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Frankfurter Straßenrap: Rap ohne Sexismus: So wehren sich Abdel und Alpay gegen Vorurteile

Von Ein Jugendclub in der Nordweststadt geht in Sachen Sozialarbeit neue Wege. Die Pädagogen begegnen den Jugendlichen auf Augenhöhe und mithilfe ihrer Lieblingsmusik. Rap verleiht ihnen einen Stimme, die sonst nicht gehört wird.
Foto: ror

Wenn Abdel und Alpay durch die Nordweststadt laufen, kann es passieren, dass sie schräg angeguckt werden. Regelmäßig geraten sie in Polizeikontrollen. Beide sind Deutsche, ihre Eltern sind es nicht. Das reicht schon. „Ich bin der typische Kanake für die!“, sagt Alpay. Der große Typ mit der blauen Trainingsjacke lacht dabei, aber eigentlich findet er das verletzend. Den 21-Jährigen macht das wütend und auch verzweifelt. 

Keine Durchschnittsdeutschen

„Ich möchte eigentlich nur so behandelt werden, wie die sie behandeln“, sagt er und meint damit den Durchschnittsdeutschen. Helle Haut, deutsche Eltern. Oftmals sind junge Erwachsene mit Migrationsgeschichte, also mit Eltern, die in einem anderen Land geboren wurden, eingezwängt: zwischen den Erwartungen der Eltern, die hohe Ansprüche an ihre Kinder stellen und einer Gesellschaft, die ihnen mit einer Grundskepsis begegnet.

„Nafri“, „Flüchtling“ – alles schon tausendmal gehört, sagen beide. Sie begegnen dieser ungerechten Realität mit Rap und das könnte bald Schule in ganz Deutschland machen. 

Straffällig gewordene Minderjährige (l-r 14, 13 und 15 Jahre alt) stehen auf einem Balkon in einem Wohnheim für auffällige Kinder und Jugendliche in Brandenburg. Foto: Patrick Pleul/dpa (zu dpa-Story: Wenn Kinder ihre Eltern schlagen vom 08.12.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
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Ihr Sohn brüllt beim Zocken dauernd AMK? Sie denken bei einem Brett nur an Holz? Wenn jemand "Haddi" sagt, antworten Sie "Gesundheit"? Dann sprechen Sie nicht mehr die Sprache, die junge Menschen zwischen Frankfurt und Offenbach heute sprechen. Zeit für eine Nachhilfestunde.

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„Es  braucht eine soziale Arbeit, die den jungen Deutschen mit Migrationsgeschichte auf Augenhöhe begegnet“, sagt Tarik Moufid. Der 36-Jährige ist Sozialarbeiter im Jugendclub an der Thomas-Mann-Straße. Der Club wird von Junularo betrieben, einem Jugendhilfeträger, der in der ganzen Stadt Angebote für Jugendliche anbietet.

Leidvolle Erfahrung

Tarik Moufid weiß aus leidvoller Erfahrung, wie es ist, diskriminiert zu werden. Auch er  gerät regelmäßig in Polizeikontrollen und kennt das Gefühl, wenn Menschen ihn in ein Klischee pressen wollen. Bei ihm müssen Abdel und Alpay nicht erzählen, wie es ihnen in ihrem Alltag geht.

Er weiß es auch so. Und es macht seine pädagogische Arbeit, vor allem in der strukturell problematischen Nordweststadt, sehr viel einfacher. „Er hat einen ganz anderen Zugang“, sagt Barbara Weichler, Geschäftsführerin des Vereins.  Nur so könne sich gemeinsam etwas gestalten lassen.

Die Kraft der Worte

Abdel und Alpay haben von Tarik gelernt, dem Frust nicht mit der Faust zu begegnen, sondern mit der Kraft der Worte. In den durchaus derben Texten geht es um Perspektivlosigkeit, Gewalt und Angst. Eben die Realität der Jungs. „Probleme werden nach vorne geschoben“, sagt Abdel. Das sei eines der großen Themen, die die jungen Erwachsenen in der Nordweststadt hätten. Und das bedeute im Umkehrschluss, dass sich die Probleme irgendwann zu einem Berg anstauen würden, der nur mit Drogen ausgeblendet werden könne. 

Tarik Moufid sagt, es bliebe ihnen eigentlich kaum eine Wahl, als philosophisch auf ihre Lebenssituation zu blicken. Beide seien schon mit der Polizei in Konflikt geraten. Die Gesellschaft, zu der sie eigentlich von Geburt an dazugehören, habe keinen Platz für sie, ergänzt Feldermann.  Seit vielen Jahren kommen beide in den Jugendclub an der Thomas-Mann-Straße. Dort gibt es einen Platz und dort arbeiten sie mit Tarik an ihren Texten. 

Zugangs zur Lebenswirklichkeit

Und auch die pädagogische Forschung hat Deutschrap als wichtiges Element der sozialen Arbeit entdeckt. Denn er ermöglicht Sozialarbeitern, die zum großen Teil aus einem ganz anderen gesellschaftlichen Milieu stammen, einen Zugang in eine Lebenswirklichkeit zu erhalten, die sie sonst nur aus der universitären Theorie kennen. „Durch Deutschrap  haben die Jugendlichen die Möglichkeit, selbst eine Perspektive auf ihre Lebenswirklichkeit beizusteuern“, erklärt Katrin Feldermann.

Fachtagung zum Frankfurter Straßenrap

Auf dem Podium werden Rapper, Akademiker und Jugendliche gemeinsam diskutieren.

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Sie bildet an der Hochschule Heidelberg angehende Sozialarbeiter aus und schwört auf Deutschrap als Element der sozialen Arbeit. In ihren Seminaren lässt sie die Studierenden die Texte von Abdel und Alpay analysieren. „Meinen Studierenden macht diese Textarbeit erst klar, in was für einer Wirklichkeit die Jugendlichen leben.“ Ihre Studierenden hat sie auch schon in den Jugendclub mitgenommen. Einmal wurden sie sogar Zeuge einer Polizeirazzia.

Nun möchte Feldermann ihre eigenen positiven Erfahrungen bei einer Fachtagung präsentieren. „Wir möchten allerdings nicht, wie oft üblich, über die Jugendlichen diskutieren, sondern mit ihnen“, sagt die Pädagogin. Zu diesem Zweck hat sie auch die bundesweit bekannten Rapper Animus und Vega aber auch die beiden Nachwuchstalente Abdel und Alpay zu der Tagung eingeladen.

Kein Seximus kein Antisemitismus

Auch Sexismus und Antisemitismus im Deutschrap werden bei der Konferenz ein Thema sein. Kein Wunder, schließlich sorgen die Texte von den Deutschrappern Kollegah und Farid Bang aktuell für jede Menge Negativschlagzeilen. Dazu haben die beiden Jungs aus der Nordweststadt eine klare Meinung. „Das würde unserer Erziehung widersprechen“, sagen sie. Beide haben jüngere Geschwister, denen sie ein Vorbild sein möchten. Bevor sie so Rap wie von Farid Bang und Kollegah hören würden, würden sie lieber ausländische Musik hören, sagen sie. „Da verstehen wir die Texte wenigstens nicht!“

 

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