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Fußball-WM: Professor stellt mit Insekten optimalen Kader für Jogi Löw zusammen

Das Ziel von Bundestrainer Jogi Löw bei der Fußballweltmeisterschaft lautet Titelverteidigung. Orientiert er sich am Verhalten von Ameisen und stellt danach seine Mannschaft auf, könnte das klappen. Das sagt zumindest Prof. Dr. Jörn-Henrik Thun, der mit dem Ameisenalgorithmus schon vor Löw den Kader zusammengestellt hat. Ein Eintracht-Spieler ist übrigens bei beiden nicht dabei.
Etliche Exemplare der Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena) laufen auf einem Karton. Ein Ameisenalgorithmus soll den besten Kader für Jogi Löw aufstellen. Foto: Ulrich Perrey/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Ulrich Perrey (dpa) Etliche Exemplare der Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena) laufen auf einem Karton. Ein Ameisenalgorithmus soll den besten Kader für Jogi Löw aufstellen. Foto: Ulrich Perrey/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Frankfurt. 

Ameisen sind klein, blind und haben kein Navigationsgerät bei sich. Doch sie finden den kürzesten Weg vom Bau zur Futterstelle. Eine einzelne Ameise ist dazu nicht in der Lage. Gemeinsam profitieren sie von ihrer Schwarmintelligenz. Dazu kommunizieren sie über Pheromone, Botenstoffe – sogar in der Dunkelheit. Das macht sich Jörn-Henrik Thun, Professor für Operations Strategy an der Frankfurt School of Finance & Management, zunutze.

Thun bezeichnet sich selbst als fußballverrückt. Die Karriere als aktiver Kicker aber endete genauso früh, wie sie begonnen hatte. „Ich war eine völlige Fehlbesetzung“, sagt er. „Von mir als Fußballer existiert nur ein einziges Foto. Darauf sieht man, wie ich ein Kopfballtor mache.“ Blöderweise ging der Ball ins Tor der eigenen Mannschaft. Heute beschäftigt sich der Professor auch beruflich mit Fußball.

Prof. Dr. Jörn-Henrik Thun Bild-Zoom Foto: Ulrich Perrey (dpa)
Prof. Dr. Jörn-Henrik Thun

Den Ameisenalgorithmus nutzt er, wenn er komplexe Zusammenhänge analysieren muss. „Ich habe überlegt, wie ich das auf das wahre Leben übertragen kann“, sagt er. Dann kam ihm und seinem ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Michael Hamann die Idee mit dem Fußball. Es geht darum, aus tausenden Alternativen, die bestmögliche auszusuchen. „Wir transferieren in der Managementforschung die Pheromone in Wahrscheinlichkeiten“, sagt Thun. „Einer guten Alternative wird eine höhere Wahrscheinlichkeit zugewiesen, einer schlechten eine niedrigere.“ Für den optimalen Kader hat Thun eine Vorauswahl von 45 Spielern getroffen. Spieler, die zuletzt in der Nationalmannschaft gespielt haben, früher im Kader waren oder jetzt konstant gute Leistungen in der 1. Bundesliga gezeigt haben – eine Glanzleistung auf dem Platz reicht da nicht. 20 Spieler galt es für den optimalen Kader mit Hilfe des Ameisenalgorithmus zu bestimmen. Das alleine ergibt mathematisch mehr als 3,6 Billionen Möglichkeiten.

Billionen Möglichkeiten

Prof. Dr. Jörn-Henrik Thun musste nicht nur 20 Spieler für die Mannschaft auswählen, sondern auch deren Position bestimmen. Um alle Möglichkeiten zu vergleichen, schreibt man am besten alle untereinander. Bei mehr als 3,6 Billionen Möglichkeiten unmöglich. Die Arbeit übernimmt der Ameisenalgorithmus – natürlich am Computer. Er bezieht Leistungsindikatoren des einzelnen Spielers mit ein: Wer setzt sich in den meisten Zweikämpfen durch? Wer schießt die meisten Tore? Wer macht die besten Steilpässe? Wer gewinnt die meisten Kopfballduelle? Dass die Kriterien für die verschiedenen Positionen unterschiedlich relevant sind, berechnet der Algorithmus mit ein. „Özil und Reus sind für die Innenverteidigung nicht geeignet“, sagt Thun. „Die beiden sind zu klein.“

Einzig den Torwart bestimmt Thun mit der Methode nicht. „Das ist wie in der Formel 1. Wenn ich ein Auto mit einem Fahrer zu besetzen habe, nehme ich einfach den besten“, sagt er. Deswegen hat Thun ihn in der Berechnung außen vor gelassen und setzt ganz auf die Entscheidung von Jogi Löw.

Den Trainer ersetzen wolle er mit der Methode auf keinen Fall. Und wenn Jogi irgendwann nicht mehr erfolgreich ist und aufhört? Würde er dann Trainer der Nationalmannschaft werden wollen? „Auf keinen Fall“, sagt er lachend. Der Ameisenalgorithmus zeige nur innovative Lösungsansätze, die datengeneriert seien. „Der Trainer kann nach viel mehr Kriterien beurteilen, die bei uns nicht einfließen können“, sagt er. Deswegen ging er auch immer von Abweichungen in der Nominierung aus.

Mustafi ein Streitfall

In der Abwehr sind sich Prof. Thun und Jogi Löw weitestgehend einig. Nur den von Thun nominierten Shkodran Mustafi (Arsenal) hat der Bundestrainer nicht auf der Agenda. Im Mittelfeld gibt es mehr Abweichungen. Die Ameisen nominierten Andre Schürrle (Dortmund), Max Kruse (Bremen) und Karim Bellarabi (Leverkusen), der Bundestrainer nicht. „Bei Max Kruse war ich mir sicher, dass Löw ihn nicht zur WM mitnimmt“, sagt Thun. Die Gründe seien vermutlich keine sportlichen. Mario Götze wird uns in diesem Jahr nicht mehr zum Weltmeistertitel schießen, ihn sahen weder Thun noch Löw in der Nationalelf. Dafür nominierte Löw Khedira, den Thun nicht auf dem Zettel hatte und Boateng, den Thun wegen seiner langen Verletzung nicht berücksichtigt hatte.

Vor vier Jahren lag Thun mit seiner Berechnung schon einmal goldrichtig. Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich ergab der Ameisenalgorithmus als beste Option, Philipp Lahm statt auf der „Sechs“ als rechten Außenverteidiger einzusetzen. Jogi Löw hatte dieselbe Idee und gewann 1:0. „Wir sind also nicht dank Mario Götze, sondern dank mir Weltmeister geworden“, sagt Thun lachend.

Und warum hat es kein Eintracht-Spieler in den optimalen Kader geschafft? „Die Eintracht hat in der vergangenen Saison eine kämpferische Teamleistung gezeigt“, sagt Thun. „Die Spieler einzeln betrachtet waren einfach nicht gut genug, um es in die Auswahl zu schaffen.“ Schade, aber dann vielleicht zur nächsten Europa-Meisterschaft.

Auch Mario Gomez hat es – entgegen der Entscheidung von Bundes-Jogi, nicht ins Team geschafft. „Der war unbestritten elementar für den Klassenerhalt von Stuttgart, aber er spielt in einer Mannschaft, die nicht gerade durch Offensiv-Verhalten glänzt“, sagt Thun. Effizient seien sie aber, schaue man sich an, wie viele Punkte die Mannschaft mit so wenigen Toren erzielt habe. Für die Einzelspieler bedeutet Defensiv-Spiel aber eben weniger Punkte für den Algorithmus.

Wer mit seinem Kader richtig liegt, zeigt sich ab Juni bei der WM in Russland.

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