Frankfurter Neue Presse, Frankfurt
Ran ans Mikrofon
von Benni Kilb
Achtklässler der Schwanthalerschule produzieren einen Radiobeitrag über das Thema Freundschaft
Achtklässler der Sachsenhäuser Schwanthalerschule lernen drei Tage lang, wie sie Radio machen können, und produzieren einen Beitrag über das Thema Freundschaft. Bald möchten sie sich damit bei einem Wettbewerb gegen andere Schüler aus Hessen durchsetzen.
Sachsenhausen. 

„Da sind noch zu lange Pausen. Außerdem gehört die Musik ganz nach vorne und nach hinten, aber nicht in die Mitte“, findet Manzour (15). Seine Klassenkameraden nicken ab, ein Mitschüler passt die Pegel an. Manzour hat Gespür für die richtige Mischung aus Interviews, Ab- und Anmoderation und Musik entwickelt. Auch wenn er sich erst seit drei Tagen mit dem Handwerk beschäftigt.

Vertrauen und Loyalität

Gemeinsam mit seinen Mitschülern der Klasse 8b der Sachsenhäuser Schwanthalerschule hat Manzour einen Tag zuvor Interviews mit Passanten rund um die Schule geführt und Umfragen gemacht. Nun schneidet die Klasse 8b die Aufnahmen mit einem Notebook zu einem siebenminütigen Radiobeitrag zusammen.

Über das Thema des Beitrags hatte die Klasse zuvor abstimmen lassen. Um Aspekte ihrer eigenen Lebenswelten sollte es gehen. „Kriminalität und Werbung standen unter anderem zur Auswahl, auch Spielsucht“, berichtet Manzour, „letztlich haben wir uns aber für das Thema Freundschaft entschieden.“

Wie die Medienpädagogin Alia Pagin, die das Radioprojekt der Schüler im Auftrag der Stiftung Zuhören des Hessischen Rundfunks betreute, erklärt, ist die Themenwahl durch die Schüler einer der wichtigsten Faktoren des Projektes „Hessen hören - So klingt meine Welt!“: „Ansonsten macht es keinen Sinn, dass sich Schüler mit ihrer Lebenswelt beschäftigen. So werden sie in ihrem Anliegen ernst genommen und steigern ihre Selbstwertgefühle. Dies fehlt oft im regulären Schulalltag.“

Die Passanten wurden schließlich gefragt, was ihnen Freundschaft bedeutet, und wie sie den oft dehnbaren Begriff definieren. „Vertrauen und Loyalität nannten die meisten als wichtigste Faktoren, und dass man für den anderen da ist, wenn es einem schlecht geht“, berichtet Berfin (15), die einmal Moderatorin bei RTL werden möchte und nach dem Radio-Workshop noch mehr Lust darauf bekommen hat.

Ein Interview jedoch stimmte die Schüler besonders nachdenklich - das mit Schulleiter Reinhold Dallendörfer. „Er erklärte uns, dass Facebook-Freunde keine wahren Freunde sind. Man könne nicht 1000 Freunde haben“, sagt Manzour, der daraufhin gleich 30 Personen aus seiner Freundesliste tilgte. Für Berfin war Dallendörfers Meinung ebenfalls Anlass, genauer über Facebook-Freunde nachzudenken: „Wenn es die Eltern sagen, nimmt man das nicht so ernst. In diesem Fall schon eher.“

In die Praxis umsetzen

Aus Sicht von Alia Pagin ist dies ein positiver Nebeneffekt ihrer Arbeit. Am meisten freut sie sich jedoch darüber, dass die Schüler auf der Straße umgesetzt haben, was sie ihnen zuvor in der Theorie erklärt hat. „Bei den Umfragen und Interviews ist es oft so, dass die Schüler im Unterricht eine Riesenklappe haben, draußen dann aber Berührungsängste zeigen. Umso schöner ist es, wenn man an der Körpersprache ablesen kann, wie die Schüler sich in ihren Rollen einfinden“, freut sich Pagin. Sie gibt den Schülern zudem mit auf den Weg, mit Charme und ohne Konfrontation zu agieren, auch wenn Passanten mal unfreundlich sind.

Pagin geht es außerdem darum, dass sich die Achtklässler reflektiv mit dem Thema Medien auseinandersetzen: „Denn noch immer ist jenes Fach nicht im Unterricht verankert.“ Wichtig dabei sei, die Schüler auf den Unterschied zwischen Meinungsmache und seriöser Berichterstattung aufmerksam zu machen. „Die Kommentar-Funktion bei Facebook kennen alle. Dabei handelt es sich jedoch immer nur um die eigene Meinung“, so Pagin.

Auch zahlreiche andere Jugendliche aus Hessen im Alter von 14 bis 17 Jahren haben sich mit Radiobeiträgen über ihre Lebenswelten am Projekt „Hessen hören - So klingt meine Welt!“ beteiligt. Auf dem 53. Hessentag in der nordhessischen Stadt Kassel werden die Hörstücke am 14. Juni 2013 der Öffentlichkeit präsentiert. Die besten Beiträge werden zudem prämiert. Der Hessische Rundfunk wird in der hr2-Radiosendung „Kulturszene Hessen“ außerdem über das Projekt „Hessen hören - So klingt meine Welt!“ berichten. Auf der akustischen Hessenkarte unter www.hessen-hoeren.de werden alle Audiobeiträge veröffentlicht.

Artikel vom 13.05.2013, 00:00 Uhr (letzte Änderung 22.08.2017, 21:29 Uhr)
Artikel: http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Ran-ans-Mikrofon;art675,513852