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Schließung ist die einzige Lösung

Der Sachsenhäuser Unfallchirurg Jochen Krauß hat im Dezember seine Stelle in der Flughafen-Klinik Frankfurt gekündigt. Er könne seine Tätigkeit als Notarzt am Flughafen nach der Eröffnung der neuen Landebahn nicht mehr mit seinem "ärztlichen Ethos" vereinbaren. FNP-Mitarbeiter Dominik Meier hat den Chirurgen in seiner Praxis getroffen und mit ihm über seine Motive und seinen Kampf gegen den Lärm gesprochen.
Der Unfallchirurg Jochen Krauß in seiner Sachsenhäuser Praxis.	Foto: Weis Der Unfallchirurg Jochen Krauß in seiner Sachsenhäuser Praxis. Foto: Weis
Frankfurt. 

JOCHEN KRAUSS: Ich wollte damit ein Zeichen setzen, dass man unabhängig sein und auch einem Arbeitgeber kündigen kann. Es war für mich nicht mehr mit meinem Ethos vereinbar, für eine Firma tätig zu sein, die im Süden von Frankfurt Flugzeuge über Grundschulen fliegen lässt. Das Schlimmste habe ich gerade von einer Pfarrerin aus Niederrad gehört: Sie konnte eine Beerdigung nicht durchführen, weil sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden hat. Nicht mal auf dem Friedhof herrscht Stille, weil im 90-Sekunden-Takt die Flieger darüber donnern.

Was bedeutet die Kündigung für Sie aus beruflicher Sicht?

KRAUSS: Ich muss fairerweise sagen, dass ich hauptberuflich eine chirurgische Praxis in Sachsenhausen betreibe und die Stelle in der Flughafenklinik für mich nur ein Zusatzjob war. Ich hab dort ein-, zweimal im Monat im Bereitschaftsdienst als leitender Notarzt gearbeitet. Trotzdem wäre es noch viel Geld gewesen, wenn ich bis zu meiner Pensionierung in zwölf Jahren weitergemacht hätte.

Welche gesundheitlichen Schäden können durch Lärm entstehen?

KRAUSS: Es gibt dazu Studien von Professor Kaltenbach, dem früheren Ordinarius für Innere Medizin von der Frankfurter Uniklinik. Auf den Punkt gebracht, besagt die Studie: Lärm macht krank, Fluglärm insbesondere, weil er von oben kommt und dadurch verstärkt Fluchtreflexe auslöst. Das führt zu erhöhtem Blutdruck und zu Schlafstörungen. Und Flugzeuge haben einen hohen Schadstoffausstoß. All das trifft besonders Menschen, die an bestimmte Orte gebunden sind: Kinder in den Schulen und Kitas und Alte in den Alten- und Pflegeheimen, die nicht weg können.

Haben Sie deswegen in Ihrer Kündigung an die Fraport besonders die Kitas und Grundschulen hervorgehoben?

KRAUSS: Ja, natürlich. Ich kann mich artikulieren und meinem Unmut Ausdruck verleihen. Das können Kinder nicht. Aber es sind auch Patienten von uns, die sagen, dass sie es gut finden, dass wir für sie rausgehen und protestieren, weil sie zu alt oder zu schwach sind, oder weil sie sich nicht trauen. Diese Reaktionen erleben wir sehr oft. Gerade hier in Sachsenhausen.

In welcher Bürgerinitiative sind Sie aktiv?

KRAUSS: Ich bin in der Bürgerinitiative "In Eintracht gegen Fluglärm" aus Niederrad. Das ist eine sehr gut vernetzte und parteipolitisch völlig unabhängige Initiative, die sich kurz nach der Eröffnung der neuen Landebahn gegründet hat.

Wie waren denn die Reaktionen Ihrer ehemaligen Kollegen in der Flughafenklinik?

KRAUSS: Ich hab eine formlose Bestätigung der Kündigung bekommen und sonst niemanden mehr gesprochen.

Wissen Sie, ob andere Angestellte aus der Flughafenklinik Ihrem Vorbild gefolgt sind?

KRAUSS: Nein, das hat sonst keiner gemacht. Man muss aber auch bedenken, dass die anderen Kollegen zum Teil dort hauptamtlich arbeiten und darauf angewiesen sind.

Die Lärmbelastung am Flughafen gab es ja auch schon vor der Eröffnung der neuen Landebahn. Wann haben sie gesagt: "Es reicht"?

KRAUSS: Vorher ist der Flughafen gewissermaßen langsam und organisch gewachsen. Natürlich gab es einzelne Gemeinden, die überproportional belastet waren, wie Neu-Isenburg West oder Raunheim. Durch diese neue Landebahn, die den gesamten Frankfurter Süden verlärmt, hat sich aber qualitativ einiges verändert. Denken Sie an den Stadtwald am Goetheturm, an den Scheerwald, an den Wäldchestag. Dass die Stadt Frankfurt bereit ist, einen Teil ihres Stadtgebietes zu opfern, ist unglaublich.

Was hätte die Stadt ihrer Meinung nach tun sollen?

KRAUSS: Es gibt bei diesem Problem kein Richtig oder Falsch, oder ein Dafür oder Dagegen. Wenn man das erlebt, stellt man einfach fest: Das geht nicht. Deswegen laden wir auch Politiker zu uns nach Hause nach Niederrad ein. Wenn die eine Stunde da sind, sagen sie: "Das ist ja unerträglich."

Sehen Sie eine Möglichkeit, einen Kompromiss zwischen Befürwortern und Gegnern des Flughafenausbaus zu finden?

KRAUSS: Es gibt keinen Kompromiss zwischen Lärm und weniger Lärm. Letztendlich bleibt nur die Stilllegung der Bahn. Das spüren viele, auch an den entscheidenden Stellen. Aber sie trauen sich noch nicht und denken sich, dass sie die Millioneninvestition abschreiben müssen, oder dass sie sich vielleicht noch ein anderes Konzept überlegen könnten. Das Problem ist, dass es nicht nachlassen wird.

Am 18. Januar hat Volker Bouffier Vertreter der Bürgerinitiativen zum Treffen eingeladen. Was denken Sie, wird dabei herauskommen?

KRAUSS: Das Treffen wurde noch mal neu organisiert, weil es jetzt über das Bündnis der Bürgerinitiativen läuft, das mittlerweile über 80 Initiativen vertritt. Eine Delegation dieses Bündnisses wird mit Herrn Bouffier sprechen. Von seiner Seite ist nichts zu erwarten. Aber er kann etwas von uns erwarten, nämlich die Botschaft, dass dieser Widerstand nicht ab-, sondern zunehmen wird. Die einzige Lösung ist die Stilllegung der Landebahn Nordwest und das absolute Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr.

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