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Der Rote Faden - Folge 207: Rainer Hank: Der Streitlustige

Er studierte Theologie als Hauptfach, bis ihn der spätere Kurienkardinal Kasper aus seinem Tübinger Seminar rausgeschmissen hat. So ist Rainer Hank zur Germanistik gekommen und nahm dann noch einen Umweg. Nun, seit langen Jahren schon, leitet er die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dem 63-Jährigen widmen wir Folge 207 unserer Serie „Der rote Faden“, in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
Rainer Hank an der Bronzeskulptur vor dem F.A.Z.-Gebäude im Gallus. Foto: Salome Roessler Rainer Hank an der Bronzeskulptur vor dem F.A.Z.-Gebäude im Gallus.

Wir kennen uns, zugegeben, aus dem Hausflur. Rainer Hank wohnt, dieselbe Straße, das gleiche Haus, zwei Etagen unter uns, das nun schon seit einigen Jahren. Wir sehen uns häufig und grüßen uns herzlich, auch wenn wir gelegentlich um einen Parkplatz konkurrieren und leise fluchen, sobald wir das Auto des anderen, vor uns, in unsere kleine Straße einbiegen sehen, wohl wissend, dass der erste dem Hinterherfahrenden ziemlich sicher den wahrscheinlich mal wieder letzten Parkplatz wegschnappen wird. Trotzdem: Wir leihen uns Zwiebeln, auch Bücher und gelegentlich Eier, wir tauschen Rezepte (Rainer Hank kocht, was man nicht unbedingt vermuten würde, durchaus ordentlich).

Anfangs war mir der neue Nachbar etwas unheimlich: Wirtschaftsredakteur, und das noch beim Zentralorgan des deutschen Kapitals, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich war sehr skeptisch, denn Hank galt (und gilt ja noch) als Hardliner, als ein scharfer Hund. Und das ist keine üble Nachrede. Wirtschaftsliberale nennt man solche Leute. Meine Einschätzung ist geblieben. Doch meine Skepsis ist gewichen. Aus guten Gründen, nicht nur, weil er im Laufe der Jahre immer bekannter geworden ist. Im Gegenteil, weil man mit ihm gut streiten kann. Wir streiten gerne, beide, und stören uns nicht, wie beispielsweise unsere Frauen, an der Lautstärke des anderen. Hank kann gut austeilen, aber, das macht es angenehm, auch einstecken. Halt, auch in dieser Hinsicht, ein sportlicher Typ. Figürlich ebenso, schlank und drahtig, tatsächlich ein (Freizeit-)Sportler, den man regelmäßig mit den entsprechenden Utensilien, Sporttasche, auf dem Weg zu den entsprechenden Aktivitäten beobachten kann. Wann immer er kann, geht er, der in wenigen Tagen 64 Jahre alt wird, auch wandern, mit seiner Frau, oft auch noch mit Freunden.

In einer aktuellen Umfrage der Zeitschrift „Cicero“ nach den fünfhundert bedeutendsten Gestalten des gegenwärtigen Deutschland rangiert der Wirtschaftsjournalist und Leiter des Wirtschafts- und Finanzteils der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf einem beachtlichen Mittelplatz. In der Zeitschrift „medium“, einem Magazin für Journalisten, wird er bei den Wirtschaftsberichterstattern an zweiter Stelle genannt, mit der Begründung: „Ihm gelingt der Spagat zwischen intellektuellem Anspruch und Verständlichkeit.“ Der Mann kann formulieren. Klar denken kann er auch. Das heißt, er arbeitet zwar als Journalist, aber bleibt ein Intellektueller. Längst hat sich eingelesen, kennt die Geschichte seiner Zunft, die Klassiker, ist auf der Höhe der gegenwärtigen Diskussion(en). Dabei sind die (wirtschafts-)politischen Positionen, die er, oft ziemlich kämpferisch, vertritt, nun wirklich nicht jedermanns Sache. (Und meine schon einmal gar nicht.)

Hier zahlt sich ein Privileg aus, über das seine Generation (als letzte) noch verfügen konnte. In einem Interview mit der Schülerzeitung seines alten Gymnasiums sagt der gebürtige Stuttgarter: „Ich habe mir den Luxus erlaubt, erst einmal das zu studieren, was mich interessierte.“ Nämlich: Theologie, Philosophie, Germanistik. Das Cusanuswerk, das hochbegabte, allerdings ausschließlich katholische Studenten großzügig förderte, hat ihm dabei geholfen, sich breites Wissen und eine imponierende Bildung, offenbar ohne jeden Zeitdruck, zu erwerben. Das Gegenteil der damals noch verachteten Fachidioten, die heute massenhaft in den Universitäten produziert werden.

Hank hat ziemlich eigene Ansichten entwickeln können, die oft abseits vom Mainstream liegen. In den einschlägigen Sendungen von Funk und Fernsehen kann man ihn darum regelmäßig erleben. Er ist in allen Talkshows gern gesehener Gast. Vom „Presseclub“ bis hin zu „Anne Will“. Und sogar (Nein-Sagen scheint nicht seine Stärke) in der „Heute Show“ von Oliver Welke. Dabei hatte er doch, wenn ich das als unverbesserlicher und unbelehrbarer Altlinker mal ganz offen sagen darf, sooo gut angefangen. Ehrlich. In seinem wirklich schönen Erinnerungsbuch „Links, wo das Herz schlägt“, vor gut einem Jahr erschienen, bekennt er nämlich ganz freimütig: „Schließlich waren wir“, und er meint damit sich und seine Schulkameraden, die das Abitur hinter sich und ein Studium ohne klare Berufsvorstellungen vor sich hatten, „schließlich waren wir damals links. Wer links war, suchte eine bessere Welt. Irgendwie.“ Dafür muss man sich ja auch heute noch nicht schämen, obwohl einige seiner Kollegen das sicher anders sehen.

Ehrgeizig war er allerdings auch und, zudem, katholisch. Auch wirklich ein bisschen aufmüpfig dazu. Außerdem, wie angedeutet, auffallend gescheit. Der Student Rainer Hank aus Stuttgart.

Kritisches Denken war damals, Ende der siebziger Jahre, an der Tübinger Universität, wo er vor allem studiert und später auch seinen Doktor gemacht hat, noch keineswegs verpönt. Hier lehrten berühmte Gelehrte, die Philosophen Walter Schulz und Ernst Bloch, der Marxist. Und Hans Mayer, der linke Literaturwissenschaftler, Walter Jens, der Hansdampf in allen Gassen, kluge Leute allesamt, die man heute als Spitzenkräfte bezeichnet. Zudem noch das Beste, was die Theologie zu bieten hatte. Etwa der Schweizer Dogmatiker Hans Küng, mit schwerer Zunge und flüssigem Stil, der Joseph Ratzinger, den späteren Papst, nach Tübingen holte, und sein Schüler Walter Kasper, der später zu einem der mächtigsten Männer der katholischen Kirche überhaupt werden sollte, nämlich Kurienkardinal in Rom.

Rainer Hank wollte damals bei ihm promovieren. In einer Veranstaltung dieses Theologen wagten plötzlich zwei Studenten, darunter unser Hank, den Professor zu unterbrechen, um eine Frage zu stellen. Und zwar nach dem Entzug der Lehrerlaubnis für Prof. Küng durch die katholische Kirche. Küng hatte in seinem Buch „Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit“, 1979, tatsächlich gewagt, das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit in Frage zu stellen. Der unfehlbare Papst, es war Johannes Paul II., ließ ihm deshalb die „kirchliche Lehrbefugnis“ entziehen. Das schlug damals, weit über Tübingen hinaus, hohe Wellen.

Dass linke, oder sagen wir es vorsichtiger, nachdenkliche katholische Studenten wissen wollten, was da zwischen Rom und Tübingen los war, mag jedem Heidenkind verständlich erscheinen. Nur, das konnte Hank damals lernen, Zivilcourage, kritische Fragen, gar Widerspruch war im Rahmen der römisch-katholischen Lehre (noch) nicht vorgesehen. Der Klerus hatte da seine eigenen Vorstellungen.

Der Student Rainer Hank wurde darum alsbald in die Sprechstunde des Professors zitiert, wo ihn die spätere Eminenz wissen ließ, dass er sich eine Promotion bei ihm, als Doktorvater, aus dem Kopf schlagen könne. Hank heute dazu: „Damals war es schon eine Kränkung. Aus heutiger Sicht finde ich, dass der Rauswurf ein Segen für mich war.“

Der Schock saß tief. Der junge Mann musste sich neu sortieren. Doch bald wurde ihm klar: das ist kein Beinbruch. Denn, so schreibt er in seinen Erinnerungen, in den siebziger und selbst noch in den frühen achtziger Jahren musste man sich als junger Mensch wirklich noch keine Gedanken um seine Zukunft machen. Da wird sich, so dachte man damals, schon was finden.

Und es fand sich was. Erst einmal ein neuer Doktorvater, und zwar bei den Germanisten. Und dann auch ein Thema, so abseitig, dass sich die vorhandene Sekundärliteratur und damit der erforderliche Arbeitsaufwand in überschaubaren Grenzen hielt. Mitnichten ein Ausweis von Faulheit, sondern, im Gegenteil, eine strategisch kluge Entscheidung. Wer, zum Beispiel, etwas Neues über Thomas Mann schreiben will, muss sich durch Berge von Sekundärliteratur wälzen und hat dennoch kaum eine Chance. Wer sich einen eher unbekannten Autor sucht, kann durch die Analyse sogar noch ein neues Licht auf dessen Umgebung werfen. „Ich habe mich lustvoll durch die Wiener Jahrhundertwende hindurchgelesen, von Sigmund Freud und Adolf Loos bis hin zu den jungen Wienern.“

Und weil Hank immer auch wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, also auch von theoretischen Interessen geleitet war, hat er dabei einiges gelernt.

Eilig war die Sache ja ohnehin nicht. Denn die Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk, bei der er, wie schon gesagt, untergekommen war, hat ihm, ohne jemals zu drängen, erst das Studium, dann die Promotion und schließlich auch noch Forschungsaufenthalte in New York finanziert. Das, wie es offiziell heißt, „interdisziplinär angelegte Bildungsprogramm“ dieser segensreichen Einrichtung zielte mehr in die Breite und war nicht auf Kürze und Schnelligkeit aus. So war er immerhin stolze dreißig Jahre alt, als er endlich sein Ziel erreicht hatte: Rainer Hank, Dr. phil. Und mit seinem Doktortitel stand er nun da, und zwar auf der Straße. Die Universitäten waren dicht. Germanisten, ob promoviert oder nicht, blieben Exoten auf dem Arbeitsmarkt, weder für den Seehandel noch für den Tiefbau wirklich zu gebrauchen.

Hank ließ sich nicht entmutigen, las jetzt aber vorrangig Stellenanzeigen und sah, dass ausgerechnet sein Cusanuswerk einen Referenten suchte, der Projekte zu betreuen, Tagungen zu organisieren hatte etc. Er bewarb sich. Er wurde genommen. Fünf Jahre arbeitete er in Bonn, für diese Stiftung, aber vermutlich irgendwie auch für sich, denn er konnte Fortbildungsveranstaltungen organisieren, bei denen er selbst vielleicht das meiste lernte. Mit seinen Worten: „Im Cusanuswerk habe ich Seminare zu politischen, juristischen oder philosophischen Themen für Stipendiaten veranstaltet und mich selbst dabei auch weitergebildet.“

Zugleich konnte er sich auf diese Weise ein kleines Netzwerk schaffen. Offenbar tat er es auch. Nach fünf Jahren, einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung, dort hat er, nach eigener Aussage, das „journalistische Handwerk“ gelernt, heuerte er bei der F.A.Z. an, zunächst wieder als Praktikant, im – das lag bei seiner Vorbildung nahe – Feuilleton. Man ging streng mit ihm um. Er lernte erst einmal, was er alles nicht konnte, zum Beispiel eine gescheite Überschrift bauen. Aber er schrieb auch. Und schrieb. Und schrieb. Zum Beispiel über die wirtschaftlichen Bedingungen der sogenannten Publikumsverlage. Eines Tages stand ein Wirtschaftsredakteur der Zeitung auf dem Flur des Feuilletons. Normalerweise wurden solche Ressortgrenzen bei dieser „Zeitung für Deutschland“ nicht überschritten. Hank weiß bis heute nicht, ob sein Wechsel gezielte Abwerbung oder doch nur ein Zufall war. Um es kurz zu machen: der studierte Theologe und promovierte Germanist fand sich plötzlich wieder als festangestellter Wirtschaftsredakteur der F.A.Z. Ein ökonomisches Lehrbuch, ich glaube den „Samuelson“ hat man dem Jungredakteur mit auf seinen neuen beruflichen Weg gegeben. Er wusste damals, sagt er heute, wirklich noch nicht, „dass der F.A.Z.-Wirtschaftsteil bei Freund und Feind einen Ruf wie Donnerhall hatte.“ Und mit Artikeln, die „das Lob der Ungleichheit“ verkünden, leistet er seinen Beitrag dazu, dass dieser Ruf erhalten bleibt.

Dort, im Wirtschaftsresort der F.A.Z., hat er sich, wie man in der Branche sagt, kontinuierlich hochgeschrieben. Selbst gestandene Ökonomen halten Rainer Hank für einen der Ihren. Nur etwas gebildeter. Er gilt (was für mich immer noch wie ein Schimpfwort klingt) als einer der profiliertesten deutschen Wirtschaftsliberalen. Und entsprechend stolz verkündet er auch: „Ich fühle mich pudelwohl, wenn ich einen Gegner habe. Und ich kämpfe dafür, den Linken ihr Monopol auf Gerechtigkeit streitig zu machen.“ (Mich erinnert diese hehre Absicht an Don Quichottes ehrenhaften Kampf gegen die Windmühlen, die der spanische Rittersmann ebenfalls für einen, allerdings „vielarmigen“, Gegner hielt. Darüber werden wir demnächst wieder im Hausflur sprechen.)

Rainer Hank ist gut sortiert. Sein Schreibtisch zu Hause sieht mehr nach Ausstellungsstück als nach Arbeitsplatz aus. Den in der Redaktion kenne ich nicht, vermute aber, er wird ähnlich aussehen. Aufgeräumt, praktisch leer. Auch das ist, scheint mir, ökonomisch. Was nicht gebraucht wird, muss weg. Er ist nüchtern. Und überlegt. Das heißt: er denkt ökonomisch. Seltsamerweise berühren sich hier die beiden Grundströmungen seines Lebens. Hanks Herkunft aus den Geisteswissenschaften, in der Wiener Moderne nannte Adolf Loos einmal das Ornament „ein Verbrechen“. Von hier aus führt ein breiter Weg in die Ökonomie.

Es war Heinrich Heine, der einmal weitsichtig geschrieben hatte: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Keine hundert Jahre später ist Heines Befürchtung eingetroffen. Vielleicht deshalb durchzuckt es mich immer, wenn ich in unserer Mülltonne (der Papiertonne) Bücher sehe, von Hank weggeworfen. Für ihn nur konsequent. Er denkt eben ökonomisch. Keiner will die Bücher haben. Er braucht sie nicht mehr. Sie nehmen nur Platz weg. Während wir in unseren Büchern ersticken, sieht es bei den Hanks immer aufgeräumt aus, in den Regalen ist noch Platz, alles ist ordentlich, funktional und trotzdem gemütlich. (Weil wir dieses Beispiel im eigenen Haus haben, kriege ich regelmäßig Krach mit meiner Frau. „Guck mal, der kann das doch auch.“ Und weil Hank auch wahrlich Einiges vorzuweisen hat, habe ich die schlechten Karten. Da bin ich dann schon mal ein bisschen sauer auf ihn.)

In der Regel einmal pro Jahr nutzt Hank gesammelte freie Tage und einen Teil seines Urlaubs und zieht sich, meist an den Bodensee, zurück, um ein Buch zu schreiben. Sein bisheriges Werk füllt unterdessen ein kleines Regal. Wirtschaftliche Analysen, bissige Streitschriften, wirtschaftspolitische Überlegungen. Immer starke Meinungen. Immer gut begründet. (Obwohl es oft auch gute Gegenargumente gibt.) Darüber wird dann im Hausflur diskutiert.

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