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Im Interview: Rektor der katholischen Hochschule St. Georgen: Prof. Wucherpfennig, was macht einen guten Jesuiten aus?

Die katholische theologische Hochschule St. Georgen wird am Montag 90 Jahre alt. Mit dem Rektor der Hochschule, Prof. Ansgar Wucherpfennig, sprach FNP-Redakteur Thomas Remlein aus diesem Anlass über Gott und die Welt und natürlich über die Liebe.
Professor Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen theologischen Hochschule St. Georgen, im Gespräch über Gott und die Welt. Foto: Michael Faust Professor Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen theologischen Hochschule St. Georgen, im Gespräch über Gott und die Welt.
Frankfurt. 

Können Sie unseren Lesern erklären, was einen guten Jesuiten ausmacht?

ANSGAR WUCHERPFENNIG (lacht): Gut, da bin ich vielleicht der Falsche, der gefragt ist.

ZUR PERSON Ein Hannoveraner als Rektor

Prof. Dr. Ansgar Wucherpfennig ist seit zwei Jahren Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Oberrad. In dieser Eigenschaft ist er unter anderem Mitglied des Priesterrates

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Halten Sie sich für keinen guten ?

WUCHERPFENNIG: Zumindest gibt es welche, die das so sagen würden. Ich würde sagen, jemand, der eine kritische Zeitgenossenschaft hat, also die Welt in ihrer Wirklichkeit wahrnimmt mit ihren verschiedenen Vorgängen, und gleichzeitig einen Blick hat auf Gott, der ist ein guter Jesuit. Er sollte mit beiden Beinen in der Wirklichkeit stehen und einen besonderen Blick für die Armen haben.

Jetzt tragen ja die Jesuiten kein Ordensgewand. Soll das signalisieren, dass sie mit beiden Beinen im Leben stehen?

WUCHERPFENNIG: Sie sehen mich im Kollarhemd. Das ist die Kleidung von katholischen Priestern. So ist es eigentlich für Jesuiten vorgesehen. Darum habe ich mich heute bemüht. Das Ziel ist gewesen, eine Verbundenheit mit den Menschen in der Gesellschaft und in der Welt zu zeigen. Sich nicht in Klöster zurückzuziehen, sondern in den gesellschaftlichen Bezügen als betende Menschen zu leben.

Der amtierende Papst Franziskus ist ebenfalls Jesuit. Worin erkennen Sie bei ihm den Jesuiten wieder?

WUCHERPFENNIG: Also wichtig scheint mir, dass er eine Option für die Armen lebt und der Kirche vorhält und ihr gelegentlich auch vorwirft, dass sie das nicht genügend tut. Das ist nicht immer nur leicht, sondern auch mühselig, weil es schwierig ist, sich mit Formen von Armut zu konfrontieren. Das bedeutet, dass man dreckig wird, dass man nicht nur nach After Shave riecht, sondern nach Zigarettenrauch oder Marihuana. Das Bild, das er verwendet, passt ja auch dazu: Die Kirche soll ein Lazarett sein. Ich sehe in seiner Art und wie er Führung wahrnimmt etwas sehr Jesuitisches: Raum dafür zu geben, dass diskutiert werden kann. Und diesen Raum auch abzusichern, dass innerhalb von markierten Grenzen diskutiert werden kann.

Lassen Sie uns auf ein regionales Thema zu sprechen kommen: Wie groß ist der Schaden, den das Wirken von Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst im Bistum angerichtet hat?

WUCHERPFENNIG (atmet tief durch): Den schätze ich schon ziemlich immens ein, was mich überrascht. Ich hätte gedacht, dass die Missbrauchsgeschichten der Kirche mehr Schaden zufügen, wenn strukturell und auf verschiedenen Ebenen nicht sicher ist, dass Seelsorge als Seelsorge funktioniert. Das heißt, dass der Mensch dabei nicht im Blick ist, sondern das Eigeninteresse, sei es in sexueller Weise, sei es im Machtmissbrauch. Wenn das die Kirche kontaminiert, halte ich es für einen Schaden, der kaum schrecklicher sein kann. Bei Bischof Franz-Peter hat sich das auf eine Person fokussiert, nicht auf einen ganzen Apparat. Ich hoffe, dass sich Neuansätze durchsetzen.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis ein Limburger Bischof in diese Luxusvilla ziehen kann?

WUCHERPFENNIG (lacht): Wenn er denn Lust hat, das ist ja auch eine Geschmacksfrage. Ich hätte keine Lust, dort zu wohnen.

Sie baden wohl nicht so oft wie Bischof Franz-Peter?

WUCHERPFENNIG: Nein, darum geht es nicht. Musikinstrumente sind ja gar nicht drin. Die sind in der Regel eher teuer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da jemals wieder ein Bischof einzieht.

Aber was macht man dann mit dem Bau? Ein Museum?

WUCHERPFENNIG: Man kann ihn für verschiedene Funktionen nutzen. Ich kann mir vorstellen, dass repräsentative Gäste des Bistums dort wohnen. Für eine dauerhafte Wohnung fände ich es schwierig.

Was können katholische Theologen von evangelischen lernen?

WUCHERPFENNIG: Redefreiheit. Den Mut, das zu sagen, was sie empfinden. Dem Volk aufs Maul geschaut, ist ein vereinfachtes Lutherzitat, aber es wäre gut, in der Verkündigung noch stärker Volkssprache zu verwenden. „Das war ein geiler Gottesdienst“, wird man selten hören – ist aber Volkssprache.

Was können sich evangelische Christen von den katholischen abschauen?

WUCHERPFENNIG: Den Blick auf den menschlichen Körper. Wir haben in der katholischen Theologie den Sinn für Leibliches stärker ausgeprägt; für Symbole. Es ist nicht von ungefähr, dass die Evangelischen mittlerweile wieder Osterkerzen haben. Evangelische Theologie ist sehr schnell christuszentriert. Ich glaube, dass es viel wichtiger ist, heute zunächst mal von Gott zu sprechen. Jetzt würde ich nicht sagen, dass das katholische Theologen von vorneherein tun – die sprechen gerne von der Kirche, aber nicht so schnell von Gott –, aber ich glaube, das wäre eine katholische Aufgabe.

Was ich von evangelischen Gläubigen höre, ist, dass sie in ihrer Kirche Spiritualität und Mystik vermissen.

WUCHERPFENNIG: Stimmt das so?

Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber sie haben das Gefühl, dass in einem katholischen Gottesdienst mehr der Mensch angesprochen wird in seiner Befindlichkeit und nicht nur der Verstand. Im evangelischen Gottesdienst spielt die Predigt eine zentrale Rolle.

WUCHERPFENNIG: Das ist in etwa das, was ich mit dem menschlichen Körper gemeint habe. Also den Menschen in seiner Ganzheit anzusprechen. Ich bin gut befreundet mit evangelischen Pfarrern und Pfarrerinnen. Ich würde nicht sagen, dass die weniger spirituell wären als Jesuiten, die ich kenne. Die Wahrnehmung ist oft so: Die Evangelischen sind politisch und die Katholischen fromm. Das war in den 60ern oder 70ern so, aber heute noch?

Wie viele Priester bilden Sie derzeit in St. Georgen aus?

WUCHERPFENNIG: Wir haben 400 Studenten im letzten Wintersemester gehabt, die höchste Zahl, die die Hochschule je hatte. Davon sind ein Drittel Priester oder Priesteramtskandidaten.

Ist denn der Priesterberuf noch erstrebenswert?

WUCHERPFENNIG: Ja, sicher (lacht). Ich finde ihn ziemlich spannend. Allein was er an Entwicklungsräumen für mich in meiner Biografie hatte.

Aber er ist mit vielen Einschränkungen verbunden. Beispielsweise der Zölibat.

WUCHERPFENNIG: Ja. Früher habe ich das auch so empfunden; sehr schmerzhaft. Immer wenn ich mich mal verliebt hatte, habe ich mich gefragt, kann das so weitergehen. Ich bin gar nicht so sicher, ob Einschränkung der Hauptaspekt ist, unter dem ich den Zölibat betrachten würde. Wenn ich mir anschaue, welche Möglichkeiten ich habe aufgrund meiner Lebensweise, die ein Familienvater nicht hat. Ein Freund von mir hat drei Söhne, der älteste ist gerade ins Gymnasium gekommen. Der muss jeden Morgen mit der Familie frühstücken und darauf achten, dass die Buben keinen Unsinn anstellen. Der Zölibat ermöglicht eine Beziehungsvielfalt, die viele andere nicht haben. Ich muss nicht darauf Rücksicht nehmen, welche Rechte eine Familie an meine Person stellt.

Viele machen den Zölibat für den fehlenden Priesternachwuchs bei den Katholiken verantwortlich. Halten Sie den Zölibat noch für zeitgemäß?

WUCHERPFENNIG: Als Charisma auf jeden Fall. Ob es verpflichtend sein muss? Darüber muss man nachdenken. Ich verspreche mir davon nicht, dass wir größere Zahlen bekommen. Aber wir könnten in den Klerikerberuf Lebenswirklichkeiten hereinholen, die wir bisher nicht haben. Problematisch finde ich auch die Männergesellschaften, die sich durch den Zölibat in der katholischen Kirche etabliert haben. Das würde anders werden, wenn der Zölibat aufgehoben würde, und andere Bedingungen für das Priesteramt. Wenn Papst Franziskus die Kirche dazu aufgefordert hat, über das Diakonat der Frau nachzudenken, ist das noch zu kurz gegriffen. Ist es richtig, dass das Sakrament der Beichte, also die Versöhnung mit Gott, nur Männer spenden können? Das schränkt die Gesprächsmöglichkeiten zur Versöhnung massiv ein. Da habe ich ernsthafte Fragen.

Ich habe gelesen, dass Sie homosexuelle Paare gesegnet haben. Warum hat die Katholische Kirche Homosexuellen gegenüber so eine ablehnende Haltung?

WUCHERPFENNIG: Mein Eindruck ist, dass das tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind. Beispielsweise bei Paulus im Römerbrief. Homosexuelle Beziehungen in der Antike waren starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse. Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle. Das wollte Paulus eigentlich sagen, so meine These.

Halten Sie es für gerechtfertigt, dass wieder verheiratete Geschiedene vom Tisch des Herrn vertrieben, sprich von der Kommunion ausgeschlossen werden?

WUCHERPFENNIG (Pause): Nein. (Wieder lange Pause)

Es dürfen auch kurze Antworten sein. Sie haben es selbst schon angesprochen: Es ist eine Frage, die mir die Redaktion mit auf den Weg gegeben hat: Waren Sie schon mal verliebt?

WUCHERPFENNIG: Okay, das hab’ ich ja schon beantwortet.

Was macht man dann, würden jetzt die Kollegen fragen?

WUCHERPFENNIG: Das ist nicht ganz einfach.

Enttäuscht man dann eine Frau?

WUCHERPFENNIG: Es war so: Ich hab’ mich eher schon oft verliebt. Hab’ aber eigentlich nicht daran gezweifelt, dass es meine Berufung ist, allein zu leben; also zölibatär. Es hat mich trotzdem in ernste Fragen gebracht. Ich war drauf und dran aufzuhören oder zu überlegen, was anderes zu machen. Ich will noch einen anderen Aspekt nennen. Verlieben ist etwas Schönes, Verliebtsein ist auch etwas Schönes. Aber wenn ich jetzt meinen würde, ich könnte mich einfach so darauflos verlieben und es testweise auszuleben, dann fände ich es eine problematische Haltung. Ich habe sicher schon mal durch Verhaltensweisen Erwartungen geweckt, die ich nicht eingelöst habe und nicht wirklich einlösen wollte. Ich habe einen Abschiedsbrief von einer Freundin bekommen, den hab’ ich mir bis heute aufbewahrt, die sehr enttäuscht gewesen ist. Sie hat gesagt: Eigentlich lebt ihr nicht wirklich. Ihr seid nicht Fisch noch Fleisch. Und da ist auch etwas dran.

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