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Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts im Interview: René Gottschalk: "Impfgegner erreichen wir nicht"

Künftig sollen Kindertagesstätten jene Eltern bei den Behörden anschwärzen, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Wer sich einer Beratung entzieht, muss mit bis zu 2500 Euro Strafe rechnen. Ist das sinnvoll oder nicht? FNP-Redakteurin Stefanie Liedtke hat darüber mit Professor Dr. Dr. René Gottschalk gesprochen, dem Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts.
„Erkrankt ein Kind an einer gefährlichen Infektionskrankheit, die mit einer Schutzimpfung hätte verhindert werden können, ist das fahrlässige Körperverletzung“, sagt Prof. Dr. Dr. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamts. Foto: Salome Roessler „Erkrankt ein Kind an einer gefährlichen Infektionskrankheit, die mit einer Schutzimpfung hätte verhindert werden können, ist das fahrlässige Körperverletzung“, sagt Prof. Dr. Dr. René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamts.

Herr Gottschalk, der Gesetzgeber will Eltern künftig zur Impfberatung zwingen. Bringt das überhaupt etwas?

PROF. DR. DR. RENÉ GOTTSCHALK: Man muss die Bürger in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe erachtet Impfen für sinnvoll und lässt sich und ihre Kinder impfen. Zur zweiten Gruppe gehören jene, die vielleicht ein bisschen vergesslich oder auch skeptisch sind und die schon mal eine Impfung auslassen. Die dritte Gruppe sind die echten Impfgegner. Die Vergesslichen und die Skeptischen, die erreichen wir. Sie sind zum Großteil einsichtig und holen versäumte Impfungen nach.

Und die Impfgegner?

GOTTSCHALK: Echte Impfgegner erreichen wir nicht. Da können wir noch so massive Maßnahmen androhen. Das bringt nichts. Wir konzentrieren uns deshalb mit unseren Bemühungen auf alle anderen, aber nicht auf die Impfgegner. Das ist vergebene Liebesmüh.

Der Gesetzgeber möchte sie dennoch zur Zwangsberatung verdonnern.

GOTTSCHALK: Das stimmt. Aber was haben wir dann für ein Instrument? Auf einmal sind Kita und Gesundheitsamt Aufsichtsbehörden und sollen Geldbußen verhängen. Das entspricht nicht unserem Selbstverständnis. Ein Amt wie das meine hat nicht die Absicht, die Leute zu gängeln. Es ist auch nicht praktikabel. Wer soll sich denn darum kümmern, das Geld einzutreiben? Da verwenden wir unsere Zeit lieber darauf, Impfkampagnen zu machen und damit die aufzuklären, die für uns erreichbar sind.

Laut Gesetz haben Sie seit zwei Jahren die Möglichkeit, Bußgelder gegen Impfmuffel zu verhängen. Ist das in Frankfurt denn jemals praktiziert worden?

GOTTSCHALK: Nein.

Wie viele Familien in Frankfurt sind von dem neuen Gesetz betroffen?

GOTTSCHALK: Nehmen wir einmal die Masernschutzimpfung als Beispiel. Bei den Schuleingangsuntersuchungen stellen wir fest, dass drei bis fünf Prozent der Kinder gar nicht gegen Masern geimpft sind. Mehr als zehn Prozent fehlt die notwendige zweite Impfung. Das sind also schon einige.

Umgekehrt heißt das: Neun von zehn Kindern verfügen über den kompletten Impfschutz. Warum reicht das nicht?

GOTTSCHALK: Um einen Ausbruch zu verhindern, brauchen wir bei Masern eine Durchimpfung von 96 Prozent. Damit schützen wir auch jene, die etwa wegen einer Immunschwäche nicht geimpft werden können. Kinder, die sich in einer Leukämiebehandlung befinden zum Beispiel.

In den USA dürfen ungeimpfte Kinder nicht zur Schule gehen. Wäre das auch für Deutschland eine Lösung?

GOTTSCHALK: In Amerika heißt es: „No shot, no school.“ (Keine Impfung, keine Schule.) In Deutschland wäre das nicht möglich, weil wir dann zwei widerstreitende Gesetze hätten. Schließlich besteht hierzulande Schulpflicht.

Aber vom Kita-Besuch könnte man die Kinder ausschließen. . .

GOTTSCHALK: Das ist richtig. Aber es gibt genügend alternative Kindertagesstätten, die diese Kinder immer aufnehmen würden. Anthroposophische Einrichtungen zum Beispiel. Am einfachsten wäre eine Pflichtimpfung für ausgewählte Krankheiten. Die Pocken konnten auf diese Weise weltweit ausgerottet werden.

Also befürworten Sie eine Impfpflicht?

GOTTSCHALK: Aus medizinischer Sicht ist eine Impfpflicht der einfachste Weg, um gefährliche Infektionskrankheiten wie die Masern auszurotten. Es geht nur so. Ob das politisch gewollt ist oder nicht, müssen andere entscheiden.

Was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht? Warum können Eltern nicht einfach selbst entscheiden, ob sie ihr Kind impfen lassen oder nicht?

GOTTSCHALK: Wenn Impfgegner meinen, sie müssten sich selbst nicht impfen lassen, ist das eine Sache. Eine andere ist es, wenn sie ihre Kinder nicht impfen lassen. Erkrankt das Kind dann an einer gefährlichen Infektionskrankheit, die mit einer Schutzimpfung hätte verhindert werden können, ist das meiner Ansicht nach fahrlässige Körperverletzung, gegebenenfalls mit Todesfolge.

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