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Gespräch mit schwulen Vätern: Papa liebt einen Mann

Was tun, wenn man Frau und Kinder hat - sich aber zu Männern hingezogen fühlt? Die "Schwulen Väter" in Frankfurt teilen ihre Erfahrungen. Ein Gespräch über heimliche Sehnsüchte, späte Coming-Outs - und den Reiz des Independet-Kinos. (Erstveröffentlicht 2017)
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Seit knapp 30 Jahren treffen sich die "Schwulen Väter" in Frankfurt zweimal im Monat: einmal zum Stammtisch, einmal zum Gruppengespräch. Wer herkommt, steht meist kurz vor einem schwierigen Coming-Out-Prozess: Er ist verheiratet, hat Kinder - und sehnt sich doch nach Männern.

Schaffe ich das? Wie erkläre ich es meiner Frau, den Kindern - und was kommt dann? Die "Schwulen Väter" unterstützen einander - sie teilen ihre Erfahrungen, geben einander Ratschläge oder hören einfach zu.

FNP-Reporter Christophe Braun hat vier Mitglieder der Gruppe getroffen: Wilfried Wember (75), der die Gruppe in den 80er Jahren gegründet hat, und seinen Partner David Holden (65), Nikolaus Nessler (58) und Holger Heckmann (49). Heckmann organisiert die Treffen der Gruppe im "Switchboard" in der Innenstadt. Dort findet das Gespräch statt.


Braun: Herr Wember, Sie haben 1964 geheiratet, zwei Kinder bekommen – und Ihrer Frau ein paar Jahre später gesagt, dass Sie schwul sind.

Wember: Sie fragen mich jetzt bestimmt, warum ich sie dann geheiratet habe.

Braun: Naja …

Wember: Ich wusste damals nicht, dass ich schwul bin. Aber: Ich hätte es wissen können.

 



Wilfried Wember hat die Gruppe 1988 gegründet.

Nessler: Warum? Hattest Du damals schon schwule Beziehungen?

Wember: Ernstzunehmende Beziehungen – nein. Aber ich habe erste, verklemmte Versuche unternommen.

Braun: Sie haben sich trotzdem für die Ehe und die Kinder entschieden.

Wember: Ja. Ich habe die Frau ja gern gehabt.

Braun: Und Sie hatten keine Zweifel?

Wember: Nein, eigentlich nicht. Nur meine Mutter hat was geahnt, glaube ich.

Video: So klären zwei Youtuberinnen aus Frankfurt über LGBTQ auf:

Braun: Wie lange ging das gut?

Wember: Ein paar Jahre. Aber das waren zum Teil fürchterliche Jahre. Freitagabends habe ich mich nach der Chorprobe ins Auto gesetzt, bin zum Grüneburgpark gefahren und habe mich mit Männern getroffen.

Braun: Sie haben ein Doppelleben geführt.

Wember: Ja, absolut. Aber das ging irgendwann nicht mehr.  

Braun: Wann haben Sie ihrer Frau gesagt, dass Sie schwul sind?

Wember: 1973, nach etwa neun Jahren Ehe. Ich weiß gar nicht mehr genau, was der Anlass war, jedenfalls wollte ich ihr nichts mehr vormachen. Dann haben wir uns bald getrennt. Sie ist ausgezogen, die Kinder wollten bei mir bleiben. Die 70er Jahre waren dann zum Teil schwierig. Ich hatte meinen ersten langjährigen Partner und gleichzeitig sind die Kinder herangewachsen. Für die war das natürlich auch nicht immer ganz einfach. Die offizielle Scheidung war dann erst 1980.

David Holden (links) und Holger Heckmann

Heckmann: Diesen Konflikt in der Ehe kenne ich. Man lernt einen Mann kennen. Stellt fest, dass da etwas ist. Etwas, was man in der Ehe vermisst hat. Und es fühlt sich richtig an. Aber trotzdem ist man ja weiter verheiratet, hat ein Kind, vielleicht sogar mehrere. Das macht es so schwierig.

Nessler: Ich war 18 Jahre mit meiner Frau zusammen, bevor ich mich geoutet habe. Es hat noch viel länger gedauert, bis ich wirklich verstanden habe: Ich bin schwul. Trotzdem war die Beziehung zu meiner Frau authentisch. Ich habe sie geliebt – aber es war eben eine Ausnahme, nicht die Regel.

Wember: Bereust Du Deine Ehe?

Nessler: Nein, keine Sekunde. Das gehört zu mir dazu, und ich bin froh darüber.

Braun: Herr Heckmann, was hat Sie dazu bewogen, sich zu outen?

Heckmann: Ich habe einen Mann getroffen – vier Jahre älter als ich -, der ein Kind hatte - vier Jahre älter als mein Sohn - , der verheiratet gewesen war und sich geoutet hatte – auch vier Jahre zuvor. Das war wie ein Blick in eine Glaskugel und hat mir Mut gemacht. Zu sehen: Es gibt andere, denen es ähnlich geht, und die haben einen Weg für sich gefunden. Das ist auch die Idee hinter den Schwulen Vätern, sich gegenseitig einen Spiegel vorzuhalten und dadurch sein Wesen zu erkennen.

Braun: Herr Wember, sie haben 1988 zum ersten Treffen der Gruppe in Frankfurt geladen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Wember: Zwei Jahre vorher – 1986 – hatte ich erstmals an einem Treffen schwuler Väter in der Akademie Waldschlösschen teilgenommen. Das war in der Nähe von Göttingen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich damals den Raum betreten habe und da saßen 30, vielleicht 35 Männer. Und ich dachte: Wow. Es gibt ja noch mehr, die in so einer Situation sind wie Du. Zwei Jahre später war dann das erste Treffen hier in Frankfurt, in der „Traube“.

Nessler: Zu wievielt ward Ihr da?

Wember: Da waren wir vielleicht fünf oder sechs.

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