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200. Geburtstag mit 800 Gästen in der Paulskirche: Polytechnische Gesellschaft: Engagiert mit Mut statt Wut

Von 200 Jahre, was für ein Alter. Das muss natürlich gebührend gefeiert werden. Die Polytechnische Gesellschaft machte dies gestern mit vielen Reden und Musik. Rund 800 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur folgten der Einladung in die Paulskirche.
Kostümiert und mit Perücke mimt Schauspieler Michael Quast anlässlich des 200. Geburtstags der Polytechniker in der vollbesetzten Paulskirche August Anton Wöhler, der von 1820 bis 1850 der Präsident des Vereins war. Bilder > Foto: Rainer Rüffer Kostümiert und mit Perücke mimt Schauspieler Michael Quast anlässlich des 200. Geburtstags der Polytechniker in der vollbesetzten Paulskirche August Anton Wöhler, der von 1820 bis 1850 der Präsident des Vereins war.
Frankfurt. 

Die derzeitige politische Situation in Deutschland, der aufkeimende Populismus, die sogenannten Wutbürger: Das waren die beherrschenden Themen gestern Abend in der Paulskirche. Dort, in der Wiege der deutschen Demokratie, in der einst die erste frei gewählte deutsche Volksvertretung zusammenkam, feierte die Polytechnische Gesellschaft ihren 200. Geburtstag. Und diesen wollten viele nicht verpassen, gehört der Verein doch seit jeher „zu dieser wunderbaren Stadt“, wie es Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) ausdrückte.

Abbild der Stadtoberen

Neben ihm folgten rund 800 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur der Einladung der Polytechniker. Dazu zählten etwa Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler, Bürgermeister Uwe Becker (beide CDU), Stadtdekan Johannes zu Eltz, Uni-Präsidentin Birgitta Wolff, Robert Restani, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse, das Stifterpaar Karin und Carlo Giersch sowie Weltraumfahrer Thomas Reiter. Sie alle bekamen viel geboten: Gut zweieinhalb Stunden dauerte der Festakt, vollgepackt mit Grußworten, einer Rede des Mainzer Historikers Prof. Dr. Andreas Rödder, der über die Zukunft der Aufklärung philosophierte, sowie Musikdarbietungen der Studenten von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Einen kleinen Auftritt hatte auch Michael Quast, der August Anton Wöhler spielte, den Präsidenten der Polytechnischen Gesellschaft von 1820 bis 1850.

Die Polytechnische Gesellschaft wurde am 24. November 1816 von Kaufleuten, Handwerkern, Juristen, Lehrern und Medizinern gegründet. 32 Gründungsväter gab es. Fortan engagierten sie sich für Bildung, Wirtschaft, Kultur und die Stadtgesellschaft. 50 Tochterinstitute wurden seither ins Leben gerufen, sieben von ihnen gibt es noch heute – darunter auch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

„Auf der Höhe der Zeit“

„Die Polytechniker waren und sind immer auf der Höhe der Zeit“, sagte Volker Bouffier. Für ihn sei der Verein etwas Besonderes, weil er trotz der vielen Brüche in den vergangenen beiden Jahrhunderten – Kaiserreich, Weimarer Republik, Diktatur, Bundesrepublik, Wiedervereinigung – immer die „bürgerliche Konstante“ gewesen sei, die „nicht auf die Antwort der Obrigkeit gewartet hat“, sondern selbst aktiv wurde. „Nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft“, so der Landesvater. Und da sich die Welt weiter verändere, „Vertrautes schwindet und Ungewisses hinzukommt, der gesellschaftliche Zusammenhalt auf die Probe gestellt wird“, seien die Polytechniker und ihre Werte so wichtig wie eh und je. „Ihre Arbeit wird nicht ausgehen“, sagte Bouffier. Jeden Tag höre man von Wutbürgern. „Doch mit Wut können wir die Zukunft nicht gewinnen, aber mit Mut, so wie es die Polytechnische Gesellschaft vormacht.“

Bei so viel Lob hätte der Präsident der Polytechniker, Walther von Wietzlow, eigentlich rot werden müssen. Doch Profi wie er ist, schritt er lächelnd zum Ministerpräsidenten, gab ihm die Hand und nahm das Präsent entgegen – eine Ehrentafel des Landes Hessens. In seiner Rede wurde er jedoch ernst. Von Wietzlow sieht derzeit „wichtige Komponenten und Werte bürgerschaftlichen Zusammenlebens“ verloren gehen. „Das ist eine gefährliche Entwicklung, weil sie die Mitte der Gesellschaft trifft“, sagte er. „Bürgerliche Freiheitsideale“ seien bedroht. Doch er versicherte, dass die Polytechniker dem „als Garant und Stabilisator unverdrossen, hartnäckig und optimistisch“ entgegen treten werden.

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) glaubte dies sofort: „Wir sind auf den Zusammenhalt der Bürger angewiesen. Die Polytechniker sind der Fels in der Brandung. Ich bin ein Fan von Ihnen.“

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