E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 17°C

Physiotherapie-Schule Friedrichsheim: Physiotherapeut: Traumjob mit Nebenwirkungen

Seit 1928 bildet die Physiotherapie-Schule Friedrichsheim Nachwuchs aus. 120 junge Frauen und Männer lernen hier, wie man Kranke mobilisiert und bei der Genesung hilft. Doch viele wählen später einen anderen Beruf. Nebenwirkung der schlechten Bezahlung.
Johanna Schoemakers und Alexander Koetter im Übungsraum. Schul-Leiterin Annegret Lauterbach gibt Tipps. Foto: Michael Faust Johanna Schoemakers und Alexander Koetter im Übungsraum. Schul-Leiterin Annegret Lauterbach gibt Tipps.
Niederrad. 

Das, was 1909 aus dem „Verein für Krüppelfürsorge“ entstand, ist heute die Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim in Niederrad. Neben drei Stationen mit 63 Betten gibt es hier seit 1928 die Physiotherapie-Schule Friedrichsheim. Annegret Lauterbach (55) arbeitet dort seit 21 Jahren als Ausbilderin und ist seit drei Jahren die Leiterin der Schule. „Vorher habe ich hier auch meine Ausbildung gemacht“, sagt die schlanke Frau mit den blauen Augen lachend. „Physiotherapie entwickelt sich genauso schnell weiter wie die Medizin“, erklärt sie mit Blick auf freundliche helle Räume, bunte Möbel und unzählige Behandlungsliegen.

„Vor den Ferien haben 100 Schüler und zehn Lehrer fünf Tage lang alles neu gestrichen und designt“, sagt sie voller Stolz auf ihre Zöglinge. 18 Räume wurden von den angehenden Physiotherapeuten in einer Projektwoche kunstvoll gestaltet. „Beweglich sein ist auch gut für uns.“

Sechs Semester

Zweimal im Jahr nimmt die Schule etwa 20 Bewerber auf, sechs Semester lang durchlaufen sie alle klinischen Fächer von Pädiatrie bis Neurologie. Dabei lernen sie theoretisch und praktisch alles, was den Muskel- und Bewegungsapparat angeht und sind anschließend staatlich anerkannte Physiotherapeuten. „Ich habe mir die Ausbildung ganz anders vorgestellt“, sagt Alexander Koetter (21), der im zweiten Semester der Ausbildung ist, frech. Er ist selbst lange im Sportverein tätig, ebenso wie sein Bruder. „Ich wollte es ihm gleich tun und hatte gehört, dass Physiotherapie cool ist. Nach einem Praktikum war ich überzeugt.“

Große Gemeinschaft

Die Ausbildung hatte er sich wie in der Schule vorgestellt. „Klar, es wird viel gebüffelt, aber das hier ist anders. Ein riesiges Gemeinschaftsgefühl aller Klassen. Wir können jederzeit Fragen stellen, dürfen früh Hand anlegen.“ Was er nach der Ausbildung machen will, weiß er noch nicht genau. „Sport interessiert mich.“

Bewerber für die Ausbildung gibt es mehr als Stellen. „Trotzdem gibt es Fachkräftemangel“, sagt Lauterbach. „Nicht wenige Absolventen wenden sich später wieder ab, weil die Bezahlung schlecht ist. Die Krankenkassen und die Politik wollen weniger stationäre Behandlungen und mehr ambulante. Dadurch steigen die ambulanten Kosten. Kleine Praxen können keine hohen Gehälter für Physiotherapeuten bezahlen. Und wenn junge Leute nicht von ihrem Gehalt leben können, satteln sie um auf Maschinenbau, Osteopathie oder gehen ins Rettungswesen.“

Krankenhäuser bezahlen besser, aber die Stellen sind begrenzt. In Arztpraxen sind Physiotherapeuten ebenso wichtig. Bis zu 40 Prozent der Bürger bewegen sich zu wenig, bekommen Rücken- und Gelenkprobleme. Dazu kommen Sportunfälle und die Abnutzung von Gelenken. Ohne Physiotherapie bewegen sich Menschen nach Verletzungen of falsch und belasten andere Gelenke. „Wenn Physiotherapie nicht schnell nach einer Operation angefangen wird, drohen Lungenentzündung oder Thrombosen. Je schneller der Patient wieder in Bewegung ist, desto besser für seine Heilung ohne Folgeschäden“, ist sich Koetter sicher.

Auch Johanna Schoemakers (20) ist im zweiten Semester. „Ich habe immer schon gerne Menschen geholfen und Probleme gelöst. Ich bewege mich gerne, mag nicht immer nur rumsitzen. Hier gibt es viele praktische Fächer mit ganz viel Bewegung.“ Später möchte sie auf jeden Fall mit Kindern arbeiten. „Vielleicht auch mit Behinderten.“ Schlechte Bezahlung schreckt sie nicht. „Der Beruf wird mir Spaß machen und Geld allein macht auch nicht glücklich“, sagt sie.

Koetter hofft, dass sich die Arbeitssituation bis zu seinem Abschluss bessert. „Ich möchte nicht umschulen müssen. Physiotherapeut ist mein Traumberuf.“ Das Dilemma sieht Lauterbach „historisch, da soziale Berufe früher als Mildtätigkeit galten. Wirtschaft wird immer noch deutlich mehr wertgeschätzt. Dabei ist Kostensparen bei Prophylaxe und Physiotherapie kurzfristig gedacht. Heilung verzögert sich und kann hohe Folgekosten zur Folge haben. Ich wünsche mir, dass Krankenkassen und Politik Gesundheit der Menschen längerfristig betrachten.“

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen