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Interview zu Schlaf: Frühaufsteher oder Nachteule?: Schlaf-Forscher erklärt, warum Schüler unter frühem Schulbeginn leiden

Wenn heute die Schule wieder beginnt, quälen sich in der ganzen Stadt müde Teenager aus den Betten. Die meisten können nichts dafür, dass sie morgens nicht auf Touren kommen – es hat mit ihrer inneren Uhr zu tun. Was diese mit den Jugendlichen macht und wie man sie vielleicht doch überlisten kann, darüber hat sich Redakteurin Stefanie Liedtke mit dem Chronobiologen Prof. Dr. Horst-Werner Korf unterhalten.
Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf, Direktor des Dr. Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts. Foto: Heike Lyding Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf, Direktor des Dr. Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts.

Herr Prof. Korf, was hat sich Mutter Natur nur dabei gedacht, dass sie die einen zu Frühaufstehern, die anderen zu Nachtschwärmern gemacht hat?

PROF. HORST-WERNER KORF: Schauen Sie sich mal frühere Gesellschaften an: Dort gab es diejenigen, die das Land bestellten. Sie standen mit dem ersten Sonnenstrahl auf und verließen die Felder, wenn es dunkel wurde. Das sind die klassischen Frühaufsteher oder die Lerchen, wie wir sie nennen. Auf der anderen Seite brauchte es aber auch Jäger, deren Haupttätigkeit eher in den Nachtstunden lag. Für den Jäger war es sicher hilfreich, wenn er zu den Eulen gehörte und bis in die späte Nacht fit war.

Lerche oder Eule – was sind Sie?

KORF: Ich bin eine Eule, ganz klar.

Dann dürften Sie ein Lied davon singen können, dass die Anforderungen der modernen Arbeitswelt heute andere sind als damals, als es noch Feldarbeiter und Jäger gab. . .

KORF: Tatsächlich ist der Rhythmus, den die Gesellschaft uns heute vorgibt, eher jener der Lerche. Für die meisten beginnt der Arbeitstag recht früh. Es gibt nur wenige, die sich nicht anpassen müssen: Freiberufliche, Dichter und Denker haben das Privileg, dass sie ihren Rhythmus von dem der Gesellschaft abkoppeln können, aber das ist nur eine geringe Minderheit.

Lebt diese Minderheit gesünder?

KORF: Grundsätzlich ist der Einklang von inneren und äußeren Rhythmen ein Merkmal von Gesundheit. Wenn es zu einem Auseinanderdriften von Außenzeit und Innenzeit kommt, schränkt das unser Wohlbefinden ein.

Ist es es denn tatsächlich nur unser Wohlbefinden, das beeinträchtigt wird?

KORF: Nein. Wenn der eigene und der soziale Rhythmus zu stark auseinanderdriften, kommt es zu einem Schlafentzug. Dieses Schlafdefizit führt dazu, dass unsere Leistungsfähigkeit geringer wird.

Das heißt doch im Umkehrschluss, Arbeitgeber täten gut daran, den beruflichen Alltag – wo immer möglich – flexibel zu gestalten, damit ihre Mitarbeiter leistungsfähiger sind?

KORF: Oftmals ist das aufgrund von Produktionsabläufen und anderen Zwängen nicht möglich. Aber man muss schon darüber nachdenken, ob Vorgaben inhaltlich gerechtfertigt sind oder ob sie nur einer gewissen Tradition folgen nach dem Motto ,Das haben wir schon immer so gemacht.‘ Hier sollte man prüfen, ob man die Arbeitsabläufe nicht dergestalt optimieren kann, dass sie besser an das Zeitgefühl des einzelnen Mitarbeiters angepasst sind. Denkbar wäre ja etwa, dass Lerchen eher die Frühschicht übernehmen und Eulen eher die Spätschicht. Aber dem Ganzen sind auch noch andere Grenzen gesetzt.

FNP-Redakteurin Stefanie Liedtke im Gespräch mit Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf. Bild-Zoom Foto: Heike Lyding
FNP-Redakteurin Stefanie Liedtke im Gespräch mit Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf.

Welche sind das denn?

KORF: Jemand, der Schulkinder hat, muss sich ja nicht nur dem Rhythmus im Job, sondern auch dem Rhythmus der Schule anpassen. Eine Eule, die immer die Spätschicht übernimmt, hat sonst am Nachmittag nicht so viel Zeit für ihre Kinder. Aber grundsätzlich wäre es natürlich wünschenswert, wenn wir den Arbeitsalltag insgesamt flexibler gestalten könnten.

Die Unterrichtszeiten in der Schule sind ein Thema für sich. Wie beurteilen Sie als Chronobiologe es, dass die meisten Kinder morgens früh um acht auf ihrem Stuhl im Klassenraum sitzen und zuhören müssen?

KORF: Das ist in der Tat problematisch, vor allem während der Pubertät, denn der Chronotyp des Menschen wandelt sich im Laufe des Lebens. Die meisten Kleinkinder und jüngeren Kinder sind Lerchen. Das weiß jeder, der Kinder hat. Während der Pubertät ändert sich das und die späteren Chronotypen entwickeln sich. Da wird aus mancher Lerche eine Eule mit immer späteren Einschlafzeiten. Dieser Wandel von der Lerche zur Eule betrifft zwar beide Geschlechter, allerdings sind die Mädchen nicht ganz so späte Chronotypen wie die Jungen.

Das heißt, Jungen leiden besonders unter dem frühen Schulbeginn?

KORF: Ja. Bei unserem im internationalen Vergleich besonders frühen Schulanfang zwischen 7.30 und 8 Uhr kommen die männlichen Eulen mit einem erheblichen Schlafdefizit in die Schule. In den ersten Schulstunden erreichen sie sicherlich nicht ihre maximale Leistungsfähigkeit.

Schneiden sie deshalb verglichen mit den Mädchen schlechter ab?

KORF: Ja, diese Vermutung liegt nahe.

In Frankfurt haben manche Jugendliche einen weiten Schulweg und sind schon vor Schulbeginn eine Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Was macht das mit den Jugendlichen?

KORF: Das verschärft natürlich das Schlafdefizit. Wir brauchen aber ausreichend Schlaf, um leistungsfähig zu sein. Wenn man mal eine Nacht wenig oder schlecht geschlafen hat, wirkt sich das nur auf die Leistung am nächsten Tag aus. Hat man aber ein chronisches Schlafdefizit, ist die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit dauerhaft reduziert. Der Schlaf dient ja nicht nur der Erholung. Er spielt auch eine sehr große Rolle bei der Konsolidierung des Gedächtnisses, das heißt für unsere Fähigkeit, uns Dinge merken zu können.

Das heißt, die Jugendlichen haben nicht nur Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, sondern sie behalten sich das, was sie davon mitbekommen, auch noch schlechter?

KORF: Genau. Dabei könnte man das ganz leicht ausgleichen, wenn der Schulunterricht eine Stunde später beginnen würde, zumindest, was die Oberstufe angeht.

Er war ein aufmüpfiger Student

Es begann mit der frechen Frage eines Studenten: Was denn ein Anatomie-Professor überhaupt so macht, wenn er nicht unterrichtet – schließlich sei die Anatomie des Menschen doch allmählich hinlänglich bekannt.

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Das wird seit Jahren immer wieder diskutiert. Warum ändert sich nichts?

KORF: Die Beharrungskräfte sind da offensichtlich besonders stark. Es gibt einige wenige Schulen, die mittlerweile einen späteren Unterrichtsbeginn praktizieren. Hier muss man sehen, ob sich die Leistungen der Oberstufenschüler verbessern werden. In England läuft dazu aktuell eine große Studie: Bei einer Versuchsgruppe beginnt der Unterricht ganz normal, bei der anderen fängt er eine Stunde später an. Nach einem Jahr wird geschaut, wer die besseren Leistungen erzielt. Ich gehe davon aus, dass ein späterer Schulanfang gerade für die männlichen Schüler einen erheblichen Vorteil bringen wird.

Wann wird eine Eule denn müde?

KORF: Das Spektrum ist relativ groß. Manche Eulen gehen, wenn sie es sich aussuchen können, erst gegen vier oder fünf Uhr morgens ins Bett und stehen dann um elf oder zwölf Uhr am Mittag auf. Ich glaube, dass die meisten Eulen erst weit nach Mitternacht ihren Müdigkeitspegel erreichen.

Gibt es ebenso viele Eulen wie Lerchen?

KORF: Der Großteil der Bevölkerung ist ein indifferenter Chronotyp. Diesen Typ haben wir, um im Vogelbild zu bleiben, Goldammer genannt. Die Goldammer ist der Mittagsvogel, also die goldene Mitte. Dann haben wir am einen Ende der Gaußschen Verteilungskurve die frühen Typen, am anderen Ende die späten. Wenn wir uns jetzt aber eine jugendliche Gruppe angucken, überwiegen dort die Eulen, während wir in dieser Gruppe relativ wenige Lerchen finden.

Ändert sich das nach der Pubertät noch mal?

KORF: Ja, und auch im späteren Verlauf des Lebens kann es noch einmal zu Verschiebungen kommen. Da wird manche Eule wieder zur Lerche. Bei älteren Menschen überwiegen die frühen Chronotypen.

Wie kommt es, dass sich die innere Uhr im Laufe des Lebens mehrfach neu stellt? Ist das hormonell bedingt?

KORF: Was genau den Chronotypen bestimmt, ist nicht hundertprozentig geklärt. Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass die Dynamik des Dunkelheithormons Melatonin ausschlaggebend ist. Erreicht der Melatoninspiegel erst sehr spät seinen Höhepunkt, so war die Annahme, könnte daraus ein später Chronotyp resultieren.

Das klingt plausibel. . .

KORF: Ja und nein. Wenn wir bei Mäusen die Rezeptoren für Melatonin ausschalten, hat das keine Auswirkung auf die Entwicklung des Chronotyps. Andererseits gibt es zahlreiche weitere Faktoren, die eine Rolle spielen könnten. Die Körpertemperatur etwa oder das Wachhormon Cortisol. Da müssen wir noch sehr viel forschen.

Kann man die innere Uhr irgendwie austricksen? Und wenn ja: Wie?

KORF: Austricksen nicht, aber man kann sie beeinflussen. Der wichtigste Zeitgeber für die innere Uhr ist das Licht aus unserer Umgebung. Die blauen Lichtanteile im Tageslicht sind ein besonders intensiver Stellreiz.

Das heißt: Je mehr blaues Licht umso wacher?

KORF: Ja. Wenn wir uns jetzt die jugendliche Eule ansehen, die bis weit nach Mitternacht vor einem Laptop oder einem Smartphone sitzt, das sehr, sehr viel blaues Licht ausstrahlt, setzt sich diese Eule zusätzlich zu ihrem späten Chronotyp noch einem weiteren äußeren Weckreiz aus. Die Bildschirmindustrie hat darauf mittlerweile reagiert und das Farbspektrum der Geräte angepasst, so dass man bei neueren Modellen auf ein Licht mit höheren Rotanteilen umschalten kann.

Licht kann uns also vom Schlafen abhalten. Kann es uns denn auch wach machen?

KORF: Ja, man kann sich das durchaus zunutze machen, etwa indem man für die Beleuchtung von Klassenzimmern Licht mit höherem Blauanteil auswählt, um so einen Weckreiz zu schaffen. Das gilt gerade für die dunklere Jahreszeit.

Wie sieht es mit diesen Weckern aus, die einem den Sonnenaufgang vorgaukeln? Fällt damit das Aufstehen tatsächlich leichter?

KORF: Ich würde schon sagen. Wenn der Wecker die Morgendämmerung nachahmt und das Licht nach und nach immer heller wird, fällt es sicherlich vielen Menschen leichter aufzustehen.

Gibt es noch andere Wachmacher? Kaffee zum Beispiel?

KORF: Eulen, die eine starke Verschiebung ihres Rhythmus’ zwischen Arbeitswoche und Wochenende erleben, nehmen deutlich mehr Koffein zu sich. Sie rauchen übrigens auch häufiger. Aber auch die Nahrungsaufnahme spielt eine Rolle. Sie ist ein wichtiger Zeitgeber, also ein Reiz aus der Umwelt, der in der Lage ist, unsere innere Uhr zu verstellen.

Das heißt, den Mitternachtssnack sollte man sich besser verkneifen?

KORF: Eine Nahrungsaufnahme jenseits unseres normalen Rhythmus’ ist zumindest hinderlich.

Jetzt haben wir ganz viel über die Nachteile gesprochen, die das Eulendasein mit sich bringt. Hat es eigentlich auch Vorteile?

KORF: Naja, die Lerchen haben einen sehr stabilen Rhythmus, die Eulen eher nicht. Das hat für die Eulen den Vorteil, dass sie sich schneller an neue Bedingungen anpassen können. Wenn sich die Umweltreize rasch verändern, ist die Eule anpassungsfähiger. Eine der größten Herausforderung für das Rhythmussystem ist die Schichtarbeit. Damit kommen Eulen deutlich besser zurecht. Studien zeigen, dass bei Schichtarbeitern der Anteil der Eulen auffällig hoch ist.

Kann man die innere Uhr trainieren, indem man sagt: Okay, ich gehe auch am Wochenende zeitig ins Bett und stehe zeitig auf. Oder bleibt eine Eule eine Eule?

KORF: Es macht überhaupt keinen Sinn, dass sich eine Eule um 21 Uhr ins Bett legt. Sie wird nicht vor Mitternacht einschlafen. Das kann man nicht erzwingen. Das System ist relativ stabil.

Wann geht die Korf-Eule ins Bett?

KORF: Ich gehe nie vor Mitternacht ins Bett, meistens zwischen ein und zwei Uhr morgens.

Und morgens tun Sie sich dann schwer?

KORF: Wenn ich so kann, wie ich will, schlafe ich bis 8 Uhr, 8.30 Uhr, aber auch wir hier in der Medizinischen Fakultät sind an die Lerchengesellschaft angepasst. Dem muss auch ich mich beugen.

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