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Braun: Wer kommt denn typischerweise zu den Treffen?

Heckmann: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind wir nur zu viert, manchmal sitzen hier 30. Allgemein lässt sich sagen: Schwule Väter sind meistens etwas älter. Wir haben nur selten einen 30-Jährigen. Meistens ist es so 40 aufwärts. Das liegt oft daran, dass die Verantwortung für die Familie über Jahre im Mittelpunkt steht. Die häufigsten „coming outs“ von schwulen Vätern finden statt, wenn die Kinder schon etwas älter und selbstständiger sind, ein Teil des Hauses abbezahlt ist und sich über Jahre oder Jahrzehnte ein gewisser Leidensdruck aufgebaut hat, der nicht mehr zu verdrängen ist.  

Wember: Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Neue weiterhin in die Gruppe kommen. Man denkt ja immer, die Gesellschaft ist liberaler geworden, Schwulsein ist kein großes Ding mehr. Stimmt nicht.

Heckmann: Am Anfang habe ich mich gar nicht richtig getraut, zu einem Treffen zu kommen.

Wember: Warum?

David Holden

Heckmann: Das ist nicht so einfach zu sagen. Ich hatte meine schwule Sozialisation zum Teil in Saunen. Das ist ganz einfach: Du gehst rein und hast Sex mit Männern, Punkt. Aber eine Selbsthilfegruppe, in der man miteinander übers Schwulsein und übers Vatersein spricht? Das ist was anderes. Ich erinnere mich daran, dass ich hier vor dem Switchboard auf und ab gelaufen bin und nicht wusste, gehst Du jetzt rein oder nicht.

Wember: Ja, das kostet Überwindung.

Heckmann: Am Anfang ist es schwierig, über das Schwulsein zu reden. Sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Sich Fragen zu stellen wie: Was will ich wirklich? Wie geht es jetzt weiter? Wie sage ich es meiner Frau, meinem Kind? Das hat mich eingeschüchtert. Auch wenn es meistens gut geht, kann ein Outing auch schief laufen. Im Einzelfall sprechen Frau, Eltern, Kinder nicht mehr mit dem Vater, oder gibt es Streit und harte Konflikte. Die Familie zerbricht, es kommt zur Trennung. In der Regel ist es aber irgendwann wieder gut, wenn man feststellt, dass der Vater sich ja durch das Outing nicht verändert hat. Ein Negativbeispiel bei mir: Ich habe nur noch sehr wenig Kontakt zu meinen Eltern.
 
Braun: Warum?

Heckmann: Mein Vater wollte es nicht akzeptieren und ging nicht gut mit mir um. Und irgendwann habe ich für mich entschieden: Ich muss mir das nicht jedes Mal aufs Neue antun. Wenn er  mich nicht akzeptieren will , dann ist das halt so. Doch das ist eher die Ausnahme. Dass durch das Outing eines schwulen Vaters die Familie zerrüttet wird, ist schon der Fall. Meistens trennen sich dann Mann und Frau..

Nessler: … und, vielleicht aus genau diesem Grund, gibt es eben auch viele schwule Väter, die sich niemals outen. Ich habe vor einer Weile einen verheirateten Mann kennengelernt, der war über 70. Außer seiner Tochter wusste niemand, dass er schwul ist. Der hat sein ganzes Leben über ein Doppelleben geführt.

Nikolaus Nessler

Braun: Herr Heckmann, wie hat Ihr Sohn Ihr Coming-Out erlebt?

Heckmann: Mein Sohn war drei, als ich ausgezogen bin. Da hat er natürlich noch nicht viel verstanden. Zwei Jahre später bin ich mit meinem ersten Langzeit-Freund zusammengezogen. Mein Sohn war dann jedes zweite Wochenende bei uns. Wir haben hier in der Ecke gewohnt, in einer Wohngemeinschaft: mein Freund, ich und noch ein Mann. Und da haben wir ihm immer vermittelt: Papa wohnt in einer WG. Wir haben lange Zeit nicht wirklich über meine Beziehung gesprochen.

Braun: Warum nicht?

Heckmann: Kinder wollen von der Sexualität ihrer Eltern nichts wissen – egal, ob sie hetero sind oder homo. Oder möchten Sie über Ihre Eltern wissen, was sie …

Braun: AUF KEINEN FALL!

Heckmann: Na also. Irgendwann, da war er schon zehn, hat er es zum ersten Mal ausgesprochen.

Braun: Gab es Situationen, in denen Ihr Outing Ihren Kindern geschadet hat?  

Heckmann: Geschadet – nein, das würde ich nicht sagen. Aber klar, es gibt einfach Situationen, auf die man sich vorbereiten sollte. Zum Beispiel in der Schule. Kurz nach meinem Outing haben meine Exfrau und ich die Grundschule unseres Sohnes besucht. Wir haben der Lehrerin erklärt, dass wir getrennt sind und dass ich mit einem Mann zusammenlebe. Und wir haben ihr gesagt, wir wünschen uns, dass unser Sohn zu Ihnen kommen kann, wenn etwas ist. Einmal hat er das dann tatsächlich getan. Da hatte ich ihn mit zum Christopher Street Day genommen und am nächsten Tag hat er davon erzählt. Auf einmal war das Pausenthema, alle haben darüber gesprochen.

Wember: Was hat die Lehrerin dann gemacht?

Heckmann: Sie hat eine Sonderstunde gehalten. Da hat sie erklärt, was Homosexualität ist – und dann war Ruhe.

Wember: Ich finde, sie hat da ziemlich gut reagiert.

Nessler: Ja, das ist gut. Wir sind halt ein bisschen anders – aber das macht ja nix. Meine Tochter hat das mal ganz cool auf den Punkt gebracht: Die hat gesagt gesagt: Papa, wir sind eine Familie wie in einem Independent-Film.

Heckmann: Was hast Du geantwortet?

Nessler: Naja, klar – in einem Hollywood-Schinken hätte ich gar nicht erst mitgespielt!

(Erstveröffentlicht im April 2017)

Mehr Infos über die Schwulen Väter finden Sie hier: schwule-vaeter-frankfurt.de

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