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Zukunft des Nahverkehrs: RMV-Chef Knut Ringat: „Digitalisierung verändert die Mobilität“

Wegen seiner Digitalisierungsstrategie muss sich der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) mitunter scharfe Kritik anhören. Doch Geschäftsführer Knut Ringat geht den Weg in Richtung elektronisches Ticket unbeirrt weiter. Im Gespräch mit den FNP-Redakteuren Joachim Braun und Günter Murr kündigt er an, den umstrittenen Versuchstarif RMVsmart in diesem Sommer weiterzuentwickeln.
Das Smartphone ist für RMV-Geschäftsführer Knut Ringat der kleinste Fahrkartenautomat der Welt. Es steht im Zentrum seiner Überlegungen zur weiteren Digitalisierung des Nahverkehrs. Foto: Heike Lyding Das Smartphone ist für RMV-Geschäftsführer Knut Ringat der kleinste Fahrkartenautomat der Welt. Es steht im Zentrum seiner Überlegungen zur weiteren Digitalisierung des Nahverkehrs.

Wie lange wird es den Papierfahrschein noch geben?

KNUT RINGAT: Ich denke, den wird es schon noch eine gewisse Zeit geben. Wir werden zu Beginn des nächsten Jahres eine neue Generation Fahrkartenautomaten aufstellen. Die sollen eine Lebensdauer von etwa zehn Jahren haben. In diesem Zeitraum könnten wir dahin kommen, dass der Vertrieb nur noch elektronisch funktioniert. Wir gehen erst aber in eine hybride Welt, in der beide Systeme parallel existieren. Mit der Einführung des elektronischen Tickets sind unsere Kunden übrigens gut zurechtgekommen.

Zur Person: Straßenbahnfahrer führt den Verkehrsverbund

Knut Ringat weiß, wie man den öffentlichen Nahverkehr lenkt: 1979, der gebürtige Sachse war damals 19 Jahre alt, begann er in Dresden eine Ausbildung zum Straßenbahnfahrer.

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Welchen Vorteil haben die Fahrgäste von der Chipkarte?

RINGAT: Es handelt sich um einen sehr einfachen Zugang. Man muss nicht mehr jeden Monat sein Papierticket wechseln. Und wenn Sie dieses früher verloren haben, dann war das weg. Jetzt können Sie die Daten bei uns hinterlegen und wir stellen Ihnen dann sofort eine neue Karte aus. Es ist außerdem mit einem elektronischen Ticket leichter, eine gesamte Wegekette abzubilden – nicht nur innerhalb einer Stadt, sondern zum Beispiel auch die Fahrt von Berlin nach Nürnberg. So weit sind wir aber noch nicht ganz, haben aber schon erste Schritte zurückgelegt. Es gibt noch einen anderen Vorteil: Wir können damit das Problem Grau- und Schwarzfahren zurückdrängen. Es ist schier unmöglich, das elektronische Ticket zu fälschen. Und durch die Digitalisierung können wir noch bessere Angebote für unsere Fahrgäste schaffen.

Können Sie da mal ein Beispiel nennen?

RINGAT: Wir wissen durch die Rückmeldungen, dass unser 25 Jahre alter Tarif nicht mehr an jeder Stelle mit den heutigen Anforderungen übereinstimmt. Stichwort Tarifsprünge. Deshalb habe ich schon vor sieben, acht Jahren vom Aufsichtsrat den Auftrag bekommen, den Tarif zu modernisieren. Da das nicht mit einem „big bang“ geht, habe ich damals vorgeschlagen, das in Stufen zu machen. Es gibt zum Beispiel eine Offensive beim Job-Ticket. Zum 1. Januar werden wir zusätzlich über 100 000 Landesbedienstete dabei haben.

Was ist die nächste Etappe in Ihrem Stufenplan?

RINGAT: Eigentlich war die Einführung eines Entfernungstarifs vorgesehen. Aber wenn Sie an einem bestehenden System etwas ändern, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Wir haben uns im Verbund deshalb nicht einigen können. Aus dieser Situation heraus ist die Idee entstanden, dass wir den RMVsmart-Tarif als Handy-Ticket testen. Wir werden klassische Elemente des Tarifs noch lange beibehalten, nach und nach aber neue einführen. Es wird ähnlich sein wie in der Telekommunikation, wo es sehr individuelle Angebote gibt.

Wird es dann auch Angebote geben, bei denen die Einzelfahrt nicht unbedingt 2,90 Euro kostet, was ja viele abschreckt?

RINGAT: Selbstverständlich wird das passieren. Auf der anderen Seite kostet der öffentliche Nahverkehr natürlich Geld. Im RMV haben wir einen Kostendeckungsgrad von 56 Prozent, der ist uns vorgegeben. Deshalb müssen wir eine gewisse Tarifergiebigkeit haben. Beim RMVsmart-Tarif fahren die 15 000 Menschen, die das derzeit nutzen, im Schnitt fünf Prozent preiswerter als mit dem konventionellen Tarif.

Es gab ja gerade aus Frankfurt einige Kritik an RMVsmart.

RINGAT: Ganz viele Anmerkungen waren ja berechtigt. Einige Anregungen sind auch in die Weiterentwicklung eingearbeitet. Aber ich kann auch nicht verhindern, dass sich Kritiker grundsätzlich äußern, die weder die Entstehung des Pilotversuches nachvollzogen haben, noch bislang durch sonderliche Fachkenntnis aufgefallen sind. Einige haben auch schlichtweg übersehen, oder absichtlich vergessen, dass wir hier einen Pilotversuch machen und nicht alles über Nacht ändern. Da wurde viel Politik auf dem Rücken eines deutschlandweit einmaligen Tarifversuchs gemacht. Von einigen Politikern, die ja immer wieder Reformen des Tarifs fordern, hätte ich mir, wenn wir den Tarif reformieren, schon etwas mehr Mut und Weitsicht erhofft.

Sie spielen auch auf die Kritik von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling an? Wie gehen Sie damit um?

RINGAT: Herr Oesterling ist seit Jahrzehnten einer der profiliertesten Kenner des ÖPNV in Frankfurt. Gerade er weiß um die Anstrengungen und die Zeitabläufe, die die Reform eines Tarifsystem dauert. Es wäre schön gewesen, wenn er zuerst mit uns, statt in der Presse über uns geredet hätte. So haben die Kritiker weniger den RMVsmart verändert, als alte Wunden zwischen Frankfurt und dem Umland neu aufgemacht. So werden künftige Reformen nicht einfacher. Wir sind aber völlig gelassen. Unser Aufsichtsrat hat sich davon nicht beirren lassen und war nicht dafür, den Pilotversuch einzustellen. Nach dem Abschluss werden wir dann sehen, welche Erkenntnisse wir daraus für künftige Tarifmodelle gewinnen.

Die Kunden sparen fünf Prozent. Wieviel sparen Sie denn?

RINGAT: Bisher noch gar nichts. Wir geben eher mehr Geld aus, weil die Systeme parallel laufen.

Warum gibt es Monatskarten noch nicht als Handy-Ticket?

RINGAT: Die Fälschungssicherheit ist bisher noch nicht in dem Maße gegeben wie bei der Chipkarte. Wir sind aber in einer Entwicklung. Deshalb muss man seit kurzem beim elektronischen Ticket auf dem Handy seinen Namen hinterlegen und den Personalausweis dabei haben. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir auch beispielsweise Monatskarten anbieten. Wir sind aber auch dabei, andere Sicherheitsmerkmale zu entwickeln. Die können voraussichtlich Anfang nächsten Jahres in den Test gehen.

Wie geht es weiter bei RMVsmart?

RINGAT: Jetzt haben wir ein Jahr lang die Gelegenheitskunden beobachtet. In einer zweiten Etappe werden wir von Sommer an für Fahrgäste, die häufiger den öffentlichen Nahverkehr nutzen, ein Angebot machen. Im Jahr 2018 werden wir dann auch für unsere Stammkunden entsprechende Angebote testen.

Wie muss man sich das vorstellen?

RINGAT: Die nächste Stufe betrifft Kunden, die 5 bis 10 Mal im Monat den Nahverkehr nutzen. Wir werden Modelle anbieten, die ähnlich funktionieren wie die BahnCard: Man zahlt einen einmaligen Betrag und bekommt dann einen niedrigen Kilometerpreis. Dann wird es auch für die Fahrgäste aus Nieder-Eschbach ein günstigeres Angebot geben, als sie es heute gewohnt sind.

Viele Ihrer Kunden nutzen ja nicht nur den öffentlichen Nahverkehrs, sondern sind auch mit Leihautos oder Fahrrädern unterwegs. Welche Angebote machen Sie denen?

RINGAT: Über Wegeketten mit verschiedenen Verkehrsmitteln können wir heute schon auf dem Smartphone informieren. Nicht möglich ist aber bisher der einheitliche Bezahlvorgang. Wir brauchen dafür digitale Systeme mit geeigneten Schnittstellen.

Welche Rolle spielen Entwicklungen wie autonomes Fahren?

RINGAT: Wir machen uns natürlich Gedanken über die Angebote in der Fläche. Wir wissen, dass in den Landkreisen außerhalb des Ballungsraums immer weniger Menschen wohnen werden. Bis 2020 werden dort die Fahrgastzahlen um acht bis zehn Prozent sinken. Deshalb überlegen wir, wie wir die Mobilität in ländlichen Räumen effektiver gestalten. Wenn es autonome Fahrzeuge gibt, bei denen eine Viererkabine zwischen 10 000 und 20 000 Euro kostet, dann kann ich mir für einen Bus, der heute zwischen 300 000 und 400 000 Euro kostet, 30 oder 40 solche Fahrzeuge kaufen. Die kann ich sehr viel besser zum Einsatz bringen, nämlich immer dann, wenn es die Kunden wollen. Durch die Digitalisierung wird sich die Struktur der Mobilität verändern.

Warum stellt der RMV seine Fahrplandaten nicht Google zur Verfügung?

RINGAT: Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Google verarbeitet derzeit ausschließlich den Soll-Fahrplan. Wir haben aber in der Rhein-Main-Region in den kommenden Jahren enorm viele Baustellen. Deshalb gibt es fast täglich Fahrplanänderungen. Bei Google erfährt er das nicht. Wir wollen, dass die Daten stimmen, egal von wem sie der Kunde bekommt. Deshalb habe ich ein Pilotprojekt vorgeschlagen, bei dem wir erstmals Google die Online-Daten zur Verfügung stellen. Da sind wir in Gesprächen.

Wird es künftig möglich sein, mit der RMV-App auch Tickets in anderen Städten zu kaufen?

RINGAT: Dazu brauchen wir Schnittstellen. Ich habe als Vizepräsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen eine Vernetzungsinitiative in Deutschland angestoßen. Das nötige Hintergrundsystem haben wir beim RMV bereits entwickelt. Es zeigt, dass die Vernetzung verschiedener Verkehrsunternehmen auch in ganz Deutschland möglich ist. Wir arbeiten in unserer Branche bisher leider immer noch sehr kleinteilig. Es gibt aber ein Projekt Ipsi, in dem sich zehn große Regionen zusammengeschlossen haben. Ziel ist es, dass ich mit meiner RMV-App auch Tickets in Berlin oder Bochum kaufen kann.

Wird es irgendwann einmal die automatische Erfassung der Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen geben?

RINGAT: Wir haben dazu im vergangenen Jahr das Forschungsprojekt eSIM mit großem Erfolg abgeschlossen. Jetzt schließt sich ein vom Bundesverkehrsministerium gefördertes Anschlussprojekt, das nennt sich Eilo – Einsteigen und losfahren. Das läuft drei Jahre, und wird dabei die Schritte zur praktischen Umsetzung entwickeln. Ziel ist es, dass wir ab 2020 schrittweise ein solches Verfahren zusätzlich einführen. Mit welcher Technik die Kunden dann erfasst werden, wird sich dann entscheiden.

Warum gibt es beim RMV nicht so ein Angebot wie die Oyster Card in London, also eine Prepaid-Karte, von der der Fahrpreis je nach zurückgelegter Strecke abgebucht wird?

RINGAT: Das können Sie nur in einem geschlossenen System mit Schranken machen – das haben wir aber nicht. Es ist immer auch eine Frage der Investitionen. Die Holländer haben landesweit 15 Milliarden Euro in ein E-Ticket-System investiert. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt gibt für ganz Deutschland für drei Jahre 16 Millionen Euro und erwartet, dass wir 2019 flächendeckend das E-Ticket haben. Dazu muss ich, glaube ich, nichts mehr sagen.

Wie viel Geld wäre nötig?

RINGAT: Mein Vorschlag ist, alle Kräfte zu bündeln. Wir brauchen vom Bund über drei Jahre 100 Millionen Euro. Die Industrie wäre bereit, auch 100 Millionen Euro beizusteuern. Und die Verbünde würden auch 100 Millionen Euro geben. Dann könnten wir innerhalb von drei, vier Jahren ein flächendeckendes elektronisches Ticket für den gesamten öffentlichen Nahverkehr in Deutschland haben.

Können Sie damit zusätzliche Fahrgäste gewinnen?

RINGAT: Dazu gehört auch das Thema Infrastruktur. Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, müssen wir den Anteil des öffentlichen Nahverkehrs am gesamten Verkehr wenigstens verdoppeln. In den vergangenen zehn Jahren ist er im RMV-Gebiet von 20 auf 23 Prozent gestiegen. Wir bräuchten aber einen Anteil von 50 Prozent. Das geht nur mit neuer Infrastruktur. Dafür müssen Bund und Länder noch mehr Geld investieren. In Frankfurt reden wir zwar nicht über eine zweite Tunnelröhre wie in München, aber über einen S-Bahn-Ring rede ich schon.

Wie stellen Sie sich den vor?

RINGAT: Wir planen ja die Regionaltangente West – so etwas kann man sich auch im Osten vorstellen. Man kann sich auch S-Bahnen vorstellen, die von Offenbach zum Flughafen nicht durch den Tunnel fahren. Derzeit gibt das die Infrastruktur aber leider nicht her.

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