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Frankfurter Werkgemeinschaft: Psychiatrie: Verein leistet Pionierarbeit

Die Frankfurter Werkgemeinschaft (FWG), die mit rund 120 Mitarbeitern an 19 Standorten im Stadtgebiet psychisch kranke Menschen betreut, feiert 50-jähriges Bestehen. Im Gespräch mit unserem Redakteur Andreas Haupt erklärt FWG-Geschäftsführer Torsten Neubacher (49), wie der Verein entstand, was er tut und wie sich seine Arbeit im Laufe der Zeit veränderte.
Pionierarbeit hat nach Ansicht von Torsten Neubacher die Frankfurter Werkgemeinschaft geleistet. Der Verein bot erstmals in Deutschland Hilfe für psychisch kranke Menschen außerhalb einer Klinik an. Foto: Leonhard Hamerski Pionierarbeit hat nach Ansicht von Torsten Neubacher die Frankfurter Werkgemeinschaft geleistet. Der Verein bot erstmals in Deutschland Hilfe für psychisch kranke Menschen außerhalb einer Klinik an.
Innenstadt. 

Die FWG wurde vor 50 Jahren gegründet. Gab es damals bereits ähnliche Angebote für psychisch Kranke wie jene des Vereins oder war das ganz neu?

TORSTEN NEUBACHER: Der Verein war bei seiner Gründung ein echter Pionier, weil es erstmals psychiatrische Angebote außerhalb einer Klinik gab. Initiator war der Krankenhaus-Seelsorger, Pfarrer Wilhelm Pöhler, gemeinsam mit Katharina Hensel, Edelhaide Edel und dem späteren Stadtkämmerer Ernst Gerhardt, der bis heute mit 96 Jahren aktives Vorstandsmitglied der FWG ist.

Damals gab es nur eine klinische Versorgung. Durch sie und Medikamente wurden die Betroffenen stabilisiert. Irgendwann wurden sie entlassen, kamen aber mit ihrem Leben oft nicht alleine zurecht, hatten Schwierigkeiten ohne Unterstützung alleine zu wohnen, ihren Tag zu strukturieren oder einer Arbeit nachzugehen. Viele waren deswegen schnell wieder in der Klinik. Daher sprach man mitunter auch von einer Drehtür-Psychiatrie.

Wie muss man sich diese Angebote vorstellen?

NEUBACHER: Die Angebote entstanden nach und nach gemeinsam mit den betroffenen Menschen, ausgerichtet an deren Bedarf. Die Gründer sagten: Wir müssen den Kranken Angebote außerhalb der Klinik machen, um sie zu unterstützen. Mit Freizeit- und Begegnungsangeboten fing dann alles an. So entstanden regelmäßige Treffen. Noch vor der FWG entstand auch die erste Betroffenen-Selbsthilfegruppe, der Klub Känguruh. Den gibt es heute noch und er zählt somit zu den ältesten Betroffenen-Vertretungen bundesweit. Später kamen Wohnangebote und tagesstrukturierende Angebote hinzu, auch Werkstätten.

Wie wurde das finanziert?

NEUBACHER: Die Gründer klopften anfangs an jede öffentliche Tür; sowohl bei der Stadt Frankfurt als auch bei der Agentur für Arbeit, beim Land Hessen und später beim überörtlichen Träger der Sozialhilfe. Die heutigen Finanzierungsstrukturen gab es noch nicht. Die Gründer mussten daher ständig erklären, was sie machen.

Gibt es auch eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung?

NEUBACHER: Das ist unterschiedlich. Zunächst gilt, dass die Inanspruchnahme unserer Leistungen immer freiwillig ist. Darüber hinaus gilt: So viel Betreuung wie nötig, so wenig wie möglich. Anders als bei einer geistigen Behinderung, die man in der Regel dauerhaft hat, kann man eine psychische Erkrankung jederzeit bekommen, auch wenn man älter ist. Dabei kann es wie bei vielen Erkrankungen eine genetische Veranlagung geben, aber auch soziale Einflüsse können eine Rolle spielen. Der Schweregrad variiert und die Verläufe sind sehr individuell, oft wechseln sich unterschiedliche Phasen ab.

Das klingt, als ob die Betreuung schwierig ist, weil die Situation des Kranken sich ständig ändert.

NEUBACHER: Ja. Vor allem in unseren Werkstätten ist das ein Problem, in denen wir die Menschen zurück ins Arbeitsleben führen. Sie sollten nicht unterfordert werden. Daher versuchen wir, anspruchsvolle Aufträge zu akquirieren, die aber gleichzeitig nicht überfordern, sowohl hinsichtlich der damit verbundenen Belastbarkeit, als auch hinsichtlich erforderlicher Arbeitstugenden, die ja oft gerade erst wieder trainiert werden müssen. Im Idealfall gelingt es, Menschen aus der Werkstatt zurück auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu begleiten. In anderen Fällen ist die Werkstatt ein Ort, an dem eine dauerhafte Teilhabe am Arbeitsleben stattfinden kann. Zugleich müssen wir unsere Produktionsaufträge in den Werkstätten termingerecht erledigen, was unter Berücksichtigung der verschiedenen Verläufe und Einschränkungen nicht leicht ist.

Die Werkstätten sind ja nur eines ihrer Angebote. Was gibt es noch?

NEUBACHER: Zum einen gibt es eine 24-Stunden-Betreuung in unseren Wohngruppen. Für jene, die in ihrer eigenen Wohnung leben, gibt es Betreutes Wohnen. Das heißt, die Menschen werden dort von unseren Mitarbeitern aufgesucht und begleitet. Ein niedrigschwelliges Angebot ist die offene psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle im Haus der Volksarbeit, Eschenheimer Anlage 21. Dort betreiben wir auch noch ein Café, das gleichzeitig eine Begegnungsstätte und ein Ehrenamtsprojekt ist. Dort gibt es auch offene Beratungstermine.

Wird ein offenes Angebot angenommen? Ein Merkmal psychischer Erkrankungen ist doch, dass Betroffene oft nicht merken, dass sie krank sind.

NEUBACHER: Ja, man spricht dann von mangelnder Krankheitseinsicht, aber das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Aber das offene Angebot hilft den Betroffenen, Unterstützung zu suchen?

NEUBACHER: Auf jeden Fall. Auch Angehörige oder Nachbarn können sich schnell und einfach informieren. Oft wird das soziale Umfeld eines Menschen zuerst aktiv. Wo genau beginnt eine psychische Erkrankung? Wenn Sie das Haus verlassen und zweimal zurücklaufen, um zu schauen, ob Sie die Wohnungstür wirklich abgeschlossen haben, würde keiner sagen, Sie sind psychisch krank. Laufen sie 18 Mal zurück, würde man das sicherlich anders sehen. Gelegentlich kommen zu uns auch Menschen, die an Alkohol- oder einer anderen Sucht erkrankt sind. Daher ist es gut, dass unsere Beratung für jedermann zugänglich ist. Das ist unkomplizierter als bei einer teil- oder vollstationären Behandlung, für die man ein entsprechendes Gutachten braucht.

Solche Plätze stehen vermutlich auch nicht sofort zur Verfügung.

NEUBACHER: Es gibt Wartelisten. Das ist ein Problem, denn, wenn man aus der Klinik kommt, ist ein nahtloser Übergang wichtig. Die Finanzierung der Wohnheimplätze ist aber so gestrickt, dass die Träger gerade kostendeckend arbeiten, wenn sie voll belegt sind.

Wie sehen denn die Wohnungen aus?

NEUBACHER: Wir haben schon immer relativ kleine Wohneinheiten. Vor 50 Jahren arbeiteten viele private Träger wie auch Kliniken mit großen Einheiten, Schlafsälen für viele Menschen und Wohnheimen mit vielen Betten. Weil das einfach Kosten spart und einfach zu betreiben ist. Unsere Wohngruppen befinden sich in ganz normalen Wohnungen oder Stadthäusern. Die Häuser sind unauffällig, mit ganz normalen Türschildern. Nirgendwo ist ein Schild: Dies ist ein Wohnheim der Frankfurter Werkgemeinschaft. Das wird von den Bewohnern sehr geschätzt.

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