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Kelterei: Possmann: Manche Überraschung, wenn der Apfel zu Ebbelwei wird

Tonnen von Äpfeln haben in den Wochen von Anfang September bis Ende Oktober ein Ziel: die Kelterei Possmann in Rödelheim. Dort wartet auf sie eine ereignisreiche Reise durch Mühlen und Pressen. Oft landen sie sogar in einem ehemaligen U-Boot.
Kellermeisterin Nadine Meier-Dierks beim Aussortieren von unbrauchbaren Äpfeln, bevor sie weiter verarbeitet werden können. Foto: Holger Menzel (Holger Menzel) Kellermeisterin Nadine Meier-Dierks beim Aussortieren von unbrauchbaren Äpfeln, bevor sie weiter verarbeitet werden können.

Langsam schiebt sich der Lastwagen aus dem sächsischen Vogtland an einen der sieben Abgabeschächte heran. Der Fahrer öffnet die Tür zum Laderaum – und schon prasselt eine grün-rote Lawine hernieder: Hunderte, Tausende von Äpfeln plumpsen durch den Schacht in ein Silo.

Eine Szene, die sich an der Kelterei Possmann in Rödelheim zurzeit alle paar Minuten wiederholt. Seit 3. September wird dort Apfelsaft gepresst, der dann weiterverarbeitet wird – vor allem zu Apfelwein und Mixgetränken. Gut 5000 Tonnen hat man dort in dieser Saison schon verwertet, sagt Possmann-Sprecher Konstantin Kalveram. Ein Wert, der ihn zufrieden stimmt. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als man es wegen der katastrophalen Obsternte in ganz Europa in der gesamten Saison nur auf 6000 Tonnen gebracht hatte. Diesmal peilt man die Marke von 15 000 Tonnen an. Dazu trägt auch jener Lastwagen aus dem Vogtland bei, der mit rund 30 Tonnen Äpfeln beladen war.

Handtaschen auf dem Band

Auf die Früchte wartet nun eine ereignisreiche Reise durch die Eingeweide der Kelterei. Dass sie nicht so makellos aussehen wie die auf Hochglanz polierten Exemplare im Supermarkt, stört hier niemanden. „Das nimmt dem Apfel nichts von seiner Qualität“, sagt Kalveram. Nur verfaulte Früchte fischen zwei Mitarbeiter von dem Transportband direkt unter dem Silo, auf dem das Obst zunächst zu einem Waschbehälter rattert. Hin und wieder entdecken sie auch „ungewollten Beifang“, wie es der Sprecher formuliert: Kartoffeln etwa oder eine Handtasche, sogar hochhackige Schuhe seien hier schon gesichtet worden.

Nach dem Waschen werden die Äpfel von einer Transportschnecke in die sogenannte Rätzmühle befördert und dort zu Maische zerstückelt. Ein brauner Brei, der nicht sonderlich appetitlich aussieht, aber einen herrlich fruchtig-süßen Duft verströmt. Als nächste Station warten die drei Pressen. Mehrere Bänder laufen hier mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, um so viel Flüssigkeit wie möglich aus dem Mus zu quetschen. Innerhalb von 24 Stunden könne man so mehr als 600 Tonnen Äpfel verwerten, sagt Konstantin Kalveram.

Tempo – sonst stinkt’s

Tempo spielt in diesen Wochen eine große Rolle, schließlich sind die Früchte nicht lange haltbar. Von Anfang September bis Ende Oktober laufen die Transportbänder, die Rätzelmühle und die Pressen – an sechs Tagen pro Woche rund um die Uhr. Es sei wichtig, dass das Obst schnell verarbeitet werde, sagt der Pressesprecher: „Kein Apfel ist hier länger als sechs Stunden.“

Zumindest nicht als ganze Frucht. Der Saft dagegen darf noch hier noch etwas länger verweilen. Nach dem Pressen landet er zunächst in einer Zentrifuge, bevor er zusammen mit speziellen Hefen in einem der 24 Gärtanks aus Edelstahl ruhen darf, die insgesamt 2,4 Millionen Liter fassen. Nach einer Woche sei der Apfelwein im Prinzip fertig, sagt Kalveram. Was nicht heißt, dass er sofort in Flaschen abgefüllt wird. Im Gegenteil. „Er kann dann noch ein paar Wochen ruhen. Die Reifungszeit nach dem ganzen Auf und Ab tut ihm gut“, sagt der Sprecher.

28 Lagertanks stehen dafür in den Kellern der Kelterei zur Verfügung: kleinere, die 20 000 bis 30 000 Liter fassen, aber auch drei gewaltige Behältnisse, die Platz für je 418 000 Liter bieten. „Das sind unsere U-Boote“, sagt Konstantin Kalveram und muss schmunzeln. Tatsächlich wurden die riesigen Tanks, deren Wände aus 25 Millimeter starkem Stahl bestehen, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs als Unterseeboote gebaut, kamen allerdings nie zum Einsatz und standen nutzlos im Frankfurter Osthafen herum. Bis sie die Brüder Werner und Fritz Possmann kurz nach dem Krieg entdeckten, der US Army abkauften und sie zu Lagerkesseln umfunktionierten. „Das war der Grundstock für die Infrastruktur des Betriebs nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Kalveram.

Knapp zwei Drittel der Äpfel, die hier verarbeitet werden, stammen übrigens aus Hessen. Den Rest erhalte man aus anderen Bundesländern, sagt Kalveram, wie eben aus dem sächsischen Vogtland, hin und wieder aus Polen und Tschechien. Auch viele Privatleute aus der Region bringen ihre Früchte in die Kelterei, die meisten mit dem Auro, manche sogar mit dem Traktor. Kürzlich sei ein Lieferant sogar mit einem Lastenfahrrad angeradelt und habe drei Stiegen voller Obst gebracht. Im Hinblick auf das drohende Diesel-Fahrverbot wohl nicht die schlechteste Idee.

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