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Wahlbeteiligung: Schlusslicht Griesheim: "Vergessen und verloren"

Von Zweimal nacheinander war Griesheim Schlusslicht. In keinem anderen Frankfurter Stadtteil gingen bei den Bundestagswahlen 2009 und 2013 so wenige Menschen an die Urne. Wahlbeteiligung: knapp 57 Prozent. Warum ist das so?
"No Future" steht auf einem Tor in der Griesheimer Ahornstraße. Der Spruch passt zur Misere vieler Menschen hier. Foto: Ben Kilb "No Future" steht auf einem Tor in der Griesheimer Ahornstraße. Der Spruch passt zur Misere vieler Menschen hier.
Frankfurt. 

Täglich geht Alfred M. in Griesheim-Mitte spazieren, und was er da sieht, gefällt ihm nicht. Gerade bleibt er wieder stehen, atmet tief durch, weil er sich in Rage zu reden droht, und hackt mit dem Zeigefinger am ausgestreckten Arm in die Luft. „Wo man hinschaut: Missstände“, sagt er. Hier Abfall, da matschige Wege, und in der Nacht haben Unbekannte wieder mehrere Haufen Sperrmüll abgelegt. Gerade schaut und deutet Alfred M. zur Berthold-Otto-Schule in der Kiefernstraße und macht ein gequältes Gesicht.

Wie es einem Viertel geht und ob die Politik sich kümmert oder nicht, mag man am Zustand der Grundschule ermessen. In Griesheim-Mitte zwischen der Mainzer Landstraße und der Bahntrasse wohnen überwiegend Familien mit wenig Geld, mit wenig Bildung, viele leben am Rande der Existenznot, Menschen ohne Lobby. Der Anblick der Berthold-Otto-Schule verwundert da nicht wirklich.

ARCHIV - Die Langzeitbelichtung vom 17.01.2017 zeigt Leuchtspuren von PKW und LKW auf der Autobahn A2 an der Ausfahrt Lehrte in der Region Hannover (Niedersachsen). (zu "Schulz will Pkw-Maut als Kanzler abschaffen" vom 24.08.2017) Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Bundestagswahl Ticket in die Zukunft: Utopien spielten im Wahlkampf ...

Technisch, kleinteilig, unverbindlich - im Wahlkampf wurden Sachthemen verhandelt, keine Gesellschaftsmodelle. Dabei ist es allerhöchste Zeit, auf Sinnsuche zu gehen. Der Stimmzettel am Sonntag katapultiert uns ins Jahr 2021. Ein Essay.

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Die Gebäude sind schmutzig, die Fensterrahmen könnten einen Anstrich gebrauchen. Auf dem Pausenhof stehen Bauzäune, seit zwei Jahren gehen die Arbeiten dort schleppend voran. Es gibt zu wenig Spielgeräte, und geht eines kaputt, wird es ersatzlos abgebaut. Übers Wochenende bleiben die Fenster gekippt, um den Muff zu vertreiben, Feuchtigkeit sitzt in den Wänden. Schulleiterin Ingrid König beklagt all das unermüdlich. Eine Grundsanierung hat die Stadt abgelehnt. Alles nicht so schlimm, hieß es. „Unfassbar“, sagt Ingrid König. Alfred M. sagt: „Im Westend hätten die schon längst was gemacht.“

Alfred M. heißt nicht wirklich so, er möchte nicht, dass man ihn in der Zeitung erkennt, „ich will keinen Ärger mit den Leuten“, sagt er. Man könnte ihn auch einfach den Griesheimer Bürger nennen, das würde passen. „Vergessen.“ „Vernachlässigt.“ „Verloren.“ Das sind die Worte, die nicht nur Alfred M. zu Griesheim einfallen. Von der Politik erwartet er schon seit langem nichts mehr.

Engagiert: Quartiersmanager Abdessalam Azzahidi. Bild-Zoom
Engagiert: Quartiersmanager Abdessalam Azzahidi.

Demokratie? Wahlen? Bürgerwille? Man läuft sich die Hacken ab, bevor man einen Griesheimer Nichtwähler trifft, der dazu mehr sagt als „Interessiert mich nicht“ oder „Was soll das bringen?“. Alfred M. sagt mehr. Zum Beispiel, dass er noch nicht weiß, ob er am Sonntag wählt. Immerhin, er überlegt noch. Nun haben die Griesheimer Missstände zwar eher mit Kommunalpolitik zu tun. Aber Römer und Bundestag, „wer macht da noch einen Unterschied?“, fragt Alfred M. Bei den Kommunalwahlen 2016 gab nicht mal jeder dritte Griesheimer seine Stimme ab, bei den Bundestagswahlen 2009 und 2013 kam Griesheim – fast 24 000 Einwohner, 40 Prozent Ausländer – nur auf 57 und 56,8 Prozent Wahlbeteiligung. Schlusslicht in Frankfurt. Warum das so ist, darum soll es in dieser Geschichte gehen. „Ich weiß, warum“, sagt Alfred M.: „Die Leute hier fühlen sich verarscht.“

Seit bald einem halben Jahrhundert lebt der Arbeiter in Griesheim, sein Sohn ist auf die Berthold-Otto-Schule gegangen. In den 80er Jahren war das. „Damals fing es an, dass Griesheim-Mitte zum Brennpunkt gemacht worden ist“, sagt Alfred M. Die Blütezeit der zur Ortshistorie gehörenden Industrie – Messer Griesheim, Hoechst – neigte sich dem Ende zu, Arbeiter verließen die Siedlungen links und rechts der Mainzer Landstraße. In die Wohnungen in Mitte kamen Familien, die man woanders nicht haben wollte. „Störerblocks“ nannte die Stadt diese Viertel hinter vorgehaltener Hand. Die Zeiten, in denen Jugendbanden aus der Ahorn- und der Kiefernstraße die Nachbarn terrorisierten und sich blutige Kämpfe lieferten, sind zwar längst vorbei. Eine Art geflügeltes Wort hat sich aber seither in Griesheim gehalten. Alfred M. sagt es so: „Wenn du ein Problem hast, schieb’s einfach ab nach Griesheim.“

Symbolbild
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„So kann man das sehen“, sagt Doris Michel-Himstedt, 67, die stellvertretende Vorsitzende des SPD-Ortsverbands. Im ehemaligen Hotel Anna in der Lärchenstraße hat die Stadt vor drei Jahren Flüchtlinge untergebracht, um die 80 Menschen, quasi von einem Tag auf den anderen. „Wir sind vorher gar nicht informiert worden“, sagt Michel-Himstedt. Vor Jahresfrist sind plötzlich am Ende der Akazienstraße in zu Wohnhäusern umgebauten Bürogebäuden Mieter aus anderen Stadtteilen einquartiert worden, Mieter, die woanders nicht mehr gewollt wurden, weil sie nicht mehr zahlen konnten, weil sie Ärger gemacht haben. So genau hat das niemand erfahren. „Da darf man sich nicht wundern, wenn die Menschen sich von der Politik im Stich gelassen fühlen“, sagt Michel-Himstedt. Stadtteilpolitikern wie ihr geht es ja selbst so.

Vor der Griechischen Schule in Griesheim-Süd steht sie, der Wahlbezirk 541-01 hat da sein Lokal. Nur 25 Prozent gingen dort 2013 an die Urne, was das schlechte Abschneiden Griesheims ein bisschen relativiert: Zum Wahlbezirk gehört ein Arbeiterwohnheim; etwas mehr als 1000 Männer, vorwiegend aus Osteuropa, waren und sind dort gemeldet, erstaunlich viele hätten einen deutschen Pass, sagt Michel-Himstedt. Sie weiß das, weil sie im Wahlvorstand sitzt.

Besorgt: Doris Michel-Himstedt von der SPD. Bild-Zoom
Besorgt: Doris Michel-Himstedt von der SPD.

In einer Arbeiterfamilie im Gallus wuchs Doris Michel-Himstedt auf. Da lernte sie, wie wichtig es ist, für sich und andere zu kämpfen. In Griesheim lebt und engagiert sie sich seit 30 Jahren. Da hat sie gelernt, wie schwierig es ist, für Leute zu kämpfen, an die man nicht rankommt. 32 Prozent hat die SPD in Griesheim bei den Bundestagswahlen 2013 geholt, immerhin fast sieben Prozentpunkte mehr als im ganzen Land. Aber der Nimbus in der einstigen Arbeiter-Hochburg bröckelt. Mehr Gerechtigkeit, mehr Bildungschancen, mehr Solidarität: Die SPD dringt mit ihren Schlagworten nicht bis zu den Schichten durch, die sie betreffen, schon gar nicht zu den bildungsfernen. Wie auch? Nicht nur in Griesheim schotten die sich ab. Wahlkampf läuft da ins Leere.

Viel versucht haben die Griesheimer Sozialdemokraten nicht; wie bald überall scheint die Zeit der Feste und Straßenkampagnen passé. Vorm Rewe bauten sie einmal einen Stand auf, dreimal verteilten sie Flyer, Plakate wurden gehängt. Für mehr fehlt’s an Personal. „Alles in allem war’s eher mau“, sagt Birgit Puttendörfer, die Vorsitzende des SPD-Ortsverbands. „Die Resonanz war entsprechend.“ Es klingt, als entmutigten sich Bürger und Politik gegenseitig.

„Man darf nicht zu viel auf einmal erwarten“, sagt Sozialarbeiter Abdessalam Azzahidi, der 37. Quartiersmanager. In sein Nachbarschaftsbüro in der Waldschulstraße, Träger ist der Internationale Bund, kann man durch eine weite Fensterfront schauen. Einladend soll das wirken für jene, die sich sonst in solche Einrichtungen nicht trauen. Von der Angst vor Institutionen erzählt Azzahidi, vom Nicht-Verstehen demokratischer Prozesse. Er spricht nicht allein von Migranten mit oder ohne deutschen Pass. Er spricht allgemein von Leuten, die nie gelernt hätten, sich zu organisieren, sich zu kümmern. „Das betrifft auch Deutsche.“ Gemeinsinn und Hilfe zu Selbsthilfe: Das wollen sie im Rahmen des Frankfurter Programms „Aktive Nachbarschaft“ vermitteln. „Mittlerweile machen da viele gut mit“, sagt Azzahidi, „aber viele andere fügen sich nach wie vor ungern in verbindliche Strukturen.“

ARCHIV - Plakate unterschiedlicher Parteien bestimmen am 18.08.2017 in Berlin das Bild in den Straßen Kreuzbergs. Vor der Bundestagswahl in vier Wochen kämpfen die Parteien in Brandenburg gegen die Zerstörungswut. (zu "Plakatierungswellen gegen Zerstörer" vom 26.08.2017) Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
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Sie hatten Wahlkampf versprochen, Merkel und Schulz. Offenes Gefecht wenigstens. Was die Kontrahenten ums Kanzleramt dann aufführen, ist trist. Vor allem aber hat es sehr wenig zu tun mit dem normalen Leben. Ein Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern.

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Griesheim ist äußerlich kein verwahrloster, kein unfriedlicher Stadtteil. Griesheim ist nicht Berlin-Hellersdorf. Aber die Verwahrlosung und der Unfriede hinter den Fassaden sind doch sichtbar, die Kinder tragen die Miseren nach draußen in die Kindertagesstätten, in die Berthold-Otto-Schule, zum Verein Arche, der sich allein um 200 Kinder und Jugendliche kümmert, ihnen ein Frühstück gibt, ein warmes Mittagessen, Wertschätzung.

„In vielen Familien wird die Perspektivlosigkeit an die Kinder weitergegeben“, sagt Quartiersmanager Azzahidi. Er formuliert solche Befunde mit Vorsicht, bloß keine Ressentiments bedienen. Früher machte die NPD hier Stimmung und Karriere, die Republikaner sitzen im Ortsbeirat. Gegen das Trennende setzt das Quartiersmanagement Feste, Treffen, das gängige Repertoire, mit dem Sozialarbeiter Menschen miteinander ins Gespräch bringen wollen. Im Sommer haben sie bei einem Fest einen „Baum der Wünsche“ aufgestellt, die Leute konnten sie auf Zettel schreiben und dranhängen. „Mehr Feste“, stand da. „Mehr Geschäfte.“ „Mehr Sauberkeit.“ „Ein Aufzug für die Bahnunterführung.“

Die Bahnunterführung am tristen Bahnhof ist ein Symbol, auf das sich alle Griesheimer einigen können. Ein Symbol für Ignoranz. Wer von Griesheim-Mitte nach -Süd oder umgekehrt möchte, muss Treppen steigen. Für alte Menschen ist das beschwerlich, im Winter, wenn die Nässe gefriert, nicht ungefährlich. Der versprochene Aufzug lässt seit Jahren auf sich warten: Planungsverfahren, Unwägbarkeiten, Unfähigkeiten. Das Übliche.

Entspannt: Markus Wagner von der CDU. Bild-Zoom
Entspannt: Markus Wagner von der CDU.

Im Süden der Bahnunterführung, im alten Ortskern, wohnen die, denen es besser geht: alteingesessenes Kleinbürgertum, junge Familien, auch bei Studenten steht das Viertel mit seinen alten Häusern und engen Straßen hoch im Kurs. In 20 Minuten ist man mit S- und U-Bahn an der Uni. Markus Wagners Familie hat den Wandel des Ortskerns miterlebt, seit er ein Bauerndorf war. Seit Generationen lebt sie in Süd, in der Straße Alt-Griesheim steht ihr Haus, Markus Wagner blickt auf den Main. Sein Vater Peter, im Juni ist er gestorben, war eine Institution. CDU-Vorsitzender, lange in der Stadtpolitik. Nun hält Sohn Markus, 50, seit 2006 im Ortsbeirat 6, die Fahne der Familie und der Stadtteil-CDU hoch. Die Wahlmüdigkeit der Griesheimer treibt ihn, den Lokalpatrioten, nicht um, er hat auch nicht viel Wahlkampf gemacht. Auf 32,5 Prozent kam die CDU 2013, offenbar genügt das. Aber selbst im Süden gab es keinen Bezirk, der an die 55 Prozent Wahlbeteiligung heranreichte. Das muss doch wurmen. „Da kann man nichts tun“, sagt Markus Wagner, „in Griesheim-Mitte schon gar nicht.“

Wenn er da durch die Siedlungen gehe, höre er überall nur fremde Fernsehprogramme. „Die Leute interessieren sich einfach nicht für deutsche Politik“, sagt Markus Wagner. „Wenn ich in der Türkei wohnen würde, ginge es mir vielleicht genauso.“ Was würde er den Leuten sagen, wenn er auf sie zuginge? Wenn sie ihm zuhörten? „Ihr habt hier alle Chancen, nutzt sie.“

Unweit von Markus Wagners Haus ist die Boehleschule, die Grundschule in Süd. Auf dem Pausenhof vor dem wilhelminischen Gebäude sind unlängst Holzpavillons errichtet worden. Die Schule brauchte dringend neue Räume, sie hat neue Räume bekommen. Nun steht Markus Wagner vor dem Tor zur Boehleschule und schaut zufrieden aus.

Wie es einem Viertel geht und ob die Politik sich kümmert oder nicht, mag man am Zustand der Grundschule ermessen.

Dieser Tage sprach Ingrid König, die Leiterin der Berthold-Otto-Schule in Griesheim-Mitte, mit der Kanzlerin. Im ZDF war das, „Wahlarena“, Bürgerfragestunde. Ingrid König fragte die Kanzlerin, warum es unmöglich sei, bestimmte Probleme anzusprechen, ohne gleich in die rechte Ecke geschoben zu werden. Sie erzählte von ihren Kindern, die ohne Frühstück im Magen zum Unterricht kommen, die zu Hause Gewalt erleben, die sich kaum konzentrieren können. Ingrid König sagte, dass man doch Probleme erst lösen könne, wenn man sie klar benennen würde. und dass die Politik mehr zuhören müsste. Die Kanzlerin stimmte ihr zu.

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