die Menschen zu integrieren. „Viele haben die Hilfen schon durch“, erklärt die Sozialarbeiterin. Hätten aufgrund ihrer psychischen Probleme Hausverbot in den Wohnheimen. Viele von ihnen haben das Hilfesystem schon aufgebraucht. Vereinzelt kommen sie aufgrund weniger Vermittlungschancen wieder in die Abflughalle im Terminal 1 und leben auf den Wartesitzen in den langen Verbindungsarmen zwischen den Gebäuden.

Der Flughafen ist ein sicherer Ort


Vor allem psychische kranke Frauen zieht es an den Airport, weil sie sich in den Tag und Nacht beleuchteten Hallen und Gängen sicher fühlen, weil es einen Sicherheitsdienst gibt. Eine der Frauen sitzt an diesem heißen Sommertag in der großen Abflughalle auf einer der Sitzreihen. Ihren Gepäckwagen, auf dem ein Schlafsack und eine schmutzige Tasche verstaut sind, hat sie vor sich geparkt, ihren Kopf darauf gebettet. Jeder Versuch, sie anzusprechen, ihr zu helfen, ist bisher gescheitert. Sie ist der Robinson Crusoe unter den Gestrandeten, lebt auf einer einsamen Insel in ihrem Kopf.

Chris hat drei Jahre am Flughafen gelebt: So geht es ihm heute

Einsam am Lagerfeuer

So wie der Mann, der jahrelang unter der Brücke am Kreisel in Richtung A3 gelebt hat. Dort saß er zwischen tosendem Verkehr an seinem Lagerfeuer, jeden Abend. Es war gefährlich zu ihm zu kommen. Kristina Wessel musste dafür den öffentlichen Bus nehmen und eine stark befahrene Straße überqueren. Sie ist nie allein zu ihm gegangen. „An manchen Tagen konnte man gar nicht mit ihm reden“, erinnert sie sich. Dann habe er schon geschrien, wenn er sie von Weitem sah. „An anderen Tagen ging’s“, sagt Wessel. Dann hätten sie sprechen können, über neue Kleider und Schuhe. Irgendwann im Herbst letzten Jahres blieb das Feuer aus. Der Mann war gestorben, lag wohl schon einige Tage an seinem Lager. „Es war ganz schlimm“, sagt Wessel. Ein Anblick wie aus einem Horrorfilm.

Die meisten Menschen, die am Flughafen leben, bleiben unauffällig und wollen es auch sein. Sie haben einen Gepäcktrolley wie ganz normale Reisende, schlendern über den blankgeputzten Steinboden. Nur wer genau darauf achtet, kann sie zwischen den Passagieren erkennen. Es sind subtile Anzeichen, die verraten, dass sie kein Flugzeug bekommen müssen. Sie schieben mehr knittrige Plastiktüten als Koffer umher. Haben oft zerschlissene Schuhe. Einige sitzen einfach den ganzen Tag an einer Stelle, schauen vor sich hin.

Keine Arbeit, keine sozialen Leistungen

Unten im Foodcourt trifft Kristina Wessel auf einen von ihnen. Ein Mann mittleren Alters. Wuschelige, angegraute Haare, ein rundes, freundliches Gesicht. Rotes Poloshirt, darüber eine dunkle Weste. Auf seinem Gepäckwagen: Ein Rucksack, ein Koffer und eine Plastiktüte. Er spricht sie auf Englisch mit osteuropäischen Einschlag an. Er müsse zum Arzt. Es gehe ihm nicht gut. Er wolle in eine Unterkunft in der Stadt aufgenommen werden, aber dort habe man ihn abgewiesen. Keine Arbeit, also keine sozialen Leistungen. Die Streetworkerin macht mit ihm einen Termin aus, damit sie gemeinsam zur Elisabeth Straßenambulanz fahren können, einer Einrichtung für Wohnungslose, die Patienten auch ohne Krankenversicherung behandelt.

Treffpunkt ist um 8.30 Uhr am nächsten Montag vor dem McDonalds. Der Mann verabschiedet sich. Dieses Gespräch habe Wessel mit ihm schon ein dutzend Mal geführt. Sie geht davon aus, dass er auch diesen Termin mit ihr verstreichen lassen wird. Tatsächlich sei er zum vereinbarten Termin gekommen, erzählt sie ein paar Tage später.

Kirche bot viele Jahre Schutz

Wer sich nicht jede Nacht auf den Wartebänken zusammenrollen wollte, hat viele Jahre die Flughafen-Kirche zum Schlafen genutzt. Ein ruhiger Raum mit Teppichboden, etwas abgelegen und ruhig. Gewollt war das nicht, aber die Christen tolerierten es. Am Morgen hatte es dann aber immer gemüffelt, nach ungewaschenen Menschen und kaltem Zigarettenrauch. Eine Zumutung für die Besucher, die morgens zum Beten kamen. Deshalb war irgendwann damit Schluss, die Kirche wurde nachts abgeschlossen.

Trotzdem haben Flughafenseelensorger ein Auge auf die Gestrandeten. An diesem Tag haben sie Kristina Wessel einen Neuzugang zu vermelden. Eine Frau in Weiß. Sie laufe täglich zwischen den Terminals hin und her. Schnorre bei den Beamten vom Zoll ab und an einen Kaffee. Vermutlich gehört sie zu den psychisch kranken Menschen. Dafür spricht auch eine obskure Internetseite, die sie betreibt und auch fleißig bewirbt. Zusammenhanglose Texte und Selfies von einer etwas älteren Frau mit langem schwarzem Haar. Sie will hier bleiben. Sie will hier leben, vielleicht will sie hier auch sterben.

Kristina Wessel wird die Frau in Weiß nicht suchen, aber sie wird sie finden. Irgendwo zwischen An- und Abflug, zwischen Ankommen und Abreisen am Frankfurter Flughafen.

* Namen von der Redaktion geändert

Video: Unterwegs mit dem Frankfurter Kältebus

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