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Betreuung: Petra Becher: "Das Bürgerinstitut kümmert sich um jeden"

Nicht nur setzt das Bürgerinstitut in seiner Arbeit auf Ehrenamtliche, es ist bei seiner Finanzierung auch auf Spenden angewiesen. Für die Hospizarbeit fehlen dabei für 2017 noch rund 20 000 Euro.
„Ohne die Ehrenamtlichen geht es überhaupt nicht“, sagt Bürgerinstitut-Geschäftsführerin Petra Becher. Hier steht sie vor dem Gebäude des Vereins in der Oberlindau im Westend. Foto: Rainer Rüffer „Ohne die Ehrenamtlichen geht es überhaupt nicht“, sagt Bürgerinstitut-Geschäftsführerin Petra Becher. Hier steht sie vor dem Gebäude des Vereins in der Oberlindau im Westend.
Frankfurt. 

Nicht nur setzt das Bürgerinstitut in seiner Arbeit auf Ehrenamtliche, es ist bei seiner Finanzierung auch auf Spenden angewiesen. Für die Hospizarbeit fehlen dabei für 2017 noch rund 20 000 Euro. Über die Arbeit des Bürgerinstituts sprach unser Redakteur Andreas Haupt mit Geschäftsführerin Petra Becher.

Frau Becher, das Bürgerinstitut ist eine der ältesten privaten sozialen Einrichtungen Frankfurts. Was genau macht Ihr Verein?

PETRA BECHER: Wir haben drei Standbeine. Das größte ist die Seniorenarbeit mit allen Themen rund um das Älterwerden. Zweitens kümmern wir uns um Jugendliche mit besonderem Förderbedarf. Das dritte ist das Ehrenamt an sich. Wir sind so etwas wie Frankfurts „Arbeitsamt“ für Ehrenamtliche und beraten jeden, der an einem Engagement interessiert ist, gerne auch im Hinblick auf den Einsatz bei anderen Trägern.

Warum ist die Seniorenarbeit so wichtig?

BECHER: Das hat mit der demografischen Entwicklung zu tun. Dass Frankfurt so viele Singlehaushalte hat, liegt weniger an Yuppies als an den vielen alleinlebenden Senioren.

Menschen, deren Partner gestorben ist und die noch in den eigenen vier Wänden leben?

BECHER: Genau. Heute ist ein Ziel, dass die Menschen daheim leben, statt ins Heim zu gehen. Das ist auch gut, aber dadurch ergeben sich neue Herausforderungen.

Aber Sie sind kein Pflegedienst.

BECHER: Nein, dessen Arbeit sollte auch unbedingt professionell gemacht und bezahlt werden. Unsere Arbeit beginnt vielfach dort, wo Menschen alleine sind. Sie haben ihr Leben mit einem festen Partner verbracht, nun sterben mehr und mehr Freunde. Wir unterhalten hier im Haus in der Oberlindau 20 zum Beispiel einen offenen Seniorentreff. Der ist für viele der Einstieg in unsere anderen Angebote, von Werken über Singen, Turnen und Gymnastik bis hin zu Vorträgen über Kunst und Literatur oder Ausflüge. Heutige Senioren sind mit 60 oder 70 viel mobiler als früher und haben höhere Ansprüche daran, was sie erleben wollen.

Und das nicht alleine, sondern mit anderen?

BECHER: Genau. Dazu kann man bei uns etwa einen Yoga-Kurs machen. Dort knüpft man Kontakte, und es entstehen individuelle Verabredungen, etwa um spazieren oder ins Museum zu gehen.

Wer nutzt Ihre Angebote?

BECHER: Das ist unterschiedlich. Oft kommen irgendwann erste Gebrechen, und man fragt sich: Wo bekomme ich einen Rollator? Wer setzt meine Vorsorgeverfügung auf? Wer kümmert sich um mich, wenn ich das alles nicht mehr alleine kann? Wir beraten zu vielen Themen und kümmern uns um jeden, bis hin zum Thema Hospizbegleitung. Für viele Menschen ist Vertrauen wichtig. Das gewinnen sie durch eine Jahre lange Verbindung zu uns und unseren Mitarbeitern. Die meisten Besucher kommen aus dem Westend, Bockenheim, Nordend und der Innenstadt, aber auch aus Sachsenhausen. Jene aus weiter entfernten Stadtteilen nutzen eher dortige Angebote.

Sie haben gerade auch die Hospizarbeit des Bürgerinstituts erwähnt.

BECHER: Wir gründeten 2004 den ersten ambulanten Hospizdienst Frankfurts. Die Hospizbewegung in Deutschland entstand erst. Wir betreuen die Menschen zu Hause, im Krankenhaus, in Seniorenwohnanlagen oder auch im Pflegeheim. Oft sprechen uns die Betroffenen selbst an, aber auch Angehörige oder Freunde. In stationären Einrichtungen etwa haben die Mitarbeiter meist wenig Möglichkeiten, einfach mal am Bett zu sitzen, eine Geschichte aus dem Lieblingsbuch vorzulesen oder ins Gespräch darüber zu kommen, was gut im Leben eines Menschen war und was er nicht mehr machen konnte.

Das klingt, als ob Sie gemeinsam den Abschluss des Lebens vorbereiten.

BECHER: Es geht um den menschlichen Austausch und darum, einen Gesprächspartner zu haben.

Das ist etwas sehr Persönliches.

BECHER: Ja. Schnell entsteht dabei eine enge Verbindung. Dafür bilden wir unsere Hospizbegleiter circa ein halbes Jahr lang gut aus. Ein Hospizbegleiter muss seine Aufgabe sehr ernst nehmen. Wenn jemand im Sterben liegt, kann ich nicht mal kommen und dann wieder nicht und dann jemand anderes.

Da muss auch die Chemie zwischen den Menschen stimmen. Funktioniert das immer?

BECHER: In über 90 Prozent der Fälle, eher 95. Unsere beiden hauptamtlichen Mitarbeiter schauen sich jede Situation genau an, sprechen mit Angehörigen und Ärzten und natürlich mit dem Betroffenen. Dann überlegen sie: Wer passt als Begleiter zu dieser Person? Einmal betreuten wir einen Künstler. Wir konnten ihm jemanden an die Seite stellen, der selbst künstlerisch tätig war. Die beiden fanden schnell zueinander. Wenn jemand nicht so gut Deutsch spricht, ist es gut, wenn der Hospizbegleiter dieselbe Sprache spricht. Wenn sie dann gemeinsam Kinderlieder von früher singen oder erzählen, wie die Oma dies und das gekocht hat, dann ist das schon eine gute Basis.

Wie finanzieren Sie das?

BECHER: So wie alle Projekte fast ausschließlich aus Spenden. Die festen Mitarbeiter, die Aus- und Weiterbildung der circa 30 Ehrenamtlichen, Fahrtkosten, Versicherungen und so weiter müssen bezahlt werden. Dies verursacht in der Summe jährliche Kosten von rund 200 000 Euro, aber für dieses Jahr fehlen uns noch 21 000 Euro.

Das Bürgerinstitut kümmert sich aber auch um Jugendliche.

BECHER: Zum einen trainieren wir Jugendliche mit besonderem Förderbedarf in den letzten Schuljahren und versuchen, sie fit zu machen fürs Bewerbungstraining. Insbesondere aber ermöglichen wir Schülerinnen und Schülern im Rahmen des Wahlpflichtunterrichts einen lebendigen Einblick in das breite Feld des bürgerschaftlichen Engagements. Indem sie im Zweierteam wöchentlich in einer sozialen Einrichtung bei Menschen mit Unterstützungsbedarf, also alten und behinderten Menschen oder Kindern, hospitieren, erweitern sie nachhaltig ihre sozialen Handlungskompetenzen.

Wer nimmt an dem Programm teil?

BECHER: Jugendliche, die nicht immer den geraden Weg gehen und oft kein Vorbild haben, dem sie nacheifern können. Andere haben schon seit längerem frustrierende schulische Erlebnisse, die sie ihren Wert in der Gesellschaft in Frage stellen lassen. Wichtig ist dabei, dass sie von jenen, denen sie helfen, Wertschätzung erfahren. Sie geben Essen aus und jemand sagt: Das ist aber schön, dass Sie wieder da sind. Sie merken, jemand freut sich und ist nett zu ihnen. Das wertet sie auf.

Wirkt das bei allen?

BECHER: Nein, das anzunehmen wäre vermessen. Aber wir wollen so viele wie möglich erreichen. Hinzu kommt: Diese 14- bis 16-Jährigen stehen vor einer Berufsentscheidung. Dabei stehen soziale Berufe nicht unbedingt ganz oben auf der Liste. Wenn man jedoch erfahrbar macht, was das bedeutet und wie viel positive Rückkopplung dort entstehen kann, dann erscheint dieser Zweig oftmals deutlich attraktiver.

Ihre 20 hauptamtlichen und mehr als 250 ehrenamtlichen Mitarbeiter betreuen derzeit rund 40 Projekte. Kurzum: Ohne die Ehrenamtlichen ginge gar nichts.

BECHER: Ohne die geht es überhaupt nicht. Würden wir alles mit hauptamtlichen Kräften umsetzen müssen, könnten wir viel weniger Menschen helfen. Der intelligente Mix entsteht aus einer guten hauptamtlichen Leitung und Begleitung und engen Verzahnung mit von uns gut ausgebildeten und hoch engagierten Ehrenamtlichen.

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