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Stuckdecke kommt aus Sachsen: Renaissance-Comic in „Goldener Waage“

Von Die „Goldene Waage“ neben dem Dom war das prunkvollste Gebäude der Frankfurter Altstadt. Dessen Rekonstruktion als Teil der neuen Altstadt kostet allein rund acht Millionen Euro. Experten aus Sachsen liefern die prächtige Stuckdecke.
Architekt Jochem Jourdan erläutert die Bildtafeln der Stuckdecke. Foto: Wygoda Architekt Jochem Jourdan erläutert die Bildtafeln der Stuckdecke.
Frankfurt. 

Wurde in Büchern Frankfurts Bedeutung beschworen, gehörte die „Goldene Waage“ stets zu den besten Beispielen für den Reichtum der Main-Stadt. So steht es in einem Band aus der Serie der „Deutschen Bücher“: „Vom Reichtum Alt-Frankfurts zeugt das Kurfürstenzimmer im Römer und die ,Große Stube’ in der Altstadt“.

Welches Kleinod sich einst an der Decke dieser „Stube“ befand, zeigte sich, als sich der Architekt der Rekonstruktion der „Goldenen Waage“, Jochem Jourdan, vor drei Jahren an die Recherche machte, um die Decke ebenso exakt nacharbeiten zu lassen wie das gesamte Haus. Dass diese Rekonstruierung sich als besonders schwierig erwies, lag nicht zuletzt daran, dass es nur zwei Fotos gab, die die etwa 40 Quadratmeter große Stuckdecke zeigen. Doch keines gibt Aufschluss über ihre gesamte Ausdehnung.

„Einmalige Sache“

Schließlich waren es alte, unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos, anhand derer die frühere Farbigkeit des Stucks mühevoll „herausgelesen“ werden musste. Jourdan stieß in Fachaufsätzen auf die Kölner Expertin Barbara Rinn-Kupka, die sich mit Stuckdecken der Renaissance beschäftigt. Sie kennt die Ornamentik und Beispiele für deren Farbigkeit. Sie ist angetan von der Rekonstruktion: „Was in der ,Goldenen Waage’ wieder zu sehen sein wird, ist nördlich des Mains einmalig.“ Der Gewürzhändler Abraham von Hameln, der als Glaubensflüchtling aus den spanischen Niederlanden nach Frankfurt kam, habe damals zwischen 1616 und 1619 an der Schnittstelle zwischen dem Süden und dem Norden ein wichtiges Beispiel für farblich gefassten Stuck in Auftrag gegeben. Er ließ sich von biblischen Geschichten rund um seinen Namensvetter Abraham inspirieren. Auch die Tobias-Geschichte aus dem Alten Testament wird erzählt.

Ideen der Renaissance

Doch nicht nur die relativ unbekannte Farbigkeit des Stucks erschwert die Rekonstruktion, auch die Aufnahmen von der Decke mit ihren vielfältigen Ornamente sind nur bedingt hilfreich. „Ich versuchte mich anhand der vorliegenden hochaufgelösten Fotos der Deckenteile in die Ideenwelt der Renaissance einzuarbeiten“, erläutert denn auch Jan Kretschmar. Der Bildhauer steht in der großen Werkhalle der Firma „Fuchs + Girke Bau- und Denkmalpflege“ in Ottendorf-Okrilla bei Dresden. Der Künstler schätzt die Komplexität der Arbeit an dem ungewöhnlichen Stück historischer Nacharbeitung, muss er doch Details der Stuckdecke gleichsam anhand der Bilderwelt der Renaissance neu erfinden. Seine Interpretation will er so zeitgemäß wie möglich gestalten. So schafft er sich, bevor er an die Ausarbeitung geht, „anhand der Zeichnungen ein eigenes inneres Bild in meinem Kopf“, erläutert er.

Aufwendig ist auch die Rekonstruktion etlicher Einzelteile wie Obst, Vögel, Affenköpfe, Ranken oder Schmucksteine, die später wie Diamanten strahlen sollen. Was vor 400 Jahren Handwerker von einem Gerüst direkt unter der Decke im ersten Stock der „Goldenen Waage“ modellierten, wird heute bequem im Stehen oder auf dem Hallenboden erledigt. Kretschmar und sein Kollege Janusz Kopec modellieren Reliefteile aus Ton, erstellen davon Silikonkautschukmodelle und gießen diese in Gips.

In einer anderen Halle ist ein Teil der Stuckdecke bereits so zusammengefügt worden, wie er später in der „Goldenen Waage“ an die Decke geschraubt wird. Es sind große, ovale Bilder mit biblischen Motiven aus dem Leben Abrahams und die Geschichte des Tobias. „Diese Bilder sind wie Comics“, erläutert Jochem Jourdan „sie zeigen auf einem Bild viele verschiedene Vorgänge, die zu der Geschichte gehören“. Jedes Ornament habe seine eigene, wichtige Bedeutung.

Vögel mit dunklen Pupillen

Rinn-Kupka erläutert, wie die Deckenteile später farbig gefasst werden: „Grau ist der Grundton, damit andere Farben einen Kontrast bilden können. Wenn wir die Pupillen der Vögel schwarz ausmalen, scheint es, als würden sie den Betrachter ansehen. Die Vögel bekommen rote Schnäbel, die Diamanten werden golden bemalt“. Die Fachleute in Sachsen arbeiten noch bis Juli an den Details. Dann werden die Einzelteile nach Frankfurt transportiert und an der Decke im ersten Stock und im Erdgeschoss, wo später ein Café eingerichtet werden wird, befestigt und bemalt.

Inzwischen sind in Jourdans Büro bereits die nächsten Skizzen für die Türen der „Goldenen Waage“ angekommen. Jede wird mit Holzschnitzereien verziert. Und auch diese sollen so original wie irgend möglich gestaltet werden.

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